Die Erwartungen, die Adelheid Herrmann-Pfandt an ihre Käthe-Leichter-Gastprofessur im Bereich der Religionen Südasiens und Tibet geknüpft hat, haben sich mehr als erfüllt: "Das Niveau am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde ist außerordentlich hoch, und ich konnte wertvolle Kontakte knüpfen", resümiert die Religionswissenschafterin, die vor allem die guten Arbeitsbedingungen am Institut schätzt: "Besonders freue ich mich über die außerordentlich vielen spannenden Gastvorträge von bekannten KollegInnen aus aller Welt."
Vielseitige Wissenschafterin
Adelheid Herrmann-Pfandt hat in Erlangen und Bonn Religionswissenschaft, Klassische Philologie, Geschichte, Indologie, Tibetologie und Indische Kunstgeschichte studiert und beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit asienbezogener Frauenforschung, was sie auch nach Wien geführt hat. "Dabei sind es unter anderem die Themen 'buddhistische Frauen und Göttinnen', 'Frauen und Männer im Hindi-Film' sowie 'geschlechtsspezifische Aspekte von Religion und Politik in Indien', die mich interessieren und die ich in Lehrveranstaltungen mit Studierenden bearbeitet habe", so Herrmann-Pfandt.
Mit dem Forschungsschwerpunkt "Religion im indischen Film" beschäftigt sich die Religionswissenschafterin erst seit kurzem: "Diese Filme verfügen über ein enormes Potenzial als religionswissenschaftliche Quellen. Die Struktur sowie die Ethik der Filme sind oftmals komplett religiös unterlegt." So haben manche aus westlicher Sicht auffällige Elemente wie die besondere Verehrung der Mutter im indischen Film religiöse Wurzeln.
Frauen und Göttinnen
Entgegen einer in Europa weitverbreiteten Meinung handelt es sich bei Bollywoodfilmen nicht nur um romantische Liebesfilme. So kommt viel Gewalt im indischen Film vor, z.B. das Thema "Rachefeldzug": "Das Interessante dabei ist, dass in manchen solcher Rachefilme die Frau im Hintergrund - sozusagen als Agentin des Rachefeldzugs - die Fäden zieht, oder eine Göttin der Frau dabei hilft, den Tod ihrer Söhne zu rächen." Die Tatsache, dass die Geschichten der Filme mit altindischer Mythologie unterlegt sind und eine sehr vielschichtige Interpretation ermöglichen, ist für die Indienspezialistin ein weiterer wissenschaftlich interessanter Aspekt.
Indische Kultur erleben
Für Adelheid Herrmann-Pfandt, die bisher überwiegend als Altertums- und Mittelalterforscherin gearbeitet hat, ist das Thema des indischen Films aber auch deshalb spannend, weil sie sich nun wieder einmal mit dem "Hier und Jetzt" beschäftigen kann. "Filme sind ein Aspekt der indischen Kultur, die jeden im Land - vom Kellner bis hin zur Universitätsprofessorin - interessieren und worüber auch so gut wie jeder Inder und jede Inderin viel weiß", so die Wissenschafterin, die es faszinierend findet, mit einem Taxifahrer in Kolkata über ihr wissenschaftliches Thema diskutieren zu können: "Auf diese Weise kann ich noch viel intensiver in die indische Kultur eintauchen."
Respekt vor den Menschen…
Ihr Interesse für Tibet und Indien wurde aber auch durch den starken Asienbezug ihrer Familie geweckt: "Die Tätigkeit meines Vaters als Militärberater in China sowie seine Tibetexpedition haben dazu geführt, dass ich schon früh mit verschiedenen asiatischen Kulturen in Kontakt gekommen bin", erzählt Adelheid Herrmann-Pfandt, die die Offenheit für andere Kulturen und Religionen auch ihrer 19jährigen Tochter weitergegeben hat: "Bei meinem einjährigen Forschungs- und Studienaufenthalt in Indien ging meine Tochter auf eine indische Grundschule und lernte vor Ort, was es bedeutet, wenn vier Weltreligionen an einem Ort friedlich zusammenleben."
…und deren Religion
Als Religionswissenschafterin ist es ihr wichtig, nicht nur die Person eines Menschen zu respektieren, sondern auch das, was ihm in vielen Fällen das Wichtigste ist: seine Religion: "Ich bin Religionswissenschafterin geworden, weil dieses Fach nicht davon ausgeht, dass irgendeine Religion einen stärkeren Wahrheitsanspruch hat als die anderen. Der Gedanke, andere zu missionieren, ist mir völlig fremd und unverständlich."
Daneben versucht die vielseitige Wissenschafterin, niemals die Verbindung zwischen den erforschten Themen und den Leuten, in deren Leben diese Themen eine Rolle spielen, aus den Augen zu verlieren: "Wenn ich mich mit dem Buddhismus beschäftige, so heißt das, dass ich mich nicht nur mit abstrakten Ideen, sondern mit den Menschen beschäftige, die in buddhistischen Kulturen leben", erklärt Herrmann-Pfandt, die nach dem Wiener Semester ihren dreijährigen Forschungsauftrag zur tibetisch-buddhistischen Nyingmapa-Ikonographie wieder aufnehmen und dazu auch erneut nach Indien und Tibet reisen wird. (ps)
Die Gastprofessorin Prof. Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt M. A. hält am Montag, 22. Juni 2009, um 18 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien die Käthe-Leichter-Vorlesung zum Thema "Frauen mit Dreizack: Die Göttin Kali und das Motiv des weiblichen Rachefeldzuges im zeitgenössischen Hindi-Film". |