Projiziert man die sprachliche Situation Kameruns auf Österreich, gäbe es hier etwa 160 Sprachen. Wir AfrikanistInnen meinen hier Sprachen und nicht "Dialekte" oder "Idiome", wie häufig herabwürdigend berichtet wird. Wenn auch die ehemaligen Kolonialsprachen, vor allem Englisch, Französisch und Portugiesisch, zu den afrikanischen Sprachen gerechnet werden, darf nicht übersehen werden, dass ihre Sprecherzahl in den jeweiligen Ländern nicht über zehn bis 20 Prozent liegt. So sprechen in Nigeria mehr Menschen Igbo, Hausa oder Yoruba als die ehemalige Kolonialsprache Englisch.
Unterricht nicht in der Muttersprache
Wie geht ein afrikanisches Land mit seinem Sprachenreichtum um? Wenn man die Vielfalt ignoriert und den Unterricht nur auf Englisch, Französisch oder Portugiesisch abhält, würde das bedeuten, dass die Schulkinder in einer ihnen fremden Sprache Mathematik, Geschichte oder Biologie vermittelt bekommen. Der nigerianische Erziehungswissenschafter Babs Fafunwa drückte vor 30 Jahren diesen Zwiespalt so aus: "Es ist allgemein anerkannt, dass ein Kind am besten in seiner Muttersprache lernt. Doch nur in Afrika, vielleicht auch noch in einigen anderen ex-kolonialen Ländern, wird Bildung einem Kind in einer ihm fremden Sprache vermittelt. Es ist meine Hoffnung, dass die Zeit nicht fern sein wird, wenn nigerianische Wissenschafter, Ingenieure, Techniker, Modernisierer und Erfinder Tische, Bänke, Turbinen, sogar Atomreaktoren in Hausa, Igbo, Yoruba, Efik, Nupe, Tiv und anderen nigerianischen Sprachen konstruieren werden."
In den mehr als 50 Staaten Afrikas gibt es unterschiedliche Wege, die nationalen Sprachen im Bildungssystem zu integrieren. Gemeinsame, überstaatliche Aktivitäten gab es bisher kaum. Erst durch die Gründung der "African Academy of Languages" (ACALAN) 2001 und deren formelle Angliederung an die Afrikanische Union wurde ein Forum geschaffen, das die gemeinsamen Anstrengungen schneller und effizienter zum Ziel führen soll.
Kulturelle Identität und nationale Einheit
Sprach-, Erziehungs- und KulturwissenschafterInnen kamen von 18. bis 20. Oktober in Wien zusammen, um mit ihren europäischen Kolleginnen und Kollegen über Erfahrungen und zukünftige Aktivitäten zu beraten. Auf dem Symposium konnten natürlich nur Ausschnitte des komplexen Themas behandelt werden. Wichtig waren der Austausch der Erfahrungen und ein Bewusstmachen der Komplexität und der Umsetzung der bevorstehenden Aufgaben. Ausgehend von der Übereinstimmung, dass die eigene Sprache ein wichtiges Vehikel ist, kulturelle Identität, nationale Einheit und Bildungschancen zu fördern, sind ExpertInnen in Afrika optimistisch, dass gemeinsame pan-afrikanische Aktionen die Chancen erhöhen, Bildung und Kommunikation zu verbessern.
Brauchen wir Afrika ? braucht Afrika uns?
Warum beschäftigen wir uns in Europa mit afrikanischen Sprachen und führen Veranstaltungen, durch, die sich mit Themen befassen, die nach Afrika gehören? Die im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa aufblühende Orientalistik, der Kolonialismus und christliche Missionare trugen zur Entstehung der afrikanistischen, aber teilweise eurozentrischen Disziplin in Europa bei. Mit der Dekolonisierung (ab ca. 1960) wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprachen auch in Afrika verstärkt. Von Anfang an hat sich eine enge internationale Kooperation zwischen Europa und Afrika entwickelt. In den letzten Jahren ist - zum Beispiel durch die Gründung von ACALAN - auch die pan-afrikanische Zusammenarbeit bestärkt worden. Die AfrikanistInnen, die außerhalb Afrikas tätig sind, hängen stark von einer engen Kooperation ab, um auch zu erfahren, welche Forschungsaktivitäten Priorität haben. Nur so können wir eine problemorientierte Afrika-Linguistik betreiben.
In Österreich wird über zweisprachige Ortstafeln gestritten, in der wachsenden Europäischen Union über immer mehr Sprachen und immer mehr Übersetzer diskutiert. In Afrika würde man darüber den Kopf schütteln. Wie gering sind hier die Herausforderungen gegenüber dem Sprachenreichtum auf unserem Nachbarkontinent. Natürlich ist auch dort nicht alles konfliktfrei. Aber viele Menschen haben erkannt, dass die sprachliche Vielfalt auch kulturelle Vielfalt ist.
O. Univ.-Prof. Dr. Norbert Cyffer ist stellvertretender Vorstand des Instituts für Afrikanistik an der Universität Wien. Von 18. bis 20. Oktober 2006 fand die internationale Tagung "Afrika - Kontinent der sprachlichen Vielfalt" an der Universität Wien statt. Veranstaltet wurde sie vom Institut für Afrikanistik der Universität Wien und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur in Zusammenarbeit mit der österreichischen UNESCO-Kommission. |