Zur Vorsitzenden der Kommission wurde die deutsche Biowissenschafterin Ulrike Beisiegel bestellt, die seit 2007 Sprecherin des "Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft" (DFG) ist. Am Donnerstag, 25. Juni 2009, wurde die "Agentur für wissenschaftliche Integrität" (AWI) in Wien präsentiert. Unter dem Eindruck von Plagiatsfällen und mehreren Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die auch international für Aufsehen sorgten, wurde die AWI im Vorjahr gegründet.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn bezeichnete die Agentur als "wichtigen Schritt zur Qualitätssicherung des Forschungsstandorts Österreich". Dass ausschließlich ausländische ExpertInnen der Kommission angehören, räume alle Verdachtsmomente was etwa Netzwerke betreffe aus. Hahn geht davon aus, dass innerhalb eines Jahres alle Universitäten sowie größeren Forschungseinrichtungen und -förderer Mitglied der als Verein organisierten AWI sind.
Interdisziplinäre Kommission
Derzeit sind 15 Universitäten – darunter auch die Universität Wien -, die Akademie der Wissenschaften, das Institut of Science and Technology (IST) Austria, der Wissenschaftsfonds FWF und der Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds (WWTF) Mitglied der Agentur. Von den Universitäten fehlen u.a. die Technische Universität Wien sowie die Universitäten Innsbruck, Linz und Klagenfurt.
Der Kommission gehören Ulrike Beisiegel (Universität Hamburg) für den Bereich Lebenswissenschaften, Pieter Emmer (Universität Leiden) für Geisteswissenschaften, Paul Kleihues (Universität Zürich) für Medizin, Gerhard Wegner (Max-Planck-Institut für Polymerforschung, Mainz) für Natur- und Technik-Wissenschaften und Peter Weingart (Universität Bielefeld) für Sozialwissenschaften an. Nicht stimmberechtigtes, beratendes Mitglied ist Robert Rebhan vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien.
Die Mitglieder haben bei der konstituierenden Sitzung am Mittwoch, 24. Juni 2009, Ulrike Beisiegel zur Vorsitzenden gewählt. Sie ist für FWF-Chef Christoph Kratky "in Europa wahrscheinlich die Person, die am besten dafür geeignet ist". Mit ihrer Erfahrung bei dem mit den gleichen Aufgaben betrauten DFG-Ombudsman soll sie die AWI "in der hochkritischen Anfangsphase auf Schiene bringen".
Beisiegel bezeichnete die Kommission aufgrund ihrer Interdisziplinarität als sehr gut zusammengesetzt. Was das Gremium als wissenschaftliches Fehlverhalten betrachte, übernimmt die AWI aus einem Katalog der Universität Wien. Konsequenzen bei Fehlverhalten wird die Agentur keine ziehen, das bleibt den jeweiligen Institutionen, also etwa den Universitäten, Disziplinarkommissionen oder Gerichten vorbehalten. Für Beisiegel ist die Agentur deswegen aber nicht zahnlos, sie werde Empfehlungen abgeben und in Deutschland sei der DFG-Ombudsman durchaus eine Autorität.
Rektor Winckler: Fälle nicht nur intern behandeln
"Wo so viele Forschungsleistungen erbracht werden und publiziert wird, wird es wissenschaftliches Fehlverhalten geben", macht sich der Rektor der Universität Wien, Georg Winckler, unter Hinweis auf die hohe Zahl an ForscherInnen an seiner Universität (rund 6.000) keine falschen Illusionen. Dabei reiche es nicht aus, solche Fälle nur intern zu behandeln, dies würde den Verdacht nähren, dass es aus Gründen falsch verstandener Kollegialität zu Vertuschungen komme. "Man muss auch nach Außen glaubwürdig mit wissenschaftlichen Fehlverhalten umgehen", so Winckler.
Ein "hohes Gut" ist für Beisiegel Vertraulichkeit, nicht nur zum Schutz von Informanten, sondern auch von Beschuldigten. Dennoch will die Kommission Beschuldigten gegenüber den/die Hinweisgeber/in nennen. Ob anonymen Hinweisen nachgegangen werde, sei eine "Frage der Nachvollziehbarkeit". Zwei Mal im Jahr will die Kommission einen anonymisierten Bericht über ihre Arbeit herausgeben, mit Zahl und Art der Fälle, "um rückzuspiegeln, wo es Probleme gibt".
Ausgehend von den rund 50 bis 60 Anfragen an den DFG-Ombudsman in Deutschland, aus denen dann rund 25 bis 30 Verfahren entstehen, rechnet Beisiegel mit rund zehn bis 15 Fällen in Österreich. Viele Anfragen an die AWI seien aber kein schlechtes, sondern im Gegenteil ein exzellentes Zeichen, "weil die Wissenschafter die Selbstkontrolle ernst nehmen". Es dauere aber einige Zeit, bis eine solche Stelle wirke, in Deutschland sehe man nach zehn Jahren erste Erfolge in Form einer Bewusstseinsänderung. Deshalb will die Agentur auch schon bei den jungen Wissenschaftern ab der Diplomarbeit ansetzen "und sie Redlichkeit und Integrität lehren". (APA)
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