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Der Botanische Garten lädt zum Flanieren ein.


Frank Schumacher ist technischer Leiter des Botanischen Gartens.


Gärtner Andreas Müller kümmert sich um die Pflege von Kakteen und Sukkulenten.


Kaktus oder nicht Kaktus? Die linke Pflanze ist einer, die andere ein Wolfsmilchgewächs.


Lehrlingsausbildner Thomas Backhausen vor einer seiner Lieblingspflanzen, der Gunnera oder dem Elefantenblatt.


Ein Prachtexemplar von 900 Gehölzen, die es im Botanischen Garten gibt.


Der Botanische Garten ist eine grüne Oase mitten in der Stadt.


Botanischer Garten der Universität Wien (HBV)
Alltag im Botanischen Garten
Vielfältiger Uni-Alltag
Simone Kremsberger (Redaktion) am  7. September 2006

Im Botanischen Garten der Universität Wien kommt vieles zusammen: Forschung und Lehre, Arten- und Naturschutz, Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit und auch Erholung. Im gärtnerischen Mittelpunkt stehen aber immer die Pflanzen der lebenden Forschungs- und Lehrsammlungen, mit deren Pflege tagtäglich 35 MitarbeiterInnen befasst sind.

Der Sonnenaufgang ist für DI Frank Schumacher eine der schönsten Tageszeiten im Botanischen Garten. Bevor die ersten SpaziergängerInnen die Pflanzenoase mitten in der Stadt erkunden, beginnt für den technischen Gartenleiter und seine MitarbeiterInnen ein neuer Arbeitstag. Denn auf acht Hektar Fläche ? Freiland und Glashäuser ? wollen 9500 Pflanzenarten und 30.000 Pflanzenindividuen versorgt werden. Rundgang im "Revier" "Zuerst machen unsere Gärtner einen Rundgang in ihren Bereichen oder 'Revieren', wie wir sie nennen", erzählt Schumacher. Jeder Baum und jeder Ast wird regelmäßig kontrolliert: "Da der Garten öffentlich genutzt wird, ist das besonders wichtig. Denn wenn einmal ein großer Ast herunterstützt und ein Besucher verletzt wird, ist das einmal zu viel!" Auch im Gewächshaus steht ein morgendlicher Rundgang an der Tagesordnung: Die Belüftungssysteme werden kontrolliert, die Pflanzen gesichtet. Pflege nach Saison Zur gleichen Zeit beginnt die Pflege der Pflanzen, die sich nach der jeweiligen Witterung und Saison richtet: "Bei rund 20 Grad werden die Freilandanlagen dreimal pro Woche gegossen. Bei Hitze muss täglich gegossen werden, aber unabhängig von Hitze oder Regen sind sämtliche Anzuchten und Kulturen in Töpfen täglich zu überprüfen", so Schumacher. Und natürlich sind die Arbeiten im Garten abhängig von der Jahreszeit. Im nahenden Herbst stehen Tätigkeiten wie Wässern der Immergrünen, Rasenmaht, Laubharken und Gehölzschnitt an, nicht winterfeste Pflanzen müssen im Freien geschützt oder hereingeholt werden.  Einzigartige Kakteengruppe Dazu zählen die Kakteen. Andreas Müller arbeitet seit 1997 im Botanischen Garten und ist für Kakteen und Sukkulenten im Freiland und im Gewächshaus zuständig. Er ist stolz auf die Freilandgruppe von Kakteen, die in der warmen Jahreszeit die Gartengäste und StudentInnen unweit vom Haupteingang begrüßt: "Diese Gruppe ist fast einzigartig im winterkalten Mitteleuropa, da die meisten Gärten für die Kakteen Schauhäuser haben." Die Pflege der geografisch zusammengestellten Lehr- und Schaugruppe, wo wasserspeichernde Pflanzen von Südafrika bis zu den Kanaren versammelt sind, ist aufwändig: "Im Frühling räumen wir die Gruppe ins Freie, im September/Oktober wieder in die Glashäuser", sagt der passionierte Gärtner. "Das nimmt jeweils drei bis vier Wochen in Anspruch." Doch Müller hat Freude an seiner Arbeit: "Es ist jedes Mal ein schöner Moment, wenn die Kakteen im Winter eingeräumt sind und man sie vom Arbeitsraum aus in den Glashäusern sehen kann. Draußen liegt Schnee, drinnen sind die Schützlinge behütet." Lehrlingsausbildung im Botanischen Garten Bei ihren Arbeiten werden die Gärtner von Gartenarbeitern, Handwerkern und Lehrlingen unterstützt. Elf Lehrlinge lernen derzeit im Botanischen Garten ihr Handwerk. "Seit 1983 gibt es hier Lehrlingsausbildung", erinnert sich Thomas Backhausen. Der Gärtner, der für die Lehrlingsausbildung zuständig ist, muss es am besten wissen: War er doch selbst beim ersten Ausbildungsdurchgang dabei. Seither wurden 69 Lehrlinge im Botanischen Garten zum landwirtschaftlichen Gärtnergesellen ausgebildet; sieben Lehrlinge wurden bisher nach drei Jahren Lehrzeit übernommen. "Genauigkeit, Verlässlichkeit und der berühmte grüne Daumen" seien wichtig für zukünftige Gärtner, meint Backhausen. Die Nachwuchsgärtner lernen klassische Gartenarbeit und werden an die Besonderheiten der Pflege und Dokumentation wissenschaftlicher Pflanzensammlungen herangeführt. Als "Zuckerl" dürfen sie sich aber auch im Experimentieren im Glashaus versuchen. Pflege, Experiment und Dokumentation Denn das Experiment ist für Gartenleiter Schumacher neben Erhaltung und Pflege der Pflanzen ein wichtiges Standbein des Gartens: "Damit ist kein Experiment im wissenschaftlichen Sinn gemeint, sondern unbekannte Pflanzen zu kultivieren und eine Kultur so zustande zu bringen, dass die Pflanze zunächst überlebt und dann auch blüht und fruchtet und für Wissenschaft und Lehre verfügbar ist." Als drittes Standbein nennt Schumacher die Dokumentation. Jede Pflanze wird mit einem Etikett versehen und dokumentiert. Erholung und Information Die Dokumentation der Pflanzen ist die Voraussetzung für jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen. "Eigentlich wurde der Garten vor 250 Jahren gegründet, um den Studierenden die lebenden Pflanzen zu zeigen", erzählt Schumacher. Diese Funktion besteht auch heute. Doch die meisten der 150.000 BesucherInnen im Jahr betrachten den Botanischen Garten nicht als wissenschaftlich-akademische, sondern als Erholungs- und Informationseinrichtung. Tagestourismus im Garten "Am Vormittag kommt die nicht-berufstätige Bevölkerung aus der Umgebung, vor allem ältere Personen und Schulklassen", schildert Frank Schumacher. "Dann kommen Touristen und Eltern mit Kinderwägen, und mittags machen Leute aus den umliegenden Büros und Botschaften gern hier Pause. Ab 15 Uhr kommt die arbeitende Bevölkerung aus der Umgebung, und am Wochenende ist der Garten oft Ziel von Familienausflügen." Wissenschaft und Gesellschaft Doch nicht nur Flanieren und Parkbank-Sitzen ist angesagt, viele Menschen kommen auch, um sich zu informieren. Sie bleiben vor einzelnen Pflanzen stehen, lesen Schilder und studieren Infotafeln. "Die Wissenschaft ist hier in Form von Information präsent", sagt Schumacher. "Es gibt Beschilderungen, Broschüren, Führungen und Ausstellungen." Über 200 Führungen im Jahr werden angeboten, zusätzlich finden Veranstaltungen wie die Alpenpflanzenschau oder die Raritätenbörse ihr Fach- und Liebhaberpublikum. Panda, Klimt ? und Grasbaum Garten und Gärtner brauchen allerdings eine Pause. Wenn abends der Garten schließt, kehrt Ruhe ein. Bis auf die MitarbeiterInnen, die im Winter im Nachtdienst tätig sind: "Das ist ein Sicherungssystem, um zu verhindern, dass durch einen Heizungsausfall Schäden an den Sammlungen entstehen", erläutert Schumacher. "Manche Verluste an den Sammlungen wären kaum ersetzbar, zum Beispiel der über hundertjährige Grasbaum oder die alten Cycadeen, auch Orchideen und Bromelien der aktuellen Forschungssammlungen, deren ehemalige Standorte zum Teil nicht mehr existieren. Das wäre so, als ob die Pandabären im Zoo Schönbrunn bei einem Kälteeinbruch nachts erkranken und in Folge sterben oder im Museum ein Gemälde verbrennt. Der Verlust wäre finanziell nicht zu beziffern und Geld würde auch wirklich nicht helfen. Einzig unsere Pflanzen sind nicht so berühmt wie der Panda oder der Klimt." (sk)

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