Logo der Uni Wien
Logo der Uni Wien
Logo der Online-Zeitung
Online-Zeitung der Universität Wien
  •   Home
  •   Forschung
  •   Wissenschaft &     Gesellschaft
  •   Studium & Lehre
  •   Professuren
  •   Personalia
  •   Service
  •   Dossiers
  •   UniBlicke

Hans Taeuber auf den Spuren antiker Graffiti, Foto: privat.


Kampfszene, ein Kämpfer (Gladiator?) bereits verwundet am Boden; Fotos: Hans Taeuber


Griechisches Lobgedicht auf die Herrschaft Roms


Zahlenrätsel mit verschlüsseltem Namen der Geliebten


Zwei Gladiatoren (einer mit Rüstung und ein Netzkämpfer mit Dreizack)


Fresko mit zahlreichen Graffiti, darunter Zahlenrätsel


Jagdszene: Jagdhund verfolgt zwei Rehe (Schautafeln)


Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät "Hanghaus 2" in Ephesos für TouristInnen geöffnet
Antike Graffiti: geritzt, nicht gesprüht
Forschungsprojekte
Anna Kim (Redaktion) am 30. Mai 2006

Er versucht, den Graffiti so viel Information wie nur möglich zu entnehmen ? das betrifft etwa das Alltagsleben, die Entwicklung der Sprache und Schrift oder die Wirtschaft. "Es gibt eigentlich keinen Bereich des antiken Lebens, der nicht durch die Graffiti neu beleuchtet werden könnte", meint Hans Taeuber, Graffiti-Spezialist bei den Ausgrabungen in Ephesos. Nun hat der Althistoriker fast alle Graffiti entschlüsselt.

Man sagt, dass die modernen Graffiti ihre Wurzeln im New York der 1970er Jahre haben. Angeblich hinterließ ein griechischstämmiger Botenjunge sein Pseudonym TAKI183 während seiner Botengänge durch die Stadt an Wänden und Mauern; durch einen Artikel in der New York Times wurde das Faible dieses Jungen bekannt und das "tagging" war geboren ? mit Marker oder Filzstift Kürzel oder Pseudonyme möglichst auffällig an Wänden, Türen, Bänken etc. anzubringen. Der Botenjunge war allerdings keinesfalls der Urvater der Graffiti ? den gilt es, in der Römischen Antike zu suchen ? Graffiti: ursprünglich in die Wand geritzt Die modernen Graffiti seien nur zu einem geringen Teil vergleichbar mit den in Ephesos gefundenen, die fast durchwegs aus dem zweiten und der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Christus stammen, erklärt Ass.-Prof. Dr. Hans Taeuber vom Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik. "Die ephesischen Graffiti wurden in die Wände geritzt, nicht gesprüht. Während die Stein-Inschriften für die Ewigkeit gedacht und quasi als öffentliche Publikation meistens mit einer gewissen rechtlichen Relevanz, z.B. bei Verträgen und Ehrungen, verbunden waren, dokumentieren die Graffiti das Alltagsleben", sagt der Altertumsforscher. Denn alles, was aus einer momentanen Laune oder Bedürfnis heraus aufgeschrieben werden wollte, wurde in die (eher weichen) Wände mit einem "Stilus" geritzt: einem Griffel aus Knochen oder Elfenbein, aber auch Metallgeräte wie Messer oder Nadeln wurden verwendet. Immer im Rudel "Interessant ist, dass die Graffiti immer gehäuft auftreten. Es gibt in Ephesos Räume, in denen kein einziges Graffito, und andere, wo bis zu 120 Graffiti zu finden sind", erzählt Hans Taeuber. In diesen Räumen wurde vermutlich die Wandmalerei über längere Zeit nicht erneuert. Denn in der Antike wurde die Malschicht normalerweise nicht heruntergeklopft, wenn die Malerei unansehnlich geworden war, sondern man brachte eine neue Schicht über der alten an, sodass von den Historikern bis zu sieben Schichten Wandmalerei übereinander gefunden wurden. "Im Schnitt kann man sagen ? obwohl das wirklich nur eine Faustregel ist ?, dass diese Schichten 20 bis 30 Jahre in Verwendung waren." Und wenn über längere Zeit eine Wand für verschiedene Menschen zugänglich war, kam es zu dieser Graffiti-Häufung. Antike Bilder ? Doch wie sehen antike Graffiti eigentlich aus? "Bei den rund 600 in Ephesos gefundenen Graffiti handelt es sich um etwa 500 Texte und 100 Bilder", so der Graffiti-Spezialist. Bildlich wurden hauptsächlich Personen festgehalten, etwa Pallas Athene, aber auch Berühmtheiten wie Gladiatoren. Gefunden wurden außerdem eine Jagdszene, Karikaturen und Tiere: Nutztiere wie Rinder, Pferde und Hühner, aber auch Kiebitze, Damhirsche, Panther und Störche. ? und Post-Its "Mit Ausnahme weniger lateinischer Texte sind die ephesischen Graffiti-Texte durchwegs in Griechisch abgefasst", erklärt Hans Taeuber. "Die angewandten Schriftformen reichen von sehr sorgfältiger 'Monumentalschrift' bis zur extremen, der dokumentarischen Papyrusschrift ähnelnden Kursive, wobei auch die unterschiedliche Routine der Schreiber deutlich zu erkennen ist. Mehrere, teils unvollständige Alphabete zeugen von Anfängerübungen."

Inhaltlich handle es sich teilweise um Namenseinritzungen, wie bei den modernen Graffiti. Hans Taeuber entdeckte aber auch Lobpreisungen auf großzügige Gastgeber ("eines sogar in Gedichtform"), Handwerkerrechnungen an den Wänden ("zum Beispiel von Installateuren, die eine Wasserleitung in Ordnung gebracht hatten") und Ausgabenlisten: "Auf den rund 30 gefundenen Listen sind die Haushaltsausgaben eines bestimmten Tages mit einzelnen Posten und aufgewendetem Betrag aufgezählt. Wahrscheinlich haben Sklaven oder andere Hausangestellte auf diese Weise Rechenschaft über die ihnen anvertraute Summe abgelegt. Hier war die Wand quasi ein antikes Post-It", sagt Hans Taeuber. ? neben Wachstäfelchen Das war allerdings nicht der Regelfall: Üblicherweise wurden für Abrechnungen oder Notizen Wachstäfelchen verwendet. "Wenn aber keines bei der Hand war und es nicht allzu sehr auf die Schönheit des Raumes ankam, musste die Wand herhalten ? für uns ein Glücksfall, denn dadurch können wir erahnen, wie der antike Alltag aussah. Außerdem ermöglichen uns die Graffiti eine genauere Datierung der Ausgrabungsbefunde und der Wandmalerei in Ephesos." Graffiti waren üblich Graffiti zu hinterlassen, war in der Antike üblich. Man hatte also nicht zu befürchten, dass der Gastgeber sauer war, wenn er auf seiner Wand ein Graffito fand. "Ein interessantes Graffito fanden wir in einer Latrine", so Prof. Taeuber. "In ihm wird einem gewissen Salutaris sexuelle Betätigung mit beiden Geschlechtern angeraten. Dieser Salutaris ist uns gut bekannt aus einer Stiftungsinschrift. Er stiftete 20.000 Denare, unter anderem für die Herstellung von Gold- und Silberstatuen des Kaisers Trajan. Diese Statuen wurden während der Sitzungen der Volksversammlung im Theater von Ephesos aufgestellt, ansonsten aber in jener Wohnung verehrt, wo auch das Graffito gefunden wurde." Römisches Lebensgefühl Hans Taeuber fand auch ein Epigramm, das "ein interessantes Licht auf das Lebensgefühl der damaligen Menschen wirft". Es lautet: "Rom, du alles Beherrschende, möge deine Macht niemals untergehen" ? in griechischer Sprache. "Das deutet darauf hin, dass auch die Einheimischen die römische Herrschaft geschätzt haben, weil sie ihnen Frieden und wirtschaftlichen Aufschwung brachte. Möglicherweise mussten sie damals befürchten, dass die Herrschaft zu Ende geht, und sie haben versucht, sie durch diese Beschwörung etwas zu verlängern." (ak) In dem seit 1967 unter der Leitung von Hermann Vetters (1915–993)  freigelegten "Hanghaus 2" in Ephesos wurde u.a. auch eines der größten Ensembles nachpompeijanischer Wandmalerei gefunden, das bis dahin bekannt war. Seit 1992 wurden mehr als 600 Graffiti und Dipinti (gemalte Inschriften) auf diesen Wandmalereien in jährlichen Kampagnen systematisch aufgenommen. Die Untersuchung der Graffiti wird in Kooperation mit dem Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI, Leitung: Univ.-Prof. Dr. Friedrich Krinzinger) von Hans Taeuber durchgeführt. Rund 95 Prozent wurden inzwischen aufgezeichnet, die fehlenden fünf Prozent sollen bis 2007 aufgenommen sein. Literaturhinweis:
Hans Taeuber: "Graffiti", in: Hilke Thür: Das Hanghaus 2 in Ephesos. Die Wohneinheit 4. Baubefund, Ausstattung, Funde. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2005, S.132-143. 441 Seiten Textband, 246 Seiten Tafelband mit 224 Farbtafeln.

Seit 1895 werden vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) planmäßige Ausgrabungen in Ephesos vorgenommen. Dabei wurden weite Bereiche der Stadt aufgedeckt, neben öffentlichen Bauten auch einige große Wohnhäuser, so genannte Hanghäuser, die mit Wandmalereien und Mosaiken zu den besterhaltenen privaten Wohnbauten im östlichen Mittelmeerraum gehören.

In Ephesos erhob sich das uralte Heiligtum der Artemis, eines der sieben Weltwunder. Ephesos war der Endpunkt der berühmten persischen Königsstraße von Susa nach dem Westen. Das alte Ephesos ist die Stadt des Philosophen Heraklit und war ein Handels- und Kulturzentrum ersten Ranges. Ephesos stand als Großstadt nach Rom an dritter Stelle. In Ephesos befinden sich wichtige christliche Stätten: u.a. das Grab des Apostels Johannes, das Theater als Schauplatz der Apostelgeschichte und der Ort des Konzils von Ephesos, dem Beginn des Marienkultes.EU-weit verdienen Frauen brutto pro Stunde um 16 Prozent, in Österreich um 20 Prozent weniger als Männer.

   

<< zurück zur Übersicht
 
Impressum Druckversion
Universitat Wien | Dr.-Karl-Lueger-Ring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0