Raymond Williams (1921–988) ist einer der Gründungsväter der Cultural Studies. Seine Überlegungen zum Kulturbegriff und seine Analysen populärer Texte revolutionierten die wissenschaftliche Herangehensweise und erweiterten den Kulturbegriff. Kultur war nicht länger nur Hochkultur, sondern 'a way of life'. Der britische Wissenschafter, Autor und Kritiker stammte selbst aus der Arbeiterklasse, konnte - ermöglicht durch ein Stipendium - studieren und war lange in der Erwachsenenbildung tätig. Seine Bücher "Culture and Society" (1958) und "The Long Revolution" (1961) trugen wesentlich zur Geburt der Cultural Studies bei. Von 1974 bis 1983 war Williams Professor für Drama an der University of Cambridge.
Eine seiner StudentInnen dort war Patricia Häusler-Greenfield, MA, die lange am Institut für Anglistik und Amerikanistik unterrichtete und seit Oktober 2005 in Pension ist. Ihr zu Ehren findet nun am Wochenende das Symposium "About Raymond Williams. A Conference" statt. Dabei halten unter anderem Vorträge: Terry Eagleton, einer der bedeutendsten britischen Kulturkritiker und Kulturtheoretiker, war Patricia Häusler-Greenfields Tutor. Klaus H. Gustav war einer der ersten, der Williams im deutschsprachigen Raum rezipierte. Charlotte Brundson ist eine der britischen Tradition in den Kulturwissenschaften verpflichtete Fernseh- und Filmwissenschafterin. Und Lawrence Grossberg, der auch schon als der Rock-Intellektuelle unter den Protagonisten der Cultural Studies bezeichnet wurde, hat als Schüler von Stuart Hall die britische Tradition amerikanisiert. Wir sprachen mit der Co-Organisatorin der Veranstaltung, Ao. Univ.-Prof. Dr. Monika Seidl.
Redaktion: Wieso haben Sie für Patricia Häusler-Greenfield diese Konferenz organisiert? Monika Seidl: Üblicherweise ehrt man ProfessorInnen durch die Herausgabe einer Festschrift, ich meine aber, dass eine Konferenz eine größere Breitenwirkung hat, und es war immer ein Anliegen von Patricia Häusler-Greenfield, das Gelernte weiterzugeben. Zusätzlich sind Konferenzbände in Englisch und Deutsch geplant. Patricia Häusler-Greenfield war eine sehr inspirierende Persönlichkeit und ich hoffe, dass die Tagung die Anwesenden in ihrer Arbeit, in Lehre und Forschung inspirieren wird.
Redaktion: Welche Bedeutung hat Raymond Williams für die Cultural Studies? Seidl: Raymond Williams spielt eine zentrale Rolle für die Cultural Studies. Er erweiterte den Kultur- und Textbegriff und lehrte, dass nicht nur ästhetische Kriterien bestimmen, was es wert ist, analysiert zu werden. Williams hat Hoch- und Populärkulturelles ganz selbstverständlich vereint, beispielsweise "King Lear" - eine der bekanntesten Tragödien von William Shakespeare - und amerikanische Filmmelodramen. Patricia Häusler-Greenfield hat eine Vorlesung zur Tragödie bei Williams besucht und ich habe diese wissenschaftliche Herangehensweise von ihr gelernt. Williams gilt als einer der Gründungsväter der Cultural Studies - stets ist nur von Gründungsvätern die Rede, auch die ReferentInnenliste der Konferenz ist sehr männerlastig. Ich hoffe, dies durch meine wissenschaftliche Tätigkeit und Lehre zu ändern und viele Frauen für die Praxis der Cultural Studies zu interessieren.
Redaktion: Nach welchen Kriterien haben Sie die ReferentInnen ausgewählt? Seidl: Die ReferentInnen habe ich gemeinsam mit meinem Mitorganisator Ao. Univ.-Prof. Dr. Roman Horak, einem sehr profilierten Vertreter der Cultural Studies in Österreich, ausgesucht. Das Hauptkriterium war, dass die Vortragenden Raymond Williams in ihren Arbeiten rezipieren und sein Werk fortsetzen. Nach Wien kommen Terry Eagleton, einer der bedeutendsten britischen Kulturkritiker und Kulturtheoretiker, er war Patricia Häusler-Greenfields Tutor; weiters Klaus H. Gustav - er war einer der ersten, der Williams im deutschsprachigen Raum rezipierte. Charlotte Brundson ist eine der britischen Tradition in den Kulturwissenschaften verpflichtete Fernseh- und Filmwissenschafterin. Lawrence Grossberg hat als Schüler von Stuart Hall die britische Tradition amerikanisiert, wenn man das so sagen will.
Redaktion: Welche Bedeutung haben die Cultural Studies im deutschsprachigen Raum im Moment, und wie wird das in Zukunft aussehen? Seidl: Inzwischen haben die Cultural Studies eine ziemlich große Bedeutung, wobei der stark pädagogisch-politische Aspekt, der auch Raymond Williams Schaffen prägte, gerne vernachlässigt wird. Gerade dieser Gesichtspunkt ist für ein Institut wie jenes der Anglistik und Amerikanistik besonders wichtig, da wir sehr viele LehrerInnen ausbilden.
Redaktion: Welchen Stellenwert haben die Cultural Studies an der Universität Wien? Seidl: Patricia Häusler-Greenfield hat Cultural Studies während ihrer gesamten Karriere als freies Wahlfach angeboten. Mittlerweile haben die Cultural Studies auch ihren Weg in den Regelstudienplan gefunden. Außerdem gibt es die ambitionierte Projektgruppe Kulturwissenschaften/Cultural Studies an der Universität Wien. (hh)
Tagung "About Raymond Williams. A Conference" Freitag, 19. Mai 2006, 13–8.30 Uhr Samstag, 20. Mai 2006, 11–8.30 Uhr Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien Unterrichtsraum (UR) Uni-Campus Hof 8, Spitalgasse 2, 1090 Wien
Programm (PDF) ReferentInnen: Charlotte Brundson, Terry Eagleton, Udo Göttlich, Lawrence Grossberg, John Higgins, Klaus H. Gustav, John Storey, Rainer Winter Anmeldungen unter christine.klein@univie.ac.at. |