Die Entwicklung, Stabilität und Wirtschaftlichkeit polizeiähnlicher Kontrollorgane hat Karl Sigmund vom Institut für Mathematik mittels spieltheoretischer Ansätze untersucht. In einer "Nature"-Publikation wirft er neues Licht auf die Frage des Umgangs mit "TrittbrettfahrerInnen", die etwa in einem Unternehmen die Beiträge der anderen ausbeuten, ohne selbst etwas dafür zu leisten. Er konnte nachweisen, dass auch in einer "egoistischen Gesellschaft" einfache Formen von "Pool Punishment", der institutionellen Bestrafung innerhalb von Gruppen, spontan entstehen können. |
Vielfältig ist der Schaden, den Unternehmen und Institutionen durch sogenannte TrittbrettfahrerInnen erleiden - Menschen, die Leistungen in Anspruch nehmen, ohne dafür einen Beitrag zu leisten. Ein einfaches Beispiel dafür ist - und daher rührt auch der Name TrittbrettfahrerInnen - das Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln ohne einen Fahrschein.
"Oftmals werden Firmen und andere Organisationsformen durch den Eigennutz der TeilnehmerInnen gefährdet. Denn es ist verlockend, die Beiträge der anderen auszubeuten, ohne selbst etwas beizusteuern", erklärt Karl Sigmund vom Institut für Mathematik. Die übliche Gegenmaßnahme besteht in der Bestrafung der TäterInnen - entweder auf "eigene Faust" oder institutionalisiert über polizeiähnliche Einrichtungen.
Soziale Dilemmata
Diesem Thema widmen sich Sigmund und sein Forschungsteam in der Publikation "Social learning promotes institutions for governing the commons", veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift "Nature". Beruhend auf Computersimulationen und der Analyse spieltheoretischer Modelle liefern die WissenschafterInnen einen theoretischen Unterbau für weitere soziale Feldforschungen sowie ökonomische Experimente. In der Publikation beschreibt Sigmund mehrere Problemfelder der Ahndung des Trittbrettfahrens: "Zumeist kostet es etwas, Strafen zu verhängen, aber die Konsequenzen kommen den durch die AusbeuterInnen benachteiligten Menschen zugute. Das Bestrafen anderen zu überlassen führt aber zum nächsten Problem: Damit bietet sich eine weitere Möglichkeit zum Trittbrettfahren an."
Derartige "soziale Dilemmata" wurden von WissenschafterInnen sowohl theoretisch als auch in ökonomischen Experimenten untersucht, meistens beruhend auf dem Prinzip des "Peer Punishment": Davon spricht man z.B. wenn nach einem gemeinsamen Unternehmen jene Personen, die zu wenig zum Gelingen beigetragen haben, von den anderen TeilnehmerInnen bestraft werden.
Im Alltag aber wird das Bestrafen der AusbeuterInnen meist Institutionen wie der Polizei überlassen. Selbst in weniger entwickelten Gesellschaften von Hirten, Bauern oder Fischern obliegt die Bestrafung zumeist einer Institution - wie die Feldforschungen von Elinor Ostrom zeigten, die hierfür 2009 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Dieses "Pool Punishment" kann als eine Urform der Polizei angesehen werden.
Soziales Lernen als Motor für die Entstehung von "Pool Punishment"
In einem theoretischen Modell weist Karl Sigmund gemeinsam mit der Wirtschaftwissenschafterin Hannelore De Silva, dem Evolutionsbiologen Arne Traulsen und dem Physiker Christoph Hauert nach, dass auch in einer "Gesellschaft von EgoistInnen" einfache Formen von "Pool Punishment" spontan entstehen können. "Dabei handelt es sich um eine Kombination von sozialem Lernen, also dem Kopieren erfolgreicher Modelle, sowie Versuch und Irrtum", erläutert der Mathematiker. Weder Hang zum Altruismus noch Vorrang für "Gemeinwohl" statt "Eigenwohl" der Handelnden sind notwendig, um polizeiähnliche Institutionen entstehen zu lassen.
Institutionelle Kontrollsysteme teurer, aber stabiler
Die institutionelle Form der Bestrafung ist im Allgemeinen teurer als individuelle Formen der Bestrafung und verursacht auch dann Unkosten, wenn alle sich kooperativ verhalten, also niemand Trittbrett fährt. Dafür kann sie aber nicht so leicht unterlaufen werden und ist daher stabiler. Weiteres Ergebnis: Beide Formen der Bestrafung bilden sich eher dann aus, wenn es Personen möglich ist, auf das gemeinsame Unternehmen zu verzichten. "Diese Eigenbrötler-Option fördert die Kooperation, ähnlich wie ein Katalysator", so Sigmund: "Sie ist im Lernprozess der Menschheit nur ein Zwischenstadium auf dem Weg zu einer Art von Sozialkontrakt." (ad)
Das Paper Social learning promotes institutions for governing the commons erschien am 14. Juli 2010 online im Journal "Nature".
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