"Die neu geschaffene Professur für Pädagogik der Lebensalter ermöglicht es mir, meine bisherigen Arbeitsschwerpunkte zu verbinden: Biographieforschung, besonders mit Blick auf Bildung, Sozialisation und Geschlecht, interpretative Sozialforschung, sowie das Verhältnis zwischen Wissenschaft und pädagogischer Praxis", erzählt Bettina Dausien: "Die Pädagogik der Lebensalter verstehe ich nicht als Addition altersspezifischer Pädagogiken. Vielmehr geht es darum, den Prozesscharakter von Erziehung und Bildung in der Zeitspanne und im Sinnzusammenhang des gesamten Lebens zu begreifen. Eine biographietheoretische Perspektive eröffnet hier interessante Forschungswege." In Wien möchte Dausien ein Zentrum für biographische Studien aufbauen: "Wien ist dafür ein guter Ort, denn hier gibt es viele Möglichkeiten zur interdisziplinären und internationalen Vernetzung."
Biographie und Gesellschaft
"Biographie" ist für die neue Professorin Methode und Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Forschung: "Auf theoretischer Ebene ist es relevant, Biographie - beispielsweise Erwerbsbiographien - als gesellschaftliches Konstrukt zu verstehen: Individuen sind mit institutionellen Erwartungen konfrontiert, die je nach gesellschaftlicher Lage und historischem Kontext sehr unterschiedlich sein können", erklärt sie: "Auf der anderen Seite sind Institutionen moderner Gesellschaften darauf angewiesen, dass die Individuen die an sie herangetragenen Erwartungen zu ihrem eigenen Projekt machen, dass sie Lebenslaufmuster gewissermaßen mit biographischem Sinn füllen. In diesem Eigensinn steckt ein Potenzial für Bildung und Kreativität, für Reflexion und Kritik, das mich als Bildungswissenschafterin besonders interessiert."
Die verschlungenen Wege eines wissenschaftlichen Werdegangs
Ihre eigene wissenschaftliche Biographie begann in Göttingen, wo Dausien zunächst Psychologie studierte. Wachsendes Interesse für die gesellschaftlichen Bedingungen der Subjektbildung ließ sie nach ihrem Diplom ein Studium der Sozialwissenschaft und Weiterbildung an der Universität Bremen anschließen. Dort arbeitete sie in Forschungsprojekten und promovierte 1995 mit einer Arbeit zu "Biographie und Geschlecht".
Mitte der 1990er zog es Dausien an die Roskilde University in Dänemark, wo sie in einer Forschungsgruppe zum 'Life History Approach' und Lifelong Learning mitarbeitete: "Das akademische Klima in Skandinavien hat mich geprägt. Es herrscht ein kollegialer und wenig hierarchischer Umgang zwischen Studierenden und Lehrenden. Diese wichtigen Erfahrungen möchte ich auch in meine Lehre hier in Wien einbringen."
Nach dem Jahr in Dänemark forschte und lehrte Dausien an der Universität Bielefeld, wo sie 2002 ihre Habilitationsschrift im Gebiet der Geschlechtersozialisation abschloss. Es folgten eine Vertretungsprofessur an der Universität der Bundeswehr in München, Gastaufenthalte in Roskilde, Klagenfurt und an anderen Universitäten, bis sie 2007 eine Professur mit dem Schwerpunkt Empirische Bildungsforschung an der Universität Flensburg übernahm. Seit September 2009 ist Bettina Dausien nun Professorin am Institut für Bildungswissenschaft.
Raum für Dialog schaffen …
Der Lehre gibt die Wissenschafterin ein hohe Bedeutung: "Ich verstehe es als meine Aufgabe, einen 'Lernraum' zu schaffen, in dem dialogische Formen der Lehre und forschendes Lernen möglich sind." Ein solchen Raum bieten, so Bettina Dausien, sogenannte Forschungswerkstätten. Sie schaffen für Studierende und ProjektmitarbeiterInnen einen institutionalisierten Rahmen des Austauschs. "Konkret heißt das, wir treffen uns regelmäßig und bearbeiten unser Forschungsmaterial. Gerade für die qualitative Forschung braucht es solche Interpretationsgemeinschaften, um die eigenen blinden Flecken aufzudecken", ist sie überzeugt: "Die Aneignung wissenschaftlicher Reflexivität und interpretativer Kompetenz ist nicht nur für eine zukünftige Tätigkeit in der Forschung zentral, sondern auch für die pädagogische Berufspraxis außerhalb der Universität."
… und den Zeitdruck verringern
Die Biographieforscherin geht davon aus, dass eine Karriere in den seltensten Fällen das Ergebnis strategischer Planung ist. Wollen junge Menschen in der Wissenschaft tätig werden, ist es wichtig, Interessen auszubilden, sich die Zeit zu nehmen, eine theoretische Substanz aufzubauen und Erfahrungen mit Forschungspraxis zu machen. Bei Studierenden erlebt sie oft einen großen Zeitdruck: "Schon mit Ende 20 haben viele das Gefühl, zu alt für einen Weg in die Wissenschaft zu sein. Diesen Druck würde ich ihnen gerne nehmen. Ohne Umwege, Pausen oder Krisen kann Bildung gar nicht erst entstehen. Ein möglichst breites Studium, das Interesse, sich ein Thema von vielen Seiten anzusehen, und schließlich Mut und Geduld, einer eigenen Frage nachzugehen - das wären meine Ratschläge." (dh)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dipl.-Psych. Dr. Bettina Dausien zum Thema "Bildungswege denken - Biographiewissenschaftliche Anmerkungen in programmatischer Absicht" findet am Dienstag, 1. Juni 2010, um 17 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien im Rahmen des Dies Facultatis der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft statt.
"Die Dichter und ihr Denken" Im Rahmen des Dies Facultatis der Philosophie und Bildungswissenschaft kommen die Philosophie-Alumni Daniel Kehlmann, Robert Menasse, Christoph Ransmayr und Franz Schuh ins Gespräch. Die Podiumsdiskussion wird von Konrad Paul Liessmann moderiert.
Dienstag, 1. Juni 2010, 17 Uhr Großer Festsaal/Arkadenhof Universität Wien Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien Einladung (PDF)
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