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Die Politikwissenschafterinnen Sieglinde Rosenberger …


… und Julia Mourão Permoser erforschen Zugehörigkeit und Alltagskonflikte im Gemeindebau.


Geforscht wird in mehreren Gemeindebauten rund um den Metzleinstaler Hof im fünften Gemeindebezirk.




Forschungsnewsletter Juli 2010
Institut für Politikwissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften WWTF Demokratiezentrum Wien Verein Gangart Universität für angewandte Kunst Wien

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Das bewegte Wohnzimmer
Forschungsprojekte
Daniela Hermetinger (Redaktion) am  7. Juli 2010

Vor rund 90 Jahren wurde der erste Wiener Gemeindebau errichtet. Seither prägt der kommunale Wohnbau das Stadtbild, das Leben seiner BewohnerInnen sowie politische Debatten. Sieglinde Rosenberger und Julia Mourão Permoser vom Institut für Politikwissenschaft analysieren in einem WWTF-Projekt Zugehörigkeit und Alltagskonflikte in diesem sozial-politischen Raum. In Kooperation mit KünstlerInnen wird im Innenhof eines Gemeindebaus ein "Wohnzimmer" installiert, in dem die BewohnerInnen Alltagsobjekte platzieren, die sie mit Heimat und Zugehörigkeit verbinden.

Im Gemeindebau leben Alteingesessene und Zugezogene, Junge und Alte, MigrantInnen und ÖsterreicherInnen - ein Raum, in dem Kontroversen häufig als Zugehörigkeitskonflikte interpretiert werden. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive interessieren sich Sieglinde Rosenberger und Julia Mourão Permoser dafür, wie politische Eliten Zugehörigkeit konstruieren und damit WählerInnen mobilisieren. Dabei werden im politischen Diskurs häufig Ängste entlang ethnischer, kultureller und religiöser Differenzen thematisiert.

"Auf einer weiteren Ebene werden wir uns damit befassen, wie Menschen sich dieses politische Konstrukt aneignen und es im Alltag verhandeln: Wer fühlt sich einander zugehörig und aus welchem Grund? Wie wird Zugehörigkeit zum Konflikt? Spannend ist der Gemeindebau deshalb, weil hier alte und neue Spannungslinien aufeinander treffen", erläutert Sieglinde Rosenberger den Forschungsansatz des WWTF-Projekts "Living Rooms: The Art of Mobilizing Belonging(s)". Geforscht wird in mehreren Gemeindebauten rund um den Metzleinstaler Hof im fünften Gemeindebezirk.

Wissenschaft trifft Kunst


Die BewohnerInnen der ausgewählten Gemeindebauanlagen sind aktiv in das Projekt involviert, denn einer ihrer Innenhöfe wird vorübergehend zu einem Wohnzimmer umgestaltet: KünstlerInnen der Universität für Angewandte Kunst und der Gruppe Gangart werden einen "Living room" installieren und diesen mit persönlichen Alltagsgegenständen füllen, die die BewohnerInnen mit "Heimat" identifizieren. Julia Mourão Permoser führt aus: "Es geht darum, durch die Platzierung der Gegenstände über Zugehörigkeit zu reflektieren. Welche persönlichen Objekte sind für mich wichtig, und welche könnten für andere bedeutend sein? Wie würde das Lieblingswohnzimmer der 'Anderen' aussehen? Dies erlaubt eine visuelle Repräsentation von Zugehörigkeit: Die Objekte werden Teil einer "Sprache", mit der sich die BewohnerInnen ausdrücken."

Grenzen ziehen, Grenzen verschieben


Aus der Beobachtung dieses Prozesses werden die Forscherinnen ableiten, wie Grenzen der Zugehörigkeit gezogen und verschoben werden und Kommunikation zwischen den BewohnerInnen stattfindet. Ergänzt wird diese Aktivität durch Interviews und Gruppendiskussionen. Die Wissenschafterinnen erläutern: "Bei der Auswahl der Personen werden wir uns an kollektive Einrichtungen im Gemeindebau wenden - zum Beispiel an Pensionistentreffs, Parteilokale, Kindergruppen, kleine 'Beisln' und Geschäfte. Über die Gruppengespräche sollen Erkenntnisse über erfahrungs- und meinungsbezogene Grenzen der Zugehörigkeit gewonnen werden."

Mobilisierung im Wiener Wahlkampf

Im Kontext der Wiener Wahlen gewinnt das Projekt zusätzlich an Bedeutung, denn politische Parteien mobilisieren mit dem Konzept der Zugehörigkeit. Die Politikwissenschafterinnen sind dabei, den Wahlkampf in den Gemeindebauten einzufangen: Sie schauen sich an, welche Plakate zu sehen sind, wer dort auftritt und welche Veranstaltungen stattfinden. "In der heißen Wahlkampfphase im Herbst wird interessant, wie der politische Diskurs bei den Menschen ankommt bzw. welche Bilder und Narrative aufgegriffen werden", sagt Rosenberger und verweist darauf, dass die Politik der Zugehörigkeit viel mehr auf Emotionen als auf rationalen Argumenten basiert: "Uns interessiert herauszufinden, wie und warum simple Alltagskonflikte - wie lärmende Kinder - als Zugehörigkeitskonflikte artikuliert werden."

"Es ist uns wichtig, dass die Menschen an der Forschung beteiligt sind", schließt Mourão Permoser ab: "Wir sind optimistisch, dass das Projekt an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft nicht nur aufschlussreiche Forschungsergebnisse bringt, sondern auch von den BewohnerInnen als positive Erfahrung wahrgenommen wird." (dh)

Das Projekt "Living Rooms: The Art of Mobilizing Belonging(s)" wird aus dem Art(s)&Sciences Call 2009 des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) gefördert. Die Politikwissenschafterin Univ.-Prof. Mag. Dr. Sieglinde Rosenberger leitet das Projekt. Dr. Julia Teixeira Mourao Permoser, B.Sc. M.A.I.S., ist Senior Researcher und für das Projekt mitverantwortlich. ProjektpartnerInnen sind Mag. Gertraud Diendorfer und Dr. Elisabeth Röhrlich vom Demokratiezentrum Wien, Simonetta Ferfoglia und Heinrich Pichler vom Verein gangart sowie Florian Bettel und Julia Rosenberger von der Universität für Angewandte Kunst. Es läuft von Mai 2010 bis Mai 2012.

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