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Jutta Fortin begibt sich im Rahmen eines Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendiums in Frankreich auf die Suche nach dem "Gespenst in der französischen Literatur".


Institut für Romanistikder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Universität Jean Monnet in Saint-Étienne            
Das Gespenst in der französischen Literatur
Forschungsprojekte
Heidrun Huber (Redaktion) am 25. Oktober 2006

In der französischen Literatur der letzten drei Jahrzehnte spuken überraschend viele Spektralwesen. Die Literaturwissenschafterin Jutta Fortin vom Institut für Romanistik widmet sich diesem "Boom" als Erwin-Schrödinger-Stipendiatin an der französischen Universität Jean Monnet in Saint-Étienne.

Ein Gerichtsvollzieher klopft an eine Tür, hinter der eine Mutter und ihre Tochter inmitten von Chaos und Armut leben. Wir befinden uns in Paris, Ende des 20. Jahrhunderts. Für die Mutter jedoch ist es 1943. Beim Gerichtsvollzieher kann es sich aus ihrer Sicht nur um einen vom ermordeten Bruder Darnand geschickten Milizen handeln. Geschichten über die Gräueltaten des Vichy-Regimes brechen hervor. Konstant springt die Erzählung von Lydie Salvayre zwischen der Kriegszeit und dem Heute hin und her. Im Wahn der Mutter kommt zum Ausdruck, dass die damalige Realität in die heutige wirkt. Dieser Roman von Salvayre hat auf Französisch den Titel 'La Compagnie des spectres', wörtlich übersetzt 'Die Begleitung der Geister', in der offiziellen deutschen Übersetzung heißt er jedoch 'Das Gewicht der Erinnerung'.

Kein Caspar, das freundliche Gespenst


Darum geht es Dr. Jutta Emma Fortin vom Institut für Romanistik in ihrem Forschungsprojekt über "Das Gespenst in der französischen Literatur", das sie Anfang Oktober begonnen hat. "Der Textkorpus, mit dem ich mich beschäftige, umfasst die Jahre 1975 bis 2005 und eine Literatur, die man im Französischen 'la littérature spectrale', spektrale Literatur nennt", sagt Jutta Fortin. Gemeint ist damit eine Literatur, die sich auf Situationen oder Menschen bezieht, die nicht präsent sind, aber in einer spektralen Form im Text vorkommen.

Keine Hausgeister wie der freundliche Caspar spuken vermehrt durch Frankreichs Bücher, sondern in der Vorstellung der ProtagonistInnen existieren Geister und präsentieren sich beispielsweise als Wahn. "Das Spektrale im 20. Jahrhundert ist eine Art Fortsetzung der Tradition des Fantastischen im 19. Jahrhundert. Im Fantastischen ist das Spektrale an Ideen gebunden, die sich innerhalb des literarischen Texts tatsächlich als Figuren wie Monster oder belebte Objekte manifestieren. Im 20. Jahrhundert hingegen sind solche Vorstellungen nicht 'wirklich', sondern internalisiert", erklärt die Spezialistin für moderne französische Literatur.

Direkt vor Ort


Zahlreiche französische SchriftstellerInnen des späten 20. Jahrhunderts bauen solche spektralen Figuren in ihre Werke ein. Literaturwissenschafterin Fortin will wissen, warum das so ist und was es bedeutet. Sie interessiert sich für einen Textkorpus von ungefähr 50 narrativen Texten. Dafür befindet sie sich die meiste Zeit an der Universität Jean Monnet in Saint-Étienne in der Nähe von Lyon, wo sie mit einer Gruppe von ForscherInnen unter der Leitung von Jean-Pierre Mourey und Jean-Bernard Vray zusammenarbeitet. Diese Forschungen wurden durch ein Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium des FWF ermöglicht, das JungwissenschafterInnen die Mitarbeit an führenden Forschungseinrichtungen im Ausland bietet.

Auseinandersetzung mit Geschichte ...


Die Erwin-Schrödinger-Stipendiatin verfolgt zwei Forschungslinien. Erstens beschäftigt sie sich mit der Beziehung zwischen Literatur und Geschichte. "Das Spektrale in Bezug zur Geschichte im 20. Jahrhundert hat sicher damit zu tun, dass durch 'le spectre' Figuren des Geistes, Geschichte angesprochen wird, die deswegen zurückkehrt, weil sie nicht entsprechend verarbeitet wurde - das betrifft sowohl ein kollektives Gedächtnis als auch eine persönliche Geschichte oder die Geschichte einer Familie", sagt Jutta Fortin. Ein Beispiel ist die einleitend angeführte Arbeit von Salvayre, die die Traumata des Zweiten Weltkrieges behandelt.

... und der eigenen Identität


Zweitens kommt dem Spektralen in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich Bedeutung zu. "Schreiben - und vor allem autobiografisches Schreiben - ist immer Aushandeln der eigenen Identität, weil ich mich mit mir und meiner persönlichen Geschichte auseinandersetze", sagt Fortin. Spektrales kann dabei eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Arbeit der Französin Camille Laurens verdeutlicht. Die Autorin verlor ihr eben geborenes Baby, genannt Philippe. "Dieses Kind ist in mehreren ihrer Romane präsent, aber nicht unbedingt konkret, sondern es schwingt mit und wird angesprochen", erzählt Fortin.

Spektrales und Fotografien

Präsent ist das Kind Philippe in Laurens' Romanen auch durch Fotos, aufgenommen unmittelbar nach der Geburt. Die fünf Fotos, die Laurens von Philippe besitzt, sind nicht abgebildet, sie werden aber im Roman "Philippe" von der Autorin beschrieben. "Generell ist das Imaginäre des Fotografischen in der spektralen Literatur wichtig", bemerkt Fortin. Fotografien und Literatur sind moderne Möglichkeiten, eine "Spur" zu erhalten, so die Literaturwissenschafterin.

Spuren in die Vergangenheit


Die Spur, auf Französisch 'la trace', ist ein wesentliches Element von Jutta Fortins theoretischem Rahmen. Dieser bezieht sich vor allem auf die kunst- und literaturtheoretische Kategorie der 'survivance', des 'Überlebens', und ist vom französischen Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman geprägt. Gemeint sind damit Spuren, die Vergangenes nicht vergehen lassen. "Zu untersuchen, wie 'survivance' funktioniert, ist eine zentrale Kategorie in den von mir bearbeiteten Texten", erklärt Fortin ihren Zugang zum Textkorpus. In Lydie Salvayres Roman hat der ermordete Bruder in der Vorstellung der Mutter überlebt und kommt im Wahn zum Vorschein. Damit bleibt das Grauen des Zweiten Weltkrieges gegenwärtig. (hh)


Dr. Jutta Emma Fortin begann ihr zweijähriges Forschungsvorhaben am 1. Oktober 2006. "Das Gespenst in der französischen Literatur (1975-2005)" wird vom FWF im Rahmen der Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendien gefördert. Forschungsstätten sind das Institut für Romanistik der Universität Wien und das Centre Interdisciplinaire d'Études et de Recherches sur l'Expression Contemporaire, Université Jean Monnet.

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