![]() Mathias Mehofer vor dem Raster- elektronenmikroskop. Fotos: KHMW/Mehofer ![]() Eines der Goldgefäße in der Probenkammer des Mikroskops. ![]() Ein Beispiel für die filigrane Verarbeitung der Objekte: eine Glaseinlage mit nur wenigen Millimetern Durchmesser. ![]() Die hohe Auflösung und Tiefenschärfe des Elektronenmikroskops ist der konventionellen Auflichtmikroskopie weit überlegen. Interdisziplinäre Forschungsplattform Archäologie (VIAS) Institut für Ur- und Frühgeschichte, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Kunsthistorisches Museum Wien (KHM), Antikensammlung |
Das Gold der Awaren unter dem Elektronenmikroskop |
| Forschungsprojekte |
| Roland Dreger (Redaktion) am 3. April 2006 |
Der Goldschatz von Sînnicolaul Mare gilt als einer der prachtvollsten frühmittelalterlichen Funde. Im Rahmen eines umfangreichen FWF-Projekts wird er derzeit von ForscherInnen der Universität Wien und des Kunsthistorischen Museums Wien untersucht. HistorikerInnen, ArchäologInnen und NaturwissenschafterInnen wollen seine bewegte Geschichte enträtseln. |
Ein Rasterelektronenmikroskop soll unter anderem helfen, die noch vielen offenen Fragen zu Ursprung und Herstellung des Goldschatzes zu beantworten. Die ersten Analysen an den Objekten wurden vor kurzem abgeschlossen. Geleitet wird das Forschungsprojekt von Univ.-Doz. Dr. Falko Daim, Dozent am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien und Generaldirektor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. Vermutlich Königsschatz der Awaren Die gängigste Theorie geht davon aus, dass es sich bei dem historisch bedeutsamen Fund um einen Teil des Königshortes der Awaren handelt. Dieses Reitervolk besiedelte von 568 bis 800 n. Chr. das Karpatenbecken. "Das ist allerdings nur eine der Thesen", bemerkt Mag. Mathias Mehofer von der Interdisziplinären Forschungsplattform für Archäologie der Universität Wien (VIAS). Drei weitere ehemalige "Besitzanwärter" ließen sich ebenso ausmachen. Darunter die Bulgaren, die am Ende des 7. Jahrhunderts an der unteren Donau ihr Reich gründeten. Datiert wird der Goldschatz in den Zeitraum von Mitte des 7. bis Anfang des 9. Jahrhunderts. "Goldschmiedetechnik der Spitzenklasse" Mehofer führt gemeinsam mit seiner Institutskollegin Dr. Birgit Bühler die rasterelektronenmikroskopische Untersuchung an den Goldobjekten durch. Deren Feinheit und Qualität überraschte selbst die beiden WissenschafterInnen. "Wir haben es hier mit einem Goldschatz zu tun, der die Spitzenklasse der Goldschmiedetechnik zu jener Zeit darstellt", zeigt sich Mehofer begeistert. Wichtige Details traten erst in den bis zu 4000-fachen Vergrößerungen zu Tage. "Viele der Verzierungen sind gerade einmal einen Millimeter groß und wurden zum Teil mit drei unterschiedenen Werkzeugen gefertigt", so der Archäologe. Zu einem Spottpreis verkauft Schon die Entdeckung des Schatzes ist eine Geschichte für sich. Ein Bauer grub ihn im Jahr 1799 bei Fundamentarbeiten für seinen Stall aus. Der Fundort liegt in der Nähe des damals ungarischen Dorfes Nagyszentmiklós (heute Sînnicolaul Mare in Rumänien). Erst ein zufällig vorbeikommender griechischer Händler erkannte den wahren Wert der Objekte und erstand sie für einen Spottpreis. Die Frau des Bauern hatte die Stücke zuvor als Dekoration an die Hofwand genagelt. Den damaligen Gesetzen entsprechend gelangte der Fund letztlich über Umwege in die kaiserlich-königliche Antikensammlung nach Wien. Komplexe Symbolik erschwert Zuordnung Heute befindet sich der Goldschatz im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM). WissenschafterInnen des KHM, darunter der Leiter der Antikensammlung Dir. HR Dr. Kurt Gschwantler sowie der Restaurator Mag. Viktor Freiberger, arbeiten ebenfalls an seiner Erforschung mit. Die 23 meist reich dekorierten Gefäße bringen nicht weniger als 10 Kilogramm Gold auf die Waage. Die Verzierungen und Symbole deuten auf griechische, byzantinische sowie östliche Einflüsse hin. Es finden sich aber auch zahlreiche christliche Symbole auf den Objekten. Geschenk oder Beutestücke? "Wir haben das Problem", erläutert Mehofer, "dass der Fundort ? das Karpatenbecken ? im Frühmittelalter eine recht bewegte Geschichte aufweist." Zwischen den Eliten des Raumes herrschten sehr intensive Beziehungen. Viele wertvolle Kunstwerke wechselten zu jener Zeit als Geschenke, Tributzahlung oder durch Raubzüge ihren Besitzer. Wer waren die Erschaffer? Noch ist nicht klar, ob der Goldschatz überhaupt eine Einheit bildet oder wie viele Künstler(Innen) daran Hand anlegten. Die rasterelektronenmikroskopischen Analysen sollen dafür entscheidende Hinweise liefern. Sie zielen darauf ab, charakteristische Spuren zu entschlüsseln, welche die Schöpfer und ihre Werkzeuge auf den Objekten hinterließen. Zudem können die verwendeten Materialien wichtige Anhaltspunkte liefern. Chemische Analyse der Oberfläche Mit dem Rasterelektronenmikroskop lassen sich Materialoberflächen auf ihre chemische Zusammensetzung hin analysieren. Der Vorteil gegenüber anderen Verfahren: Die Methode arbeitet völlig zerstörungsfrei. Aufgrund der Größe der wertvollen Gegenstände musste das Mikroskop eigens für die Analysen adaptiert werden. In Österreich ist es überhaupt das einzige im archäologischen Einsatz, das über eine genügend große Probenkammer verfügt. Auswertung der Aufnahmen Der Untersuchung selbst ging eine akribische Vorbereitungsphase voraus, erzählt Mehofer: "Mit originalgetreuen Repliken wurde über ein Jahr lang dafür trainiert." Eigene Probenhalterungen mussten konstruiert werden. In den nächsten Monaten wollen Mehofer und Bühler die über 2000 Aufnahmen und Daten aus den chemischen Analysen auswerten. Danach werden die Ergebnisse mit jenen der anderen ForscherInnen verglichen und gemeinsam Antworten gesucht. (ro) Das Projekt "Goldschatz von Sannicolau Mare (Nagyzszentmiklós)" wird vom FWF sowie der Universität Wien finanziert und läuft noch bis Mitte 2007. Am Ende ist eine umfassende Sammelpublikation aller beteiligter WissenschafterInnen geplant. |




