Das Tragen von Kopftüchern, Zwangsheirat, Ehrenmorde und Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum - diese vier konfliktbehafteten Themen greifen die ForscherInnen des Projekts "Governing Difference. Eine Herausforderung für Neue Demokratien in Zentral- und Südosteuropa" auf, um zu untersuchen, wie die Politik in dieser Region mit Geschlechterfragen und Verschiedenheit der Kulturen umgeht. Das Projekt ist Teil des universitären Forschungsschwerpunkts "Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa". |
Arbeitsmappen, Notizblöcke sowie Kaffee und Kuchen - im Konferenzraum des Instituts für Politikwissenschaft im zweiten Stock des NIG rauchten am ersten Donnerstag dieses Februars die Köpfe. Beim ersten Treffen der Projektgruppe "Governing Difference. Eine Herausforderung für Neue Demokratien in Zentral- und Südosteuropa" sollen eine Leitlinie für das Projekt und ein konkreter Arbeitsplan für das umfangreiche Vorhaben entstehen. Am Tisch sitzen sechs ProjektmitarbeiterInnen unterschiedlicher Nationalitäten, Ethnizitäten, Disziplinen und Geschlechter. Gespannt sind die drei JungwissenschafterInnen, routiniert das "Steering Committee". Obwohl auch für letztere etwas ganz Neues dabei ist: Erstmals arbeiten hier die Rechtswissenschaft und die Politikwissenschaft an der Universität Wien in einem interdisziplinären Forschungsprojekt im Bereich der Gender Studies zusammen.
Herausforderung Transformation
Das Projektteam ist daran interessiert, wie mit religiösen, kulturellen und ethnischen Differenzen an der Schnittstelle zu Geschlechterfragen in Zentral- und Südosteuropa politisch umgegangen wird. "Liberale Demokratien sollten sich dadurch auszeichnen, dass sie Gleichheit garantieren und gleichzeitig Rechte der Verschiedenheit respektieren und institutionalisieren. Für Länder im Übergang zur Demokratie ist das sicher eine Herausforderung", hält Univ.-Prof. Dr. Birgit Sauer vom Institut für Politikwissenschaft fest.
Ehrenmorde, Kopftuch, Zwangsheirat, Gewalt gegen Frauen
Welche gesetzlichen Regelungen gibt es zur Thematik? Wie kann man erklären, dass es bestimmte rechtliche Maßnahmen gibt oder nicht? Wer sind dabei die typischen Policy-Maker? Konkret sehen sich die WissenschafterInnen vom Institut für Politikwissenschaft und vom Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht dafür vier Themen an: das Tragen von Kopftüchern muslimischer Frauen in der Öffentlichkeit, Zwangsheirat, Ehrenmorde und Gewalt im sozialen Nahraum.
Gewalt und Gendering
"Die Themen, die ja momentan sehr stark in Diskussion sind, betreffen die so genannte traditionsbedingte Gewalt und traditionelles Gendering", sagt Ass.-Prof. Dr. Elisabeth Holzleithner von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Nach einer ersten Forschungsphase, in der die gesetzlichen Situationen und die Mediendiskurse im Vordergrund stehen, geht das Forschungsteam zwecks Interviews mit VertreterInnen relevanter Institutionen direkt ins Feld. Die vier untersuchten Länder sind Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kroatien und Slowenien.
Mobilisierte Differenz
"Unter der herrschenden Ideologie im kommunistischen Regime waren ethnische und nationale Gruppenunterschiede zugedeckt", erklärt Mag. Dr. Jürgen Wallner vom Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht, "dann lüftete man den Schleier. Plötzlich waren die Unterschiede wieder da und haben sich auch sehr gewaltsam gezeigt." Gerade die Länder des ehemaligen Jugoslawien stehen angesichts ihrer Geschichte vor einer besonderen Herausforderung. "Im Zerfallsprozess von Jugoslawien wurden Ethnizität und Religion mobilisiert und politisiert. In diesen Prozessen haben sich auch Geschlechterfragen neu konstituiert", betont Politikwissenschafterin Sauer.
Geschlechterfragen im Fokus
Heute sind in diesen Ländern tendenziell sehr traditionelle Rollenvorstellungen bezüglich Haushaltsführung, Kinderversorgung und den Zuständigkeiten zwischen Männern und Frauen zu beobachten. "Geschlecht wurde jedenfalls mobilisiert, gleichzeitig spielen religiöse Bindungen gesellschaftlich und politisch wieder eine größere Rolle", so Birgit Sauer. Wie diese Formen der Neuvergeschlechtlichung, Re-Ethnisierung und Re-Sakralisierung der Gesellschaft zusammenhängen, ist die zentrale Forschungsfrage des Projekts.
Richtung EU
Die vier Länder unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Beziehung zur Europäischen Union. Während Slowenien schon angekommen ist, befinden sich die anderen noch auf dem Weg. "Damit verbunden sind Assimilierungsprozesse an europäische Normen, wie die Gleichstellungsbestrebungen, die vom Europäischen Recht ausgehen", hält Rechtswissenschafter Wallner fest. Wie beeinflusst das den Umgang mit Differenz?
Interdisziplinarität zum Leben erwecken
Eine Menge Fragen, die das Projektteam in den nächsten drei Jahren beantworten will. Dabei leisten sie zum Großteil Pionierarbeit auf einem weitgehend unbeforschten Feld. Alle sehen die neue Kooperation als tolle, bereichernde Chance. "Der Forschungsschwerpunkt bietet einen schönen Rahmen, um Schlagworte wie Multidimensionalität und Interdisziplinarität zum Leben zu erwecken", so Elisabeth Holzleithner. Im Konferenzzimmer des Instituts für Politikwissenschaft herrschte beim ersten Zusammentreffen dementsprechende Aufbruchsstimmung. (hh)
Das dreijährige Forschungsprojekt "Governing Difference. Eine Herausforderung für Neue Demokratien in Zentral- und Südosteuropa" begann mit 1. Februar 2007 unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Birgit Sauer vom Institut für Politikwissenschaft. Es ist eines von drei Forschungsprojekten des universitären Forschungsschwerpunktes "Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa" und setzt sich aus WissenschafterInnen der rechtswissenschaftlichen sowie der sozialwissenschaftlichen Fakultät zusammen. Im Leitungsteam ist neben den oben genanten auch Univ.-Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger. ProjektmitarbeiterInnen sind Mag. Sanin Hasibovic, Mag. Manja Nickel und Mag. Maja Sticker. |