Logo der Uni Wien
Logo der Uni Wien

Archiv der Online-Zeitung

Archiv der Online-Zeitung der Universität Wien
  •   Home
  •   Forschung
  •   Wissenschaft &     Gesellschaft
  •   Studium & Lehre
  •   Professuren
  •   Personalia
  •   Service
  •   Dossiers
  •   UniBlicke

Fotos: Öffentlichkeitsarbeit


Dekan Alfred Kohler begrüßte die zahlreichen Interessierten im Kleinen Festsaal, anschließend ...


... sprach Karl Brunner, Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (IfÖG), einleitende Worte über seinen Kollegen Walter Pohl.


Das Publikum lauschte dem Vortrag über die 'ethnische Wende' im Frühmittelalter, ...


... danach lud Walter Pohl zu einem kleinen Empfang am IfÖG.


Lebenslauf und Forschungstätigkeit von Walter Pohl
Walter Pohl: Neuer Professor, neue Akzente, neue Forschungsmethode
Die 'ethnische Wende' des Frühmittelalters und ihre Folgen
Antrittsvorlesungen
Gastbeitrag von Walter Pohl am 22. Mai 2006

Wie entstanden im frühen Mittelalter die europäischen Völker? Warum sind ethnische Identitäten politisch so wichtig geworden? Diese und weitere Fragen beantwortete Walter Pohl in seiner Antrittsvorlesung am 19. Mai 2006, deren Kurzfassung hier zu lesen ist.

Viele Völker Europas sind zwischen 400 und 1000 n. Chr. entstanden, oder suchen in dieser Zeit ihren Ursprung. Zugleich entstand überhaupt die abendländische Art und Weise, wie man über Völker dachte und wie ethnische Identitäten zur Grundlage politischer Macht und individueller Selbstwahrnehmung wurden. Europa ist in dieser Hinsicht außergewöhnlich, denn es besteht aus einer Vielzahl von stabil bestehenden Staaten, die ethnisch bestimmt sind. In den meisten anderen Kulturräumen der Weltgeschichte (etwa in der römischen Antike, in der islamischen Welt oder in Indien) war das anders. Der Ansatz dieser Entwicklung liegt in der  "ethnischen Wende" des Frühmittelalters.

Frühmittelalter als "Laboratorium"


Das Frühmittelalter ist in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion über Identität noch recht wenig wahrgenommen worden. Der Moderne wird oft recht pauschal eine archaische oder vormoderne Welt gegenübergestellt, die eklektisch mit Ergebnissen der Ethnologie und teils längst überholten Vorstellungen über das Mittelalter ausgemalt wird. Doch bietet das Frühmittelalter als Untersuchungsfeld methodische Möglichkeiten, die auch für andere Disziplinen interessant sein könnten. Die Fallbeispiele aus jener Zeit erlauben es, über einen Zeitraum von Jahrhunderten hinweg einigermaßen kontinuierlich das Schicksal ethnischer Prozesse zu verfolgen und dabei fast wie in einem Laboratorium der Sozialforschung Identitätsbildung, Identitätskrisen und Identitätsverlust unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu verfolgen.

Neu: Königreiche auf Grundlage der Ethnie


Seit dem 5. Jahrhundert konnte sich ein neues Element innerhalb der lateinischen politischen Kultur durchsetzen: Königreiche auf ethnischer Grundlage, zum Beispiel die Regna der Goten, Franken oder Langobarden. Völker, in deren Namen Könige die Herrschaft beanspruchten, hatte es ein Jahrtausend lang nur am Rand der klassischen Welt gegeben; Griechen und Römer waren vor allem Angehörige ihrer polis, ihrer civitas oder res publica. Nun herrschte ein rex Francorum über ehemalige römische Provinzen und ihre vorwiegend romanische Bevölkerung und stützte sich dabei auf die spätantike Infrastruktur (einschließlich der Bischöfe). Die meisten Reiche der Völkerwanderungszeit zerfielen bald wieder, aber das Prinzip blieb; um 1000 war Europa bis Polen, Ungarn und Bulgarien unter ethnisch bezeichneten christlichen Regna mit lateinischer (oder griechischer) Staatssprache aufgeteilt. Die Errichtung großräumiger politischer Herrschaft durch eine ethnisch definierte Führungsgruppe gelang nur christlichen Königen, die über lateinische Schriftlichkeit und Elemente spätrömischer Organisation verfügten.

Ethnisch begründete Herrschaft war im mittelalterlichen Europa von Anfang an kein archaisches Element, sondern Teil eines komplexen Modells politischer Kultur. Dass die Welt aus unterschiedlichen Völkern besteht, die sich durch jeweils spezifische Merkmale unterscheiden, ist keine selbstverständliche Erkenntnis, sondern setzt eine beachtliche Abstraktionsleistung voraus. Die Festigung überregionaler ethnischer Identitäten erforderte beträchtliche Anstrengungen gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion, von denen die uns erhaltenen Texte vielfältige Spuren erkennen lassen. Dabei geht es nicht zuletzt um die Varianten der Handschriften, die Spuren des vielfältigen Gebrauchs der Schrift im Bemühen um Vergegenwärtigung.

Bezugnahme auf Bibel


Der ethnische Diskurs des Frühmittelalters speiste sich nicht nur aus der antiken Ethnographie, sondern auch aus der Bibel, vor allem dem Alten Testament. Die christliche Haltung zu den Völkern war widersprüchlich: Einerseits beruhte sie auf der Botschaft des Paulus von der Einheit der Völker im Volk Gottes; andererseits sollte das Evangelium "allen Völkern" verkündet werden. Also stand die Kirche des Frühmittelalters nicht einfach als Hüterin einer universalen Idee den Völkern gegenüber, christliche Vorstellungen konnten auch dazu dienen, ethnische Scheidelinien und Zuordnungen zu bekräftigen. Die jüngere Forschung hat gezeigt, wie sich seit der Aufklärung christliche Gemeinschafts- und Erlösungsvorstellungen auf die Nation verschoben. Das war aber nur möglich, weil die Vorstellung der besonderen Heilsfähigkeit ethnisch begründeter Herrschaft, vom privilegierten Bund der Gens mit Gott, schon am Beginn der europäischen Nationsentwicklung angelegt war. Die Kirche organisierte das Volk Gottes und ordnete es damit einem König unter, der zugleich Dei gratia und im Namen der Franken (oder eines anderen Volkes) herrschte. Diese doppelte Herleitung politischer Herrschaft schuf ein für die europäische Geschichte grundlegendes Spannungsverhältnis. Dass dem Konstrukt ethnischer Einheit eine reale Vielfalt entsprach, schien den meisten Autoren im Mittelalter selbstverständlich. Die mittelalterliche Geschichte Europas erlaubt es, in der longue durée von Jahrhunderten das Spannungsverhältnis zwischen realer Vielfalt der Bevölkerung und Bemühungen zur symbolischen Integration von Gemeinschaften nachzuvollziehen.


Die Antrittsvorlesung "Die 'ethnische Wende' des Frühmittelalters und ihre Folgen" fand am Freitag, 19. Mai 2006, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.

<< zurück zur Übersicht
 
Impressum Druckversion
Universitat Wien | Dr.-Karl-Lueger-Ring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0