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Die letzten Tage der Universitäten
Kultur
Oliver Vitouch am  2. April 2002

In seinem Dramolett in drei Akten blickt der Autor hinter die ministeriellen Türen und offenbart die wahren Hintergründe der Universitätsreform.

1. Akt Eckzimmer am Wiener Minoritenplatz. Ein Abend im April 2002. Hofrat Himmlinger sitzt, nachdenklich über sein Tagwerk gebeugt, in einem überdimensionalen Lederfauteuil. Plötzlich betritt, ohne anzuklopfen und sichtlich bewegt, Amtsrat Weinberl den Raum. Weinberl: Tschuldigung, Exlenz... Herr Hofrat, es is was Furchtbares g'schehn. Himmlinger: No wos is er denn so aufgeregt? W: Es is wegen dera - Autonomie. Von die Universitäten. Es is... perhorreszierend. H: Wos? Nix is perhorreszierend! Da hamma doch grad, durch die besten politischen Köpfe des Landes (kurze Musikeinspielung aus dem Off: "Volk, begnahadet für dahas Schöne"), das neue Universitätsgesetz präpariert. Im Handumdrehen. Bevor andere Leute "Koalitionsübereinkommen" sagen können. Es ist alles in schönster Ordnung, Weinberl. Die Autonomie is auf dem besten Weg. W: Es is nur - ich hab' grad vorhin für meinen Neffen zum Geburtstag dieses Fremdwörterbuch gekauft. Der soll doch später einmal studieren. Und dann hab' ich aus reiner Fadesse kurz hineing'schaut... Herr Hofrat, "Autonomie" is ganz was anderes. Das heißt Selbständigkeit! Was wir da irrtümlich für die Implementierung vorbereitet haben ist "Autokratie". Hier, auf der gleichen Seite. (Zückt das Buch; zeigt.) H (bleich): Jessas. W: Jawohl. H: Das is' fatal. W: Perhorreszierend. H: Wie kömma das wieder rückgängig machen? W: Is aber auch echt zu blöd mit all dem Latein. H: Da weiß nur noch eine Rat: Die Frau Minister. (Singt; W. singt die Mariazeller-Terz dazu:)

Ist die Lage ernst statt heiter, Weiß die Frau Minister weiter.
2. Akt Das Büro der Ministerin. Als Himmlinger und Weinberl nahen, dringen durch die Polstertüren gedämpfte Flötentöne. Der Kenner hört "Bergkameraden sind wir" heraus. Die beiden treten devot ein. Ministerin: Was ist denn, gerade hab' ich den Tritonus so schön erwischt. H: Gestatten, untröstlich, aber es is von allerhöchster Wichtigkeit. (Sie erklären sich.) M (barsch): Was, Sie meinen... uneingeschränkte Autokratie ist gar nicht der internationale Trend im Bildungswesen? H (verlegen): Nein. W: Autonomie. M: Auch nicht in den USA? Und in Deutschland? H (schüttelt den Kopf.) W: Im Gegenteil. M: Aber mir ham's doch Autonomie g'nannt? W: Ja, genannt schon... (blättert im Wörterbuch vor und zurück) M: Also die amerikanischen Unis sind nicht autokratisch, eisern hierarchisch und zentralistisch? W: Nein. Mehr so liberal und egalitär. Die haben Assistant, Associate und Full Professors, und alle sind eigenverantwortlich und selbständig. Autonom, sozusagen. H: Wie sollen wir das jetzt noch ändern? M: Das ist unmöglich zu ändern! Das ist doch schon auf unserer "Wödmasta"-homepage! Dann müssen wir uns halt ein anderes Erfolgsmodell suchen. Zum Beispiel... Ägypten. Das alte Ägypten! Konsequentes Pyramidensystem in Gesellschaft und Architektur. Technologisch revolutionär. Unsterbliche, gottgleiche Pharaonen, die über ameisenartige Untergebene gebieten... W: Und Sie glauben, das dermirkt keiner? M: Merken schon. Aber 's hilft ihnen ja nix. Reformiert wird, so wahr mir Gott helfe! (Greift zur Flöte und spielt: "Großer Gott, wir loben Dich." Vorhang.) 3. Akt Wien, Ringstraße. Abenddämmerung am Schottentor. Aus dem Café Landtmann treten zwei Gestalten in Alpacamänteln und nähern sich dem Universitäts-Hauptgebäude. Bockskönig: Schön wie sie da liegt, in der blutroten Abendsonne. Der italienische Stil, und diese gewisse Aura... Siebenfels: Schon verkauft, mein Lieber. Um 1 Million, unter Freunden. Die Bausubstanz war ja wirklich nicht mehr die beste. Das wird ein Erlebnisbad der Extraklasse, das kannst' mir glauben... (Blackout.) Mehr Satire auf der Website des Bildungsministeriums Der Autor ist Wissenschafter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin. Er lehrt an den Universitäten Wien, Berlin (Freie Univ.) und St. Gallen. Das Dramolett ist zuerst am 30. März 2002 in der Tageszeitung  Der Standard erschienen.

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