Die Ringvorlesung "'digital turn?' studieren/kommunizieren/protestieren und die Macht des Digitalen" ist Teil des Erweiterungscurriculums (EC) "eTutorInnen und Knowledge Experts". Konzipiert wurde die Lehrveranstaltung in Kooperation zwischen der Vizestudienprogrammleitung Philosophie und dem Center for Teaching and Learning (CTL).
Schnittraum Wissenschaft, digitale Medien, Kunst
Social Media Tools schaffen bislang nie dagewesene Möglichkeiten der Vernetzung und Mobilisierung. Sie fördern die aktive Partizipation und von UserInnen generierte Inhalte und Entscheidungsfindungsprozesse an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten. Auch die Protestbewegung der Studierenden der Universität Wien 2009/10 nutzte Social Media Tools für die Produktion von Inhalt und Information sowie für den Aufbau von "digital communities" auf nationaler und internationaler Ebene. Anliegen der Ringvorlesung ist nun die Akzentuierung der Auseinandersetzung mit dem noch immer vernachlässigten Schnittraum zwischen Wissenschaft, digitalen Medien und Kunst.
Digital turn?
Die verschiedenen "turns" in den Kultur- und Sozialwissenschaften - u. a. "linguistic turn", "cultural turn", "postcolonial turn" oder "iconic turn" - bezeichnen einen signifikanten Wandel von Leitgedanken, Prämissen, Orientierung, Theorien und Kategorien; sie sind häufig die Basis für eine fundamentale Restrukturierung eines ganzen Forschungsbereichs im Sinne eines Kuhnschen Paradigmenwechsels. Doch lässt sich angesichts der enormen Verbreitung von Social Media Tools tatsächlich von einem "digital turn" sprechen?
Markus F. Peschl, Vizestudienprogrammleiter der Philosophie und Leiter des EC "eTutorInnen und Knowledge Experts" meint dazu: "'Turns' sind immer spannende Momente in der Entwicklungsgeschichte neuer Denk- und Wahrnehmungsmuster. Der sogenannte 'digital turn' ist da keine Ausnahme, sondern - im Gegenteil - eine Steigerung, da wir mit der Digitalität in neue Wissens- und Handlungsräume eintreten, die uns eine noch nie dagewesene Potenzialität und Bewegungsfreiheit eröffnen. Eine Freiheit des Denkens und sozialen Handelns, die jedoch genau wegen ihrer scheinbaren Endlosigkeit genau geprüft und reflektiert eingesetzt werden muss."
Die Hypothese vom "digital turn" und die Perspektive der "digitalen Bedingung" eröffnet das Feld für eine ganze Reihe von Fragen. In welcher Beziehung steht der "digital turn" zu den erwähnten "turns", die Erkenntnisprozesse seit geraumer Zeit vorantreiben? Sind digitale Medien uneingeschränkt positiv zu beurteilen? Eröffnet der binäre digitale Code Möglichkeiten der Dekonstruktion von binären kulturellen Konstruktionen (z. B. sex/gender, Natur/Kultur) im "Real"- und Cyberspace? Ergeben sich Möglichkeiten der Freiheit von Macht und Kontrolle?
Programm der Ringvorlesung
Mit den skizzierten Fragen befassen sich einleitend Markus F. Peschl sowie Brigitte Kossek und Silvia Grillitisch vom CTL. Der Philosoph Herbert Hrachovec beschäftigt sich in seiner Analyse des "Student Protest v.2.0" mit Fragen der politischen Repräsentation und des Protests in der Artikulation mit der Web-Technologie. Der Historiker Peter Haber, Universität Basel, widmet sich aus der Perspektive der Geschichtsforschung der Frage, ob der "digital turn" eine bloße Zeiterscheinung ohne Tiefenwirkung oder doch mehr ist. Richard Kriesche, ein international bekannter Künstler, Kunst- und Medientheoretiker, setzt sich mit der durch massenmedial bedingte Transformationsprozesse produzieren Leitfigur des "flexiblen, kreativen, künstlerisch autonomen Individuums" kritisch auseinander. Er wird Ausschnitte aus seinen künstlerischen Arbeiten präsentieren.
Weiters wird Sigrid Schmitz vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie aus der Perspektive der Genderforschung "Concept Mapping Ansätze" und deren Potential für die inter-/transdisziplinäre und gendersensible Lehre vorstellen. Theo Röhle, Universität Paderborn, Experte für die kritische Auseinandersetzung mit Google, befasst sich mit Beziehungen zwischen Wissen, Kontrolle und Hochschulinfrastrukturen. Abschließend diskutiert Jana Herwig vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, wie durch die Konstruktion und Visualisierung von Daten Evidenz produziert wird.
turn it digital!
Den Studierenden wird angeboten, sich in Teams von jeweils zwei Personen inhaltlich auf eine Vorlesung vorzubereiten und im Anschluss daran ein zehnminütiges Videointerview mit den Vortragenden durchführen. Nach Einholung der Freigabe durch die Vortragenden werden die Videos auf YouTube und der Website des CTL veröffentlicht.
Dr. Brigitte Kossek ist am Center for Teaching and Learning (CTL) beschäftigt.
Ringvorlesung "'digital turn?' studieren/kommunizieren/protestieren und die Macht des Digitalen" Beginn: Mittwoch, 13. Oktober 2010, 9.30 bis 11 Uhr Campus der Universität Wien Seminarraum des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin, Hof 2.8 Spitalgasse 2-4, 1090 Wien Nähere Informationen Programm (PDF) |