Die Geschichte der Pflege als Wissenschaft ist noch relativ kurz. Als eigentlicher Ausgangspunkt für die Entwicklung der Pflege als eigene wissenschaftliche Richtung können die wissenschaftlichen Ansätze von Florence Nightingale gesehen werden. Ihre Mitte des 19. Jahrhunderts verfassten Schriften legten nicht nur den Grundstein für die Pflege als eigene Profession, sondern können auch als Anstoß der Entwicklung der Pflege als Wissenschaft gesehen werden. Sie suchte als Erste nach wissenschaftlichen Beweisen für Phänomene, die sie bei der Pflege britischer Soldaten im Krimkrieg beobachtete und erkannte, dass die genaue Aufzeichnung und Messung der Ergebnisse pflegerischer und medizinischer Betreuung von ungeheurer Wichtigkeit für die Entwicklung effizienter Betreuung und Behandlung kranker Menschen waren.
"Krankenpflege und Gesundheitsfürsorge"
Die Entwicklung der Pflegewissenschaft und -forschung ist eng mit der Etablierung der Pflege an den Universitäten (Akademisierung) verknüpft. Diese begann Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA. Den ersten Lehrstuhl für Krankenpflege hatte die Krankenschwester Adelaide Nutting inne. 1907 wurde sie als Professorin für Krankenhauswirtschaft an das Teachers Colleg der Columbia University in New York berufen, 1910 wurde dort eine eigene Abteilung "Krankenpflege und Gesundheitsfürsorge" eingerichtet und der Lehrstuhl hieß dann "Kranken- und Gesundheitspflege" (vgl. Steppe 1993, S 19). Ihre Studie über die Ausbildung von Pflegenden aus dem Jahre 1907 ist wahrscheinlich die erste wichtige Forschungsarbeit, die von einer Krankenschwester durchgeführt wurde.
Unterschiede in Europa
In Europa erfolgte diese Entwicklung erst einige Jahrzehnte später. Hier war Großbritannien das erste Land, in dem die Pflege wissenschaftlichen Status erhielt. 1956 wurde an der Universität von Edinburgh der erste Studienlehrgang zur Grundausbildung in der Krankenpflege an der Universität eingerichtet. Die gebürtige Österreicherin Lisbeth Hockey, die dort das erste universitäre Institut für Pflegeforschung begründete, war Großbritanniens Pionierin auf dem Gebiet der Pflegeforschung.
Es gab im europäischen Raum allerdings große zeitliche Unterschiede, die Entwicklung von Pflegewissenschaft und -forschung betreffend. Waren die Staaten des nördlichen Europa in diesem Bereich führend, so konnte sich die Krankenpflege an den Universitäten der süd- und mitteleuropäischen Länder nur schleppend etablieren. Betrachtet man heute auch nur den europäischen Raum, so hat sich Pflegewissenschaft mittlerweile in allen Ländern etabliert - sogar in Österreich, das hier das glorreiche Schlusslicht bildet. 1907 - 2007 - man könnte sich fragen, ob das wirklich ein Zufall ist.
Was ist nun die Wissenschaftliche Disziplin der Pflege?
Das, was jede Wissenschaft inhaltlich ausmacht, wodurch sie sich inhaltlich definiert und von anderen Einzelwissenschaften abgrenzt, das ist ihr Gegenstand oder ihr Interessenbereich, ihre "area of concern". Zum Beispiel ist die menschliche Psyche der Gegenstand der Psychologie, all die Krankheiten und Beeinträchtigungen, die am menschlichen Körper auftreten, sind der Gegenstand der Medizin, und der Gegenstand der Pflegewissenschaft ist die Pflege. Der Gegenstandsbereich der Pflegewissenschaft wird also nicht von der Wissenschaft erfunden oder neu entwickelt, sondern er ist - in Gestalt der Pflegepraxis - bereits vorhanden. Allerdings ist er häufig nicht offensichtlich, sondern "verborgen" (vgl. Zenker 1996), d.h. er muss herausgearbeitet und für die Wissenschaft zugänglich gemacht werden.
Pflegewissenschaft ist also die Wissenschaft vom Phänomen Pflege (vgl. Dassen/Buist 1994). Oder anders gesagt: Pflegewissenschaft ist die Wissenschaft, deren definierter Interessenbereich das Handlungsfeld Pflege ist (vgl. Rennen et al. 2001). Die Beschreibung des Gegenstandsbereichs basiert also auf dem, was professionelle Pflege ausmacht. Nach der Definition von Brandenburg und Dorschner umfasst professionelle Pflege:
- die Unterstützung und Begleitung von Menschen aller Altersgruppen, die Ihre Lebensaktivitäten nicht mehr oder nur in eingeschränkten Maß dauernd oder zeitlich befristet realisieren können (d.h. sich selbst pflegen) - Die selbständige Durchführung und die Mitwirkung an präventiven, diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen - Die Beratung, Begleitung und Ausbildung von BürgerInnen, die ihre eigene Gesundheit oder Selbstpflegefähigkeit verbessern oder Pflegebedürftige begleiten bzw. sich darauf vorbereiten wollen
Von pflegetheoretischer Seite wird der Gegenstandsbereich der Pflege und somit der Pflegewissenschaft anhand so genannter Schlüsselkonzepte beschrieben, die den Fokus der Fragestellungen in der Forschung, aber auch in der Theorieentwicklung ausmachen. Im Mittelpunkt des erkenntnisleitenden Interesses der Pflegewissenschaft stehen also nun insbesondere
- Der gesunde und der kranke Mensch bzw. der Mensch in besonderen Lebenssituationen in seinem Lebensumfeld, - Interaktionen zwischen PflegeempfängerInnen und Pflegenden sowie zwischen Pflegenden und dem Kontext, der Umwelt und - das pflegerische Handeln selbst.
Gegenstand der Pflegewissenschaft sind einerseits die Auswirkungen von Krankheit, Behinderung und Gebrechen auf die Alltagsgestaltung. Andererseits beschäftigt sich Pflegewissenschaft mit der Wirkungsweise pflegerischer Interventionen und fragt nach den Einflussfaktoren und Kontextbedingungen "guter" Pflege.
Im Gegensatz zu anderen Wissenschaften die kein spezifisches Handlungsfeld haben, in dem ihr Wissen angewendet wird, schließt die Pflegewissenschaft mit der Pflege ein besonderes Handlungsfeld ein. Daher wird sie auch als Handlungs- oder Praxiswissenschaft bezeichnet. Praxiswissenschaften unterscheiden sich von anderen Wissenschaften insofern, als sie nicht nur auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet sind. Sie fragen nicht nur "Was ist wahr?", sondern auch "Was ist zu tun?" Sie beziehen sich also unter dem Gesichtspunkt der Veränderung auf ihren Gegenstand; das Erkennen oder Auffinden von universellen Gesetzmäßigkeiten ist nicht ihr einziges und oberstes Ziel. Das zentrale Element, der Ausgangspunkt und Ziel der Pflegewissenschaft, ist die Pflegepraxis, das pflegerische Handeln. "Das Verstehen der Pflegewissenschaft findet nicht in einem Vakuum statt, sondern im Kontext des Handelns" (van Maanen 1996a, S. 147).
Pflegepraxis und Pflegewissenschaft
Die Bezeichnung Praxiswissenschaft beruht nun weniger auf der Tatsache dass die Wissenschaft auf ihren praktischen Aspekt festgeschrieben wird, sondern weil die Pflegepraxis der Gegenstand ihrer theoretischen Reflexion ist (Schrems 2002). Die schwedische Pflegewissenschafterin Marit Kirkevolt zeigt ein sehr anschauliches Bild als Metapher für das Verhältnis zwischen Pflegepraxis und Pflegewissenschaft. Sie zeigt die Pflege(-praxis) als Landschaft und die Wissenschaft als Turm, der daraus herauswächst, hervorgeht und von dem aus es einem ermöglicht wird die Landschaft der Praxis aus der Vogelperspektive zu betrachten. Diese Bild zeigt, dass Pflegewissenschaft nicht etwas ist, das alleine für sich steht oder mit der Praxis verbunden werden muss, sondern aus ihr herauskommt. "Sie ist kein selbständiges Reich ohne Zusammenhang mit oder Beziehung zur Praxis. Sie ist vielmehr ein Instrument um die Praxis 'aus der Entfernung' betrachten zu können und um die täglichen Aktivitäten und Routineabläufe in einem neuen und größeren Zusammenhang zu sehen." (Kirkevolt 2002, S 22-23)
Welche Konsequenzen entstehen dadurch für die inhaltliche und forschungsmethodischen Ausrichtung?
Da Forschung immer nur Instrument ihrer Wissenschaft ist und nicht unabhängig von deren Gegenstand existiert, beschäftigt sich Pflegforschung mit den Themen, die den Gegenstandsbereich der Pflegewissenschaft ausmachen. Wenn man sich diesen vor Augen führt, so wird deutlich, dass es sich um ein sehr großes, vielfältiges Forschungsgebiet handelt. Der Kern des Forschungsbiets der Pflegewissenschaft ist die Pflegepraxis. Als Forschungsgegenstand umfasst sie - Forschung über Pflegephänomene - Forschung über Pflegemethoden oder Pflegehandlungen (Pflege als Handlung).
Es geht dabei vor allem um Indikation und Effektivität von Pflegehandlungen, aber auch um die Validität und Reliabilität der Methoden und Instrumente der Pflegepraxis. - Forschung über die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Patientinnen, Interaktion und Kommunikation zwischen Pflegenden und Patientinnen und deren Bezugsgruppen ( Pflege als Beziehungsprozess)
Forschung über Pflege als Organisation und Institution beschäftigt sich mit - Fragen zu Organisationsformen und zum Ablauf von Pflege und - Fragen zu den Arbeitsbedingungen in der Pflege
Die Pflege als Beruf als Forschungsgegenstand umfasst - Fragen zur Berufsgruppe (z.B. historische Fragestellungen)und Berufsausübung der Pflegenden (z.B. Untersuchungen über Arbeitszufriedenheit, physische und psychische Belastungen, Berufsmotivation, Karrieremuster etc.)
Die Berufspolitische Aspekte als Forschungsgegenstand der Pflege umfassen vor allem - Fragen zu gesellschaftlichen Strukturen pflegerischer Versorgung (z.B. die Frage danach, wie die Betreuung und Pflege alter Menschen in Zukunft gewährleistet und organisiert werden soll).
Wenn man sich nun die Frage nach der forschungsmethodischen Ausrichtung stellt, so wird sehr schnell klar, dass sich die Pflegewissenschaft einem sehr weiten Spektrum bedienen muss. Forschungsmethodische Ausrichtung hat aber etwas mit der wissenschaftstheoretischen Verortung zu tun. Über die Positionierung der Pflegewissenschaft gibt es immer wieder Diskussionen. Kann man sie nun zu den Naturwissenschaften zählen? Zur medizinischen Wissenschaft? Oder zu den Sozialwissenschaften oder vielleicht zu den Gesundheitswissenschaften? Viele Forscherinnen sind der Ansicht, dass sich die Pflegewissenschaft gar nicht eindeutig zuordnen lässt. Sie steht mit verschiedenen Wissenschaftszweigen in Beziehung, ohne jedoch in einem von ihnen völlig aufzugehen.
Mensch im Mittelpunkt
Die Pflege teilt mit der Medizin die Anlässe ihres Handelns (wenn auch keineswegs immer), ist jedoch nicht wie die Medizin auf "cure" (auf Heilung, d.h. Diagnose und Therapie von Krankheit) gerichtet, sondern auf "care" (auf die Förderung und Erhaltung von Gesundheit). Sie rückt nicht so sehr die Krankheit eines Menschen in den Mittelpunkt; ihr zentrales Interesse gilt vielmehr dem Kranksein.
Mit den Gesundheitswissenschaften teilt sie die Ziele, richte ihren Fokus jedoch in erster Linie auf das Individuum und nicht auf die Gesellschaft, mit den Sozialwissenschaften die Konzentration auf die Interaktionsprozesse, d.h. auf das zwischenmenschliche Handeln. Eine großer Unterschied liegt aber darin, dass es bei uns auch um den körperlichen Aspekt geht, um Körperlichkeit, um Berühren, Anfassen, Tun,... also nicht nur um den Menschen als soziales Wesen.
Multidisziplinäre Wissenschaft
Die Pflegewissenschaft kann als multidisziplinäre Wissenschaft bezeichnet werden, wobei die Einordnung in einen der traditionellen Wissenschaftszweige problematisch ist. Pflege ist, wie viele der - neuen - wissenschaftlichen Disziplinen (z.B. die Umwelt-, die Frauen- oder die Gesundheitsforschung) ein problemorientierter Forschungszweig, der sich nur schwer in eines der bestehenden Wissenschaftsgebiete einordnen lässt (vgl. Schrems 2002). Es ist nämlich nicht nur der Forschungsgegenstand an sich, durch den sich die Pflegewissenschaft von den anderen Wissenschaften unterscheidet, entscheidend ist, unter welchem Blickwinkel man das zu untersuchende Phänomen betrachtet.
Alltagsbewältigung mit dem Aufrechterhalten der Lebensqualität von gesunden und kranken Menschen steht im Zentrum der Pflegewissenschaft. Die Fokussierung auf diesen Aspekt findet sich in keiner anderen Disziplin in gleicher Weise und macht das Besondere an Pflegewissenschaft aus. Die Bezugswissenschaften, wie die Medizin, die Soziologie, die Psychologie, die Pädagogik, die Ernährungswissenschaft, die Philosophie, die die Pflege hinzuziehen kann, sind vielfältig. Sie baut auch zum Teil auf Basiswissen aus diesen Bezugswissenschaften auf, geht aber nicht in diesen auf, sondern formt ihren eignen Gegenstand durch ihren Fokus.
Problemorientiert
Dass Pflegewissenschaft ein problemorientierter Forschungszweig ist, zeigt sich schon darin, dass beide großen methodologischen Ausrichtung in der Forschung (quantitative und qualitative) gleichwertig zu finden sind. Forschungsmethoden oder Forschungsmethodologie ist ja nicht etwas, das im freien Raum schwebt, sondern jede Art der Forschung ist eingebettet in ein Paradigma, in eine Weltsicht, in die Art und Weise, wie man Wirklichkeit und deren Entstehen betrachtet und begründet sich aus dieser. Wenn man in der Pflege nun auf der einen Seiten Fragen nach Ursache-/Wirkungsbeziehungen nachgeht (z.B. wie sich Kälteanwendung auf die Situation der Mundschleimhaut bei Chemotherapiepatienten auswirkt) so folgt man damit eher dem naturwissenschaftlichen Denken und es bedarf der entsprechenden (quantitativen) Methoden. Wenn wir aber auf der anderen Seite Fragen haben, wie z.B. was eine Brustamputation für das Körpererleben einer Frau bedeutet, so muss man einem Forschungsansatz, der ein ganz anderes wissenschaftliches Weltbild repräsentiert folgen, nämlich der qualitativen Forschung. Pflegewissenschaft als querschnitts- und problemorientierte Wissenschaft muss sich beider Ansätze gleichermaßen bedienen, um einen so komplexen Gegenstand wie die Pflege mittels Forschung erschließen zu können.
Der Kreis schließt sich
Die Wahl der Forschungsmethoden, bzw. Forschungsansätze muss sich an den Fragen ausrichten und nicht umgekehrt. Wir können uns kein methodologisches "Kasterldenken" leisten und der Diskurs darüber ob qualitative Forschung genauso wissenschaftlich sei, wie die traditionelle quantitative Forschung erübrigt sich im Angesicht der Vielfalt pflegewissenschaftlicher Fragen.
Unter diesem Blickwinkel wären wir wieder beim Gegenstandsbereich der Pflegewissenschaft und der Kreis schließt sich. Man sieht, dass methodischen Diskussionen, die Diskussion um wissenschaftliche Verortung der wissenschaftlichen Disziplin Pflege immer wieder auf ihren Gegenstandsbereich zurückkommen. Pflegewissenschaft erfüllt nicht nur wissenschaftlicher Selbstzweck, sondern wir haben damit auch einen berufs- und gesellschaftspolitischen Auftrag.
Kirkevolt meint, dass der gesellschaftliche Auftrag der Pflege darin bestünde, Leiden zu lindern und das Leben erhaltende und gesundheitsfördernde Maßnahmen zu unterstützen. Und der gesellschaftliche Auftrag der Pflegewissenschaft bestehe daher darin, Wissen bereitzustellen, das die Pflegpraxis unterstützt und verbessert (vgl. Kirkevolt 2002, S 16ff).
V.-Prof. Dr. Hanna Mayer hat seit Oktober 2007 die Professur für Pflegewissenschaft (auf zwei Jahre befristet) an der Fakultät für Sozialwissenschaften inne. |