Elfriede Jelinek ist spätestens seit der Verleihung des Literaturnobelpreises in aller Munde - doch selten werden qualifizierte Äußerungen über sie und ihr Werk getroffen. Wer tatsächlich einen Überblick über ihr literarisches Schaffen hat, das sind die Germanistin Ass.-Prof. Dr. Pia Janke und ihre MitarbeiterInnen des Elfriede-Jelinek-Forschungszentrums am Institut für Germanistik.
Chance für JungwissenschafterInnen
Grundlage für das Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum ist das "Werkverzeichnis Elfriede Jelinek", das Pia Janke mit Studierenden per Zufall zeitgleich zur Verleihung des Nobelpreises herausgebracht hat. "Die Idee war, dieses Projekt zu institutionalisieren und in vernetzter, internationaler Form weiterzuführen." Hier bekommt auch wissenschaftlicher Nachwuchs eine Chance: Fünf Studierende, die bereits am "Werkverzeichnis" bzw. an der ersten Gemeinschaftspublikation "Die Nestbeschmutzerin" mitgearbeitet haben, sind derzeit im Zentrum tätig, das von der Stadt Wien und der Bank Austria gefördert wird.
"Wir sind Nobelpreisträger"?
Neben der Dokumentation und Kommentierung von Jelineks Texten und Neuauflagen des "Werkverzeichnisses" sind ein Forschungsprojekt zur internationalen Rezeption des Jelinek'schen Werkes und Sonderpublikationen geplant, etwa ein Band zum Literaturnobelpreis (Erscheinungstermin November), in dem die Reaktionen aus aller Welt dokumentiert werden. "Wir stellen die internationale Berichterstattung mit Textausschnitten aus den Beiträgen dar. Künstlerische Reaktionen wie Dramolette, Essays, Karikaturen sowie die Nobelvorlesung und mediale Antworten darauf sind ebenfalls enthalten." Wie sieht die Berichterstattung aus der Distanz aus? Janke: "In Deutschland waren die Reaktionen zum Teil vernichtend, in Österreich euphorisch, was vielleicht mit Nationalstolz zu tun hat." Also "Wir sind Nobelpreisträger", während "die Deutschen" in der Zwischenzeit immerhin "Papst" geworden sind.
Euphorie ist vorbei
Pia Janke bremst ein: "In Österreich ist diese Euphorie bald abgeklungen und die Fronten sind wieder sichtbar geworden: dieselben Ressentiments derselben Politiker. Eine Zeitlang nach der Nobelpreisverleihung wurde jede von Elfriede Jelineks Äußerungen medial aufbereitet, das ist vorbei. Man ist jetzt wieder auf die Texte, auf Aufführungen zurückgeworfen." Letztere schießen wie Pilze aus den Theaterbrettern, doch die Auseinandersetzung mit Jelineks Texten schwächelt laut Janke weiterhin: "Jelineks erster Roman 'bukolit' wurde wieder aufgelegt, 'Bambiland' ist als Buch erschienen, aber mir sind kaum Rezensionen in den Medien untergekommen. Diplomarbeiten, Dissertationen und Übersetzungen boomen, aber in der öffentlichen Diskussion hat sich nichts geändert durch den Nobelpreis."
Informations- und Kommunikationszentrum
Aus diesem Grund versteht sich das Forschungszentrum auch als Informations- und Kommunikationsplattform, die sich nicht an einen exklusiven wissenschaftlichen Kreis, sondern bewusst an alle Jelinek-Interessierten wendet: "Wir haben in den letzten Monaten Anfragen von ÜbersetzerInnen, JournalistInnen, Theaterleuten, StudentInnen und SchülerInnen bekommen, die Hinweise, Material etc. brauchen." Veranstaltungen zu Elfriede Jelinek und ihren Kontexten sollen die öffentliche Diskussion mitprägen.
Konfrontation: Literatur und Politik
Mit "Österreich : Jelinek. Eine Auseinandersetzung" im Parlament stellt sich das im November 2004 gegründete Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum erstmals der Öffentlichkeit vor. Die Veranstaltung mit Univ.-Prof. Dr. Hilde Haider-Pregler vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft und der Literaturkritikerin Mag. Sigrid Löffler, die beide neben Univ.-Prof. Dr. Konstanze Fliedl (Universität Salzburg) dem wissenschaftlicher Beirat des Zentrums angehören, sowie KultursprecherInnen von vier Parteien ist laut Janke "ein Versuch, Politik, Wissenschaft und Literaturkritik zusammenzubringen". Eine Konfrontation wird es immerhin. (sk)
"Österreich : Jelinek. Eine Auseinandersetzung" 15. Juni 2005, 16.30 Uhr, Parlament
Sophie Rois liest aus Elfriede Jelineks politischen Essays zu Österreich. Diskussion mit Hilde Haider-Pregler (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft), Sigrid Löffler (Literaturkritikerin), Christine Muttonen (SPÖ), Heidemarie Unterreiner (FPÖ), Andrea Wolfmayr (ÖVP), Wolfgang Zinggl (Die Grünen). Moderation: Pia Janke (Leiterin Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum).
Nur für angemeldete Gäste mit Einladung. |