In den 1970er-Jahren wurden in vielen Gemeinden Österreichs Großsportanlagen und Sportstätten gebaut. Heute sind viele dieser Bauten sanierungsbedürftig. Die Stadtverwaltungen stehen häufig vor der Frage, ob sich eine Sanierung noch lohnen würde oder inzwischen ohnehin andere Bewegungsgelegenheiten gewünscht seien: "Wenn jetzt etwas gebaut wird, dann hat es mindestens die nächsten 20 bis 30 Jahre Bestand. Wer da Falsches baut, setzt viel Geld in den Sand. Deshalb ist es wichtig, das Sportverhalten der BürgerInnen zu kennen, um ihnen adäquate Sport- und Bewegungsmöglichkeiten bieten zu können", erklärt Projektleiter Michael Kolb vom Institut für Sportwissenschaft.
Der Sportentwicklungsplan für Eisenstadt ist der erste in ganz Österreich, der nach der in Deutschland entwickelten Methode der "Integrierten Sportentwicklungsplanung" erstellt wird. Dabei wird untersucht, welchen Sport- und Bewegungsaktivitäten die BürgerInnen wo nachgehen, welche infrastrukturellen Bedingungen dafür notwendig sind, ob es in bestimmten Bereichen eine Über- oder Unterdeckung gibt etc. Entscheidend ist, dass dabei nicht nur die klassischen Sportarten berücksichtigt werden, sondern auch selbstorganisierte Bewegungsformen wie Joggen oder Radfahren.
Von BürgerInnen für BürgerInnen
Im ersten Schritt wurden im Rahmen des Projekts alle relevanten Daten zur vorhandenen Sportinfrastruktur, den bestehenden Sportangeboten sowie zum Schul- und Vereinssport in Eisenstadt erhoben. Im Anschluss daran wurden BürgerInnen in einer repräsentativen telefonischen Bevölkerungsbefragung über ihr aktuelles Sportverhalten interviewt. Seit April dieses Jahres findet nun ein auf diesen Daten aufbauender, kooperativer Planungsprozess statt.
Das Ziel dieses Bürgerbeteiligungsverfahrens ist die Entwicklung spezifischer Maßnahmen zur bedarfsgerechten Weiterentwicklung von Bewegung und Sport in Eisenstadt. Dazu wurde eine Planungsgruppe zusammengestellt, die sich aus VertreterInnen von Sportvereinen, Kindergärten und Schulen, VertreterInnen der Gemeindeverwaltung, RepräsentantInnen von SeniorInnen, Behinderten und Jugendlichen und politischen Parteien sowie interessierten BürgerInnen zusammensetzt: "So soll gewährleistet werden, dass alle Maßnahmen tatsächlich auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten sind", so Michael Kolb: "Das Ganze muss später natürlich in eine permanente Planung übergehen. Langfristiges Ziel ist eine zentrale Organisationsstruktur mit Maßnahmen, die in Eisenstadt in den nächsten fünf bis zehn Jahren realisiert werden."
Selbstorganisierter Sport trifft auf vielfältige Sportformen
Nicht nur für Eisenstadt, auch für das Team vom Institut für Sportwissenschaft ist die Entwicklung eines solchen Sportentwicklungsplans Neuland. "Für uns war das Ganze auch aus der Forschungsperspektive heraus sehr interessant. Wir haben eine Menge aktueller Daten über das Sport- und Bewegungsverhalten in einer Gemeinde erhalten und konnten die Veränderung in den letzten Jahren analysieren. Als Wissenschafter bzw. Wissenschafterin ist man sonst selten so dicht bei einer Prozessgestaltung auf politischer Ebene mit dabei", erläutert Projektmitarbeiterin Rosa Diketmüller.
Zwei große Trends lassen sich deutlich aus den in Eisenstadt ermittelten Daten erkennen: Erstens ist der Anteil derer, die selbstorganisierten Sport betreiben, in den letzten Jahren enorm gestiegen. In Eisenstadt sind es bereits 44 Prozent der Bevölkerung. Die beliebtesten Sportarten sind dabei Radfahren, Jogging, Schwimmen, Laufen und Nordic Walking. Die Sportvereine erreichen hingegen einen geringeren Teil der Bevölkerung - überwiegend Kinder und Jugendliche.
Die zweite Entwicklung betrifft das Spektrum der Sportarten. Während früher fünf bis sechs traditionelle Sportarten wie beispielsweise Tennis, Fußball und Leichtathletik das Bewegungsverhalten bestimmten, ist Sport heutzutage individueller. "Früher war die Sportwelt schlichter und überschaubarer - das ist vorbei. In der heutigen Zeit sind die Sportformen heterogener und vielfältiger. Das hat den Vorteil, dass jeder eine Auswahl aus einer Vielzahl von Bewegungsmöglichkeiten für sich treffen kann. Die Erstellung einer Sportinfrastruktur ist dadurch natürlich schwieriger. Deshalb ist es wichtig, in einem Sportentwicklungsplan alle Trends zu erfassen und mit einzubeziehen", resümiert Michael Kolb (mw)
Das Projekt "Sportentwicklungsplan Eisenstadt" hat im Oktober 2008 begonnen und ist weitestgehend abgeschlossen. Projektleiter Univ.-Prof. Mag. Dr. Michael Kolb und die MitarbeiterInnen Ass.-Prof. Mag. Dr. Rosa Diketmüller und Franz Mairinger werden den Sportentwicklungsplan gemeinsam mit der Planungsgruppe der BürgerInnen am 7. Juli 2009 dem Gemeinderat in Eisenstadt präsentierten.
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