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Mentee Petra Löffler sucht nach einem Verständnis der Moderne.


Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Philologisch- Kulturwissenschaftlichen Fakultät Abteilung Frauenförderung und Gleichstellung der Universität Wien Mentoring-Programm an der Universität Wien  
Eine Kultur der Zerstreuung
Forschungsprojekte
Isabell Lohmann (Redaktion) am 26. Mai 2010

Leben wir in einer Kultur der Zerstreuung? Geht es nach der Theater-, Film- und Medienwissenschafterin Petra Löffler, dann ist dies der Fall. Im Zuge ihrer Habilitationsschrift beschäftigt sich die Teilnehmerin des vierten Mentoring-Programms der Universität Wien mit der diskursgeschichtlichen Einordnung des Begriffs der Zerstreuung und leistet so einen Beitrag zum Verständnis der Moderne.

Laut Petra Löffler hat sich das Verständnis von Zerstreuung im Laufe der Zeit stetig gewandelt. Aber was bedeutet der Begriff eigentlich? Ist damit eine Zerstreuung im Sinne eines verwirrten Menschen gemeint? Oder bedeutet Zerstreuung eher das Gegenteil von Konzentration - sprich Entspannung? Und warum steht dieser Begriff gleich für eine ganze Kultur?

Kollektive Zerstreuung als Grundpfeiler der westlichen Kultur

Petra Löffler untersucht den Begriff Zerstreuung in ihrer Habilitation diskursgeschichtlich, beginnend in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Zeitpunkt ist deshalb gewählt, weil damals die erste mediale "Massenunterhaltung" der Geschichte entstand: das Panorama. Dabei handelte es sich um ein rahmenloses Rundbild, das den Betrachter umgibt und ihn durch die indirekte, fast magische Beleuchtung einer Illusion von Realität aussetzt.

"Das Panorama ist durch seine Charakteristik als erste medial vermittelte kollektive Zerstreuung Ausgangspunkt meiner Forschung, weil die kollektive Zerstreuung - wie etwa im Kino - bis heute einen Grundpfeiler unserer Kultur darstellt", erläutert Löffler: "Seit der Erfindung des Panoramas erhält der Begriff Zerstreuung einen neuen Stellenwert für die Gesellschaft, besonders für jene der Moderne."

Zerstreuung als Dreh- und Angelpunkt

Löffler beruft sich damit auf die beiden Filmwissenschafter und Gesellschaftstheoretiker Walter Benjamin und Sigfried Kracauer, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff Zerstreuung in die Wissenschaft eingeführt haben, um die Filmrezeption näher zu erklären. Die Zerstreuung erlangte aber schon ab dem späten 18. Jahrhundert und in unterschiedlichsten Fachgebieten Prominenz, u. a. in der Medizin, der Wahrnehmungsphysiologie sowie der Optik. Der Begriff wurde zum Dreh- und Angelpunkt einer ganzen Epoche. Löffler geht sogar noch einen Schritt weiter: "Je nachdem, wie diese Bezeichnung in welcher Zeit verwendet wurde - ob positiv oder negativ besetzt -, lassen sich Rückschlüsse auf damalige Denkmuster ziehen."

Zerstreuung oder Geisteszerrüttung?

Zerstreuung wurde in der Medizin Ende des 18. Jahrhunderts zunächst mit dem pathologischen Zustand der Geisteszerrüttung in Verbindung gebracht. Von daher leitet sich die negative Bewertung von Medienkonsum bis heute ab. "Spannend ist, dass sich mit der Bedeutungsverlagerung des Konzepts von Zerstreuung auch das gesamte Begriffsnetz verändert", so die Medienwissenschafterin. Der weitere Verlauf der Diskursentwicklung zeigt jedoch deutlich, dass Zerstreuung immer häufiger auch positiv gesehen wurde. So war Zerstreuung im Zuge der Industrialisierung, wo der Alltag erstmals in Arbeitszeit und Freizeit eingeteilt wurde, durchaus erwünscht.

"Heute gibt es eine eher ambivalente Auffassung von Zerstreuung. Während der Trend zum Yoga und zur kognitiven Entspannung klar ersichtlich ist, wird der Konsum von Medien - wie z. B. das 'Zapping' - oder die Unaufmerksamkeit in der Schule als deutlich negativ aufgefasst", erklärt Löffler: "Aber 'Multi-Tasking' - eine Fähigkeit, die heute in vielen modernen Berufsfeldern vorausgesetzt wird - kommt nicht ohne Zerstreuung aus."

Visueller Schock

Historisch betrachtet ist die negative Bewertung neuer Medien jedoch nichts Neues. "Die Einführung neuer Medien birgt häufig den Reflex, diese automatisch negativ zu bewerten", bestätigt Löffler. Als Argument wird fast immer eine Reizüberflutung genannt. "Schon Benjamin hat in den 1930er Jahren herausgefunden, dass nach kurzweiligem Medienkonsum eine Gewöhnung eintritt. RezipientInnen erfahren visuelle Schocks, nach kurzer Wiederholung setzt jedoch automatisch der Reizschutz ein. Der Mensch erweist sich als äußerst anpassungsfähig."

Nach dreijähriger Forschung steht Löffler nun am Ende ihrer Habilitationsschrift. Zusammenfassend wünscht sich die Theater-, Film- und Medienwissenschafterin einen differenzierteren Umgang mit Zerstreuung in der Mediengesellschaft, da diese nicht nur negative Seiten aufweist. (il)

Dr. Petra Löffler, M.A, Vizestudienprogrammleiterin des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, nahm von Oktober 2008 bis Jänner 2010 am 4. Mentoring-Programm "muV" der Universität Wien teil und schreibt im Rahmen ihrer Habilitation nach dreijähriger Forschung eine Diskurs- und Mediengeschichte über eine Kultur der Zerstreuung als Verständnis der Moderne.

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