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Der Dichter Ernst Jandl fand Anregungen für seine ungewöhnliche Poesie in der Alltagssprache und war neuen Einflüssen wie Rap oder HipHop gegenüber aufgeschlossen.


Institut für Germanistikder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Ernst Jandls "heruntergekommene Sprache"
Forschungsprojekte
Simone Kremsberger (Redaktion) am 22. März 2007

Michael Hammerschmid und Helmut Neundlinger interessieren sich für das Deviante, das Abweichende in der Literatur. Dabei sind sie auf Ernst Jandls Gedichte in "heruntergekommener Sprache" gestoßen, die sie in einem kürzlich abgeschlossenen FWF-Projekt unter der Leitung von Wendelin Schmidt-Dengler untersucht haben.

"Sprache ist von uns gemacht, und wir können, dürfen, sollen alles mit ihr machen, was mit ihr zu machen möglich ist", formulierte Ernst Jandl (1925–000) sein poetisches Konzept, das er über fünf Jahrzehnte seines Schaffens verfolgt hat.
Eine Besonderheit in seinem Werk sind die Gedichte in sogenannter "heruntergekommener Sprache" - einem ans "Gastarbeiterdeutsch" angelehnten Idiom, in dem sich die Sprache in einem unfertigen, prekären Zustand befindet.

Heruntergekommene Sprache

Dr. Michael Hammerschmid und Mag. Helmut Neundlinger haben sich im Rahmen eines dreijährigen FWF-Projekts unter der Leitung von O. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler vom Institut für Germanistik der Untersuchung dieser Sprache angenommen. "Die heruntergekommene Sprache wurde bisher von der Wissenschaft als 'Abweichung von der Norm' betrachtet. Wir wollten uns diese Sprache genauer ansehen und sie im Sinn einer eigenständigen Ausdrucksweise begreifen: Was macht Jandl da eigentlich?", schildert Michael Hammerschmid.

Poetik der Krise

Die Bezeichnung "heruntergekommene Sprache" stammt von Jandl selbst: Erstmals kommt der Ausdruck in einer Nachbemerkung zu seinem Gedichtezyklus "tagenglas" aus dem Jahr 1976 vor. Im Jahr darauf entstehen 20 weitere Gedichte im Duktus der heruntergekommenen Sprache. "Zu Beginn ist Jandls Sprache eher burlesk, er verwendet sie etwa zur Beschreibung eines extrem ausgesetzten Zustands", erläutert Helmut Neundlinger. Ein Beispiel ist das Gedicht "visite": "doktor ich nicht können aufhören scheißen / du mir geben mittel für aufhören scheißen / doktor ich nicht können aufhören sagen au au / du mir geben mittel für aufhören sagen au au (...)".

"von einen sprachen"

"Doch in der zweiten Hochphase 1977 wird die Sprache zum Ausdruck seiner persönlichen Krise - seines psychischen Zusammenbruchs, da er mit Depressionen zu kämpfen hat, und des Zusammenbruchs der Produktion", so Neundlinger.
"schreiben und reden in einen heruntergekommenen sprachen / sein ein demonstrieren, sein ein es zeigen, wie weit / es gekommen sein mit einen solchenen: seinen mistigen / leben er nun nehmen auf den schaufeln von worten / und es demonstrieren als einen den stinkigen haufen denen es seien", heißt es in dem Gedicht "von einen sprachen". Die eigene Befindlichkeit, das ästhetische Ausdrucksvermögen und das Ausdrucksvermögen insgesamt werden in Frage gestellt. In dieser "Krise der Subjektivität" bedient sich Jandl einer entfremdeten Sprache.

Jandl als Rap-Fan

Nach 1977 sind Jandls Schreibschübe in heruntergekommener Sprache vorbei - doch als poetische Haltung zieht sich das Konzept der heruntergekommenen Sprache weiter durch sein Werk. Jandl findet Anregungen in der Alltagssprache und ist neuen Einflüssen gegenüber aufgeschlossen. So zählt er zu den ersten Rap- und HipHop-Fans hierzulande, und nach seiner eigenen Aussage hätten die "stanzen" (1992) ohne den Gstanzl-Rap der österreichischen Band "Attwenger" nicht entstehen können. "Ernst Jandl hat stets den inoffiziellen Sprechweisen in weniger normierten Formaten nachgespürt und ihnen eine Form verliehen", sagt Michael Hammerschmid. "Er hat die Vielfalt der sprachlichen Möglichkeiten beim Wort genommen." (sk)


Das FWF-Projekt "Ernst Jandl und die heruntergekommenen Sprachen" startete am 1.3.2003 und wurde am 1.3.2006 abgeschlossen. Das Forschungsprojekt wurde von O. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler vom Institut für Germanistik geleitet und von Dr. Michael Hammerschmid und Mag. Helmut Neundlinger bearbeitet. Die Abschlusspublikation erscheint im Lauf des Jahres.

Literaturtipps:

"Volltext"-Sonderausgabe Nr. 1/2005 zu Ernst Jandl. Hg. von Wendelin Schmidt-Dengler, Michael Hammerschmid und Helmut Neundlinger

Ernst Jandl. Musik Rhythmus Radikale Dichtung. Hg. von Bernhard Fetz. Wien: Zsolnay 2005 (Profile. Magazin des Österreichischen Literaturarchivs 12)

Michael Hammerschmid /Helmut Neundlinger: "von einen sprachen". Poetologische Untersuchungen zum Werk Ernst Jandls. Erscheint 2007 im Studien Verlag    

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