Lange Zeit dachte man, dass Menschen geborene Imitatoren sind, die von Geburt an Handlungen von Erwachsenen nachahmen können. Das EU-Projekt "Evolution, Development and Intentional Control of Imitation (EDICI)" (NEST-Initiative "Was macht den Menschen aus") stellt dies nun in Frage (siehe Artikel "EU-Projekt zu sozialem Lernen gestartet" vom 28.6.2005). Die beteiligten WissenschafterInnen aus London, Leipzig, Ghent, Budapest und Wien haben nunmehr seit drei Jahren untersucht, unter welchen sozialen und kognitiven Einflüssen sich diese Fähigkeit beim Menschen entwickelt, welche Gehirnareale beteiligt sind, ob Spiegelneurone dazu beitragen und welche Auswirkungen die Fähigkeit der Nachahmung auf das Sozialverhalten und die Enstehung von Kultur hat. Ein Thema, viele Disziplinen
Der dreitägige Workshop umfasste 24 Hauptvorträge von hochkarätigen WissenschafterInnen aus acht EU-Ländern sowie den USA und Kanada, dazu 29 Posterpräsentationen von NachwuchsforscherInnen aus den beteiligten Forschungsgruppen. Sie vertraten dabei ein breite Palette von Disziplinen, von der Verhaltensforschung, kognitiven Neurobiologie, experimentellen Psychologie, Entwicklungspsychologie, Anthropologie, Soziologie bis hin zu den Kulturwissenschaften und der Philosophie.
Evolutionäre und vergleichende Aspekte von Imitation
Ein Schwerpunkt war die Frage der evolutionären Entstehung von Imitation. Nicht nur wir Menschen können die riskante und langwierige Form des Lernens durch Versuch und Irrtum mittels Kopieren anderer umgehen, auch viele Tiere eignen sich Fertigkeiten auf diese Weise an. Krallenäffchen etwa kopieren die Kopfbewegung eines Artgenossen, der gelernt hat, einen Futterbehälter effizient zu öffnen, mit höchster Präzision (siehe Literaturtipp). Die Arbeitsgruppe von Prof. Ludwig Huber konnte sogar zeigen, dass Hunde ihre Artgenossen nicht 'blind' imitieren, sondern abhängig davon, ob das Modelltier einen guten Grund für die gezeigte Handlung hat oder nicht, entweder diese kopieren oder eine effizientere Methode wählen (siehe Artikel "Hunde imitieren Hunde" vom 27.4.2007 und Literaturtipp).
Zuschreibung von Intentionen
Die Frage der intentionalen Zuschreibung rückte damit ebenfalls in den Mittelpunkt des Interesses der TagungsteilnehmerInnen. Wenn bereits Hunde und Schimpansen fähig sind, die Intentionen "hinter" den Handlungen anderer zu erkennen, so muss man sich fragen, wann sich diese Fähigkeit beim Menschen entwickelt. Die ungarischen Projektpartner um Prof. Gergely haben nachweisen können, dass Kleinkinder im Alter von nur zwölf Monaten erkennen können, welche Intention in der Ausführung einer Handlung eines Erwachsenen liegt (siehe Literaturtipp). Allerdings erfordert dies einen pädagogischen Kontext, durch welchen das Kind befähigt wird, das Gegenüber einzuschätzen und zu bewerten. Aktuelle Forschungen zeigen, wie stark die menschliche Imitation - im Gegensatz zu Menschenaffen - von sozialen, kooperativen und normativen Faktoren bestimmt wird.
Spiegelneurone und präfrontale Kontrolle
Das von Prof. Heyes (UC London) vorgeschlagene Imitationsmodell betont die Rolle von assoziativen Lernprozessen und der motorischen Erfahrung. Erst in zweiter Instanz wirken Prozesse der bewussten Kontrolle der Imitation, sodass diese auch gegebenenfalls unterdrückt werden kann. Menschen sind keine Kopiermaschinen, sondern können imitative Neigungen mit Hilfe präfrontaler Kontrollmechanismen steuern. Neueste Befunde der kognitiven Neurowissenschaften (Prof. Brass, MPI Leipzig und Universität Ghent) zeigen, dass die Beobachtung der Handlung einer anderen Person eine direkte Aktivierung der dazugehörigen motorischen Repräsentation (Spiegelneurone!) im Beobachter bewirkt. Doch damit trotz dieser gemeinsamen Repräsentation aus Wahrnehmung und Handlung die Unterscheidung der eigenen Handlungen von anderen gewährleistet bleibt, müssen neuronale Kontrollsysteme eingreifen. Diese sind auch bei der Deutung von Intentionen, Emotionen und Überzeugungen anderer und bei der Kooperation beteiligt.
Die Entstehung von Kultur
Die meisten RednerInnen waren sich einig, dass Imitation zwar eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für die Ausbreitung von Traditionen und die Festigung kulturellen Wissens ist. Es bedarf zusätzlicher Mechanismen der Weitergabe. Besonders der akkumulative Aspekt von Kultur, der auf einem Wagenhebereffekt beruht, ist ein besonderes Kennzeichen der Menschenkulturen. Dazu kommen noch die unterstützenden Faktoren des Unterrichtens, der Vermittlung durch Sprache und die starke kooperative und soziale Einbettung des Menschen.
Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Ludwig Huber arbeitet am Department für Neurobiologie und Kognitionsforschung. Er leitete das dreijährige EU-Projekt "EDICI" (6. Rahmenprogramm), das im April 2005 startete.
Literaturtipps: * Gergely, G., Bekkering, H. & Kiraly, I. 2002. Rational imitation in preverbal infants. Nature, 415, 755. * Brass, M. & Heyes, C. M. 2005. Imitation: is cognitive neuroscience solving the correspondence problem? Trends in Cognitive Science, 9, 489-495. * Range, F., Viranyi, Z. & Huber, L. 2007. Selective imitation in domestic dogs. Current Biology, 17, 1-5. * Voelkl, B. & Huber, L. 2007. Imitation as faithful copying of a novel technique in marmoset monkeys. PLoS ONE, July, e611. |