"'Ich habe einen Albtraum: Der Eiskasten ist voll. Wir können es uns leisten, Medizin zu kaufen. Die Straßen sind sicher und rein.' Auf die Frage, warum denn das ein Albtraum sei, antwortete die Träumende, dass damit die Rückkehr des Kommunismus gemeint sei." Diese Anekdote der bulgarischen Historikerin Kristen Ghodsee erzählt Univ.-Prof. Dr. Edith Saurer vom Institut für Geschichte, Projektleiterin und mit Dr. Margareth Lanzinger und Mag. Elisabeth Frysak Organisatorin der Tagung, um die unterschiedlichen persönlichen, aber auch wissenschaftlichen Erfahrungen und Erwartungen zwischen 'westlichen' und 'osteuropäischen Frauen zu verdeutlichen.
Frauenbewegung/en, Feminismen und Gender-Konzepte in Zentral-, Ost- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert stehen im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz, die das Ziel hat, die Vernetzung, die Kommunikation und den wissenschaftlichen Austausch zwischen Wissenschafterinnen in West- und Ost/Südosteuropa zu befördern.
Die feministisch-geschichtswissenschaftliche Zeitschrift "L'Homme" Z.F.G., die Prof. Saurer 1990 gründete, bemüht sich seit längerem um Beiträge aus diesen Ländern, ohne fundierte Netzwerke und Kontakte sei dies aber schwierig. Ein wichtiges Zeichen war daher die Erweiterung des Herausgeberinnenteams: 2003 traten Krassimira Daskalova aus Sofia und Hana Havelková aus Prag bei, verbunden damit die Hoffnung, ?dass dadurch auch andere Themen in die Diskussion gebracht und Ergebnisse osteuropäischer ForscherInnen publiziert werden", erklärt Saurer.
Buchprojekt "Netzwerkbildung zwischen Ost und West"
Den Rahmen für die Tagung bildet das seit Jänner 2003 laufende und vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank finanzierte Projekt "Netzwerkbildung zwischen Ost und West. Intensivierung wissenschaftlicher Kommunikation zwischen Österreich und Osteuropa im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte". "Ziel ist es, einen Impuls zur wissenschaftlichen Integration und zum Auf- und Ausbau von Netzwerken zu geben nach einer langen Zeit des realen Ausschlusses - räumlich, aber auch historiographisch - bzw. der Marginalisierung von ost- und südosteuropäischer Frauengeschichte und der Wissenschafterinnen, die sie betreiben", so Edith Saurer.
Um die vielfältigen Geschichten im Bereich Frauenbewegung und Feminismus in den postkommunistischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert zugänglich und bekannt zu machen, ist eine Publikation für das Frühjahr 2005 in Vorbereitung (L'Homme-Schriften Band 11). 35 Beiträge, inhaltlich und geographisch breit gestreut, sind nach einem Call for Papers eingelangt. Ein eigener Band über die Situation von Frauen und der feministischen Forschung in den zentralasiatischen Ländern, für den bereits zehn Texte vorliegen, ist ebenfalls geplant.
Russische Frauenbewegung, kosovarische Sängerinnen
Von den 35 Beiträgen der Buchpublikation wurden 13 Wissenschafterinnen ausgewählt, die im Rahmen der zweitägigen Konferenz ihre Forschungen vorstellen. Das Themenspektrum der Referate ist breit und reicht von einem Überblick über die Geschichte der russischen Frauenbewegung, von der Situation von Frauen an ostdeutschen Hochschulen vor und nach der Wende bis zu Sängerinnen im ländlichen Kosovo in den 1970ern. "Kaum erforscht wurden bisher die Zwischenkriegszeit, faschistische Bewegungen oder die Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges", stellt Saurer fest.
Unterschiedliche Erfahrungshorizonte
"Die Doktrin der bereits erreichten Gleichstellung von Frauen zur Zeit des Kommunismus machte nicht nur Feminismus vermeintlich obsolet, sondern hinterließ auch Spuren in der Wahrnehmung und Einschätzung von Feminismus- und Geschlechterfragen", fasst Prof. Saurer einen wichtigen Diskussionspunkt zusammen, um den es bei der Tagung gehen soll: die Rezeption von Feminismustheorien und Genderkonzepten. Einerseits gebe es teilweise Vorbehalte gegenüber westlichen Feminismen, ihren Methoden und Diskussionen, andererseits sei der Rückenwind für die Gender Studies, die es ja lange nicht gab, nicht so stark wie im Westen, so Saurer.
Ein weiterer spannender Punkt ist die erst in Aufarbeitung begriffene Geschichte der Ersten Frauenbewegungen um 1900 in den einzelnen postkommunistischen Ländern. "Der 'Staatsfeminismus' hat die Erinnerung daran nicht befördert, ein breiteres Forschungsinteresse entwickelte sich erst nach1989. Bei diesem Thema ist es auch möglich, die Habsburgermonarchie von einer ganz anderen Seite zu beleuchten, nämlich aus der Sicht der Kronländer und der Frauen. Die österreichische Erste Frauenbewegung pflegte historisch bedingt enge Verbindungen zu Teilen der zentral- und osteuropäischen Ländern." Offensichtlich war den frühen Feministinnen schon bewusst, dass Netzwerke "die Voraussetzung sind für institutionalisierte wissenschaftliche Kontakte". (mh)
"Continuities and Discontinuities. Women?s Movement and Feminism(s) in Central-, Eastern- and Southeastern Europe (19th and 20th Centuries)" 3./4. Juni 2004, jeweils 9.30-17.30 Uhr Bruno Kreisky Forum Armbrustergasse 15, 1190 Wien Programm Das nächste L?Homme-Heft erscheint im Juni zum Thema "Post/Kommunismen". |