Redaktion: Warum haben Sie ausgerechnet diese vier Filme ("Kapo", "Die letzte Etappe", "Zeugin aus der Hölle", "Birkenau und Rosenfeld") ausgesucht? Frank Stern: Wir zeigen vier Spielfilme aus unterschiedlichen Ländern, Koproduktionen aus Italien, Frankreich, Deutschland, Jugoslawien, Polen, die seit 1948 in unterschiedlichen Perioden der Erinnerung, der Verarbeitung und der kritischen Auseinandersetzung mit den Realitäten der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager entstanden sind. Diese Spielfilme sind zum Teil heute völlig unbekannt und zeigen einen kleinen Ausschnitt aus jenem Bereich der europäischen Filmkultur, in dem nach wie vor um zweierlei gerungen wird: Wie stelle ich das Schicksal von Frauen im Lager dar, und aus welcher Perspektive führe ich den Zuschauer durch einen Film, in dem es nicht allein um Weiblichkeit, Würde, Überleben, Solidarität, Widerstand und Erinnerung geht, sondern auch um sehr intime Themen, um Körperlichkeit, Sexualität und deren Bedeutung für Frauen im Lager, die zwischen Selbstaufgabe, Widerstehen und Vernichtung durch Sklavenarbeit nur wenig Spielraum hatten?
Redaktion: Inwieweit waren Frauen während der NS-Zeit Opfer und inwieweit Täterinnen? Der Titel der Filmreihe, "Frauen im KZ", kann ja in beiderlei Hinsicht verstanden werden. Stern: Ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung der letzten NS-Lager und mit zunehmendem Wissen über Zwangsarbeit und Vernichtungspolitik, die ja die unmenschliche und skrupellose Ausnutzung von inhaftierten Frauen für medizinische Versuche und Sex-Zwangsarbeit miteinschloss, gibt es gute wissenschaftliche Arbeiten zum Thema (siehe Literaturtipp).
In unserer Retrospektive wollen wir zeigen, dass Filmemacher sich bereits seit den ersten Nachkriegsjahrzehnten, als die Erinnerung an die Gräueltaten noch wacher war, in wichtigen Spielfilmen diesem Thema zugewandt haben. Dabei reicht die Bandbreite der behandelten Probleme vom weiblichen Widerstand über die Kollaboration als weiblicher Kapo bis zur von der Gaskammer bedrohten Sexsklavin. Die Vernichtungspolitik hatte viele Gesichter, und vor den Körpern wurden oft die Würde und die Seelen gemordet. Diese Filme fragen auch: Wann und wodurch können Häftlinge im Lager von Opfern zu Kollaborateuren werden? - doch die weiblichen und männlichen Angehörigen der NS-Wachmannschaften stehen in diesen vier Filmen nicht im Zentrum.
Redaktion: Warum läuft diese Filmreihe gerade vor der KZ-Gedenkstätte Mauthausen? Stern: Den Frauen, die in Mauthausen inhaftiert waren, die dort gelitten haben oder zugrunde gegangen sind, den wenigen, die überlebt haben, soll mit dieser Filmreihe auch vor Ort gedacht werden. Orte der Erinnerung sollen nicht in erster Linie Museen sein, sondern lebendige Träger einer sich gerade an die jüngeren Generationen richtenden Erinnerungskultur, in der den Künsten und insbesondere der Filmkunst eine immense Bedeutung zukommen. Sicherlich könnten und sollten die Film auch in Wien gezeigt werden. Doch ist es wichtig, die KZ-Gedenkstätte Mauthausen ständig in eine notwendige österreichweite Diskussion über unsere Vergangenheit, über Fremdenhass, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit einzubeziehen. Hier verzahnen sich Wissenschaft, Filmkultur und öffentlicher Bildungsauftrag. Die Retrospektive ist daher auch Teil der konstruktiven Kooperation zwischen dem Institut für Zeitgeschichte und dem Bundesministerium für Inneres. Die österreichische und europäische Geschichte im Film, der Nationalsozialismus und seine Folgen im Film sollten ständige visuelle Begleiter von Bildung und Aufklärung sein.
Redaktion: Inwieweit ist das Thema "Frauen im KZ" noch ein Tabu-Thema? Oder ist es das schon lange nicht mehr und bereits Teil des öffentlichen Diskurses? Stern: Bei den Gedenk- und Mahnveranstaltungen im Mai stand heuer das Thema 'Frauen im KZ' erstmals im Vordergrund. Es hat also sehr lange gedauert, bis Themen der sexualisierten Gewalt gegen Frauen nicht allein WissenschafterInnen und Studierende beschäftigt haben, sondern in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit gerückt sind. Die Filme der Retrospektive fordern uns heraus, auch weil sie Anlass für Kontroversen waren und heute noch sein können. In der politischen Bildung ist die offene Auseinandersetzung mit unserem Thema unerlässlich. Es geht hierbei nicht allein um unsere Erinnerungskultur, sondern auch darum, Lehren aus der juden- und frauenfeindlichen Radikalisierung und Brutalisierung im Nationalsozialismus zu ziehen, unter der viele Frauen aus zahlreichen Ländern, Jüdinnen sowie Angehörige der Sinti und Roma zu leiden hatten oder in deren Konsequenz sie ermordet wurden. Doch handelt es sich hier nicht allein um ein historisches Problem. Auch wir müssen uns heute immer fragen, was in einem gesellschaftlichen System vor sich geht, in dem Menschen, insbesondere Frauen, die als die anderen oder Schwächeren wahrgenommen werden, einem Prozess der Entmenschlichung unterworfen sind oder zur Ware Sex herabgewürdigt werden. (ak)
Frank Stern ist Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, Schwerpunkt Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte.
Open-Air-Filmretrospektive "Frauen im KZ" 23. bis 26. August 2006, Beginn: 20 Uhr KZ-Gedenkstätte Mauthausen Ausführliches Programm (DOC) 23.8.: "Kapo" (I/F 1959, R: Gillo Pontecorvo, 116 min.) 24.8.: "Die letzte Etappe" (PL 1948, R: Wanda Jakubowska, 106 min., OmU) 25.8.: "Zeugin aus der Hölle" (D/JUG 1965/67, R: Zika Mitrovic, 83 min.) 26.8.: "Birkenau und Rosenfeld" (D/F/PL 2002, R: Marceline Loridan-Ivens, 90 min.) Bei Schlechtwetter werden die Filme im angrenzenden Besucherzentrum gezeigt. Gratis Busshuttle von Wien/Linz und retour. Der Eintritt ist frei. Informationen und Anmeldung unter 01/531 26-3867 oder BMI-IV-7@bmi.gv.at.
Open-Air-Filmretrospektive "im_fokus": Österreich vom Ständestaat bis zur alliierten Besatzung 29. August bis 1. September 2006 Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim Alle Veranstaltungen finden im Hof des Lern- und Gedenkschlosses statt. Der Eintritt ist frei. An sämtlichen Spieltagen werden um jeweils 19 Uhr (ab fünf Personen) Begleitungen durch die Gedenkstätte angeboten (Dauer ca. 45 Minuten, Unkostenbeitrag: 2 Euro pro Person).
Literaturtipp: Helga Amesberger, Katrin Auer, Brigitte Halbmayr: Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern. Wien: Mandelbaum Verlag 2004.
Baris Alakus, Katharina Kniefacz, Robert Vorberg (Hg.): Sex-Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Wien: Mandelbaum Verlag - erscheint im September 2006. |