1940: Der Krieg der Nationalsozialisten befindet sich am Höhepunkt. Gemeinsam mit Mussolini plant Hitler eine Allianz gegen Großbritannien und Frankreich. Die Lage für österreichische und deutsche Staatsbürger, die sich dort aufhalten, wird immer angespannter. Aus Angst, sie könnten sich - im Falle eines Krieges - mit den Nationalsozialisten verbünden, fordert der britische Premierminister Winston Churchill ihre Inhaftierung. Das Paradoxe: Unter den Betroffenen befinden sich - neben einer geringen Zahl möglicher SympathisantInnen des nationalsozialistischen Reichs - vor allem Jüdinnen und Juden. Ursprünglich vor den Gräueltaten der Nationalsozialisten ins britische Exil geflohen, werden sie nun auch dort verfolgt. Doch dem nicht genug: Ein Teil der Flüchtlinge - ausschließlich Männer - wird, nachdem die Lager in Großbritannien überfüllt sind, nach Kanada weiter verschifft.
Vom Exil ins Exil
"Dort erwartet sie kein herzlicher Empfang", erklärt Eugen Banauch vom Institut für Anglistik und Amerikanistik. In seiner Dissertation, die 2008 mit dem "Scientific Award" der Austrian-Canadian Society ausgezeichnet wurde, veranschaulicht er anhand einer Untersuchung des Lebens und des journalistischen und literarischen Schaffens der vier Exilautoren Carl Weiselberger, Eric Koch, Charles Wassermann und Henry Kreisel die Besonderheit des kanadischen Exils. "Anders als heute ist Kanada zu dieser Zeit ein äußerst restriktives Einwanderungsland; gerade jüdische Flüchtlinge werden nur ganz wenige ins Land gelassen", so Banauch. Die in England internierten Flüchtlinge finden sich auch in Kanada wieder in Lager "weggesperrt". Unter ihnen die (angehenden) Schriftsteller Kreisel, Weiselberger, Wassermann und Koch. "Sie befinden sich nun in einem doppelten Exil, nach England geflohen, werden sie durch die kanadische Internierung in ein weiteres Zwangsexil gedrängt", so Banauch.
Ein Leben hinter Stacheldraht als intellektueller Nährboden
Trotz dieses Schicksals gelingt es vielen Flüchtlingen, die Zeit in den Lagern konstruktiv zu nützen. "Die von mir untersuchten Autoren kommen alle bis auf Carl Weiselberger als junge Männer vom Exil in England nach Kanada", erklärt Banauch: "Die Ausbildung, die sie sich teilweise in England nicht leisten konnten, erhalten sie nun in den 'Camps' von älteren Internierten." So findet etwa Henry Kreisel in dem Journalisten und Schriftsteller Carl Weiselberger einen Mentor. "Kreisel beginnt als Teenager während der Internierung bereits auf Englisch zu schreiben", so Banauch: "Sein Gedicht 'Visit' - über einen fiktiven Besuch seiner Mutter im Lager – wird auf Umwegen in jüdisch-kanadischen Zeitschriften veröffentlicht, und hilft, die kanadische Öffentlichkeit auf das Schicksal der 'Camp-Boys' hinzuweisen."
Die "alten Weisen" und die "jungen Neugierigen"
"Kreisel wird nach seiner Internierungszeit ein bekannter Literaturwissenschafter in Edmonton und früher Förderer kanadischer Literatur, Weiselberger ein führender Kunstkritiker in Ottawa", so Eugen Banauch. Auch Charles Wassermann und Eric Koch "profitieren" von der Internierungszeit. Banauch: "Wassermann startet eine beeindruckende Karriere als Auslandskorrespondent für die kanadische CBC, schreibt und gestaltet u.a. Radiobeiträge über kanadische Literatur und Kultur, Koch publiziert Romane in Englisch." Alle vier teilen ein gemeinsames Schicksal: Nach ihrer Zeit in den Internierungslagern bleiben sie in Kanada, arbeiten vornehmlich für ein kanadisches Publikum und leisten bedeutende Beiträge für das sich radikal wandelnde Nachkriegs-Kanada.
Erinnerungen und Interesse wecken
"Mit meiner Arbeit möchte ich diese Flüchtlinge dem Vergessen entreißen, aber auch dem Klischee des rückwärtsgewandten jüdischen Exilanten transkulturelle Lebensentwürfe entgegensetzen", so Banauch. Besonders interessant ist für den Amerikanisten dabei, dass die untersuchten Schriftsteller, trotz der gemeinsamen Erfahrung in den Lagern, verschiedene Bewältigungsstrategien für diese Zeit entwickelten.
Für seine literaturwissenschaftliche Untersuchung wendet Banauch einen Methodenmix aus verschiedenen Disziplinen an: Er greift auf germanistische Untersuchungen zu Exilliteratur, Holocaust Studien, Canadian Studies und Theorien des Transkulturalismus zurück und kreiert den Begriff des "Fluid Exile": "Dieser Terminus soll u.a. zeigen, dass sich in der Entwicklung der Exilanten kein linearer Ablauf festmachen lässt." Nach der Internierungszeit erleben die Autoren verschiedene Stationen, die sich auf ihre Texte unterschiedlich auswirken. "Gemeinsam ist ihnen jedoch der Schmerz und das Trauma der Internierungszeit", so Banauch. Ziel seiner Forschungen ist es u. a., das Exil und vor allem das Schaffen dieser jüdischen Autoren einem Publikum auf beiden Seiten des Atlantiks zu präsentieren. Banauch: "Diese Autoren sind bislang marginalisiert, befinden sie sich doch zwischen den Stühlen recht festgefahrener Disziplinen. Meine Arbeit ist ein Versuch, das ein wenig aufzubrechen." (pp)
Im Rahmen seiner publizierten Dissertation "Fluid Exile. Jewish Exile Writers in Canada 1940-2006" setzt sich Mag. Dr. Eugen Banauch, MA vom Institut für Anglistik und Amerikanistik mit österreichischen und deutschen jüdischen Schriftstellern im kanadischen Exil auseinander.
Buchtipp:
Banauch, Eugen. Fluid Exile. Jewish Exile Writers in Canada 1940-2006. (Anglistische Forschungen 395). Winter: Heidelberg, 2009. 260 Seiten.
ISBN: 978-3-8253-5572-2 |