Der Krieg gegen Jugoslawien setzte am 6. April 1941 mit dem Bombardement des Deutschen Reichs auf Belgrad ein. Fortan kämpften sowohl jugoslawische PartisanInnen - darunter auch Frauen - gegen die nationalsozialistischen und faschistischen Besatzer als auch verschiedene Gruppierungen innerhalb der Bevölkerung - PartisanInnen, sog. Četniks ("Königstreue") sowie Ustaša ("kroatische Faschisten") - gegeneinander. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Bild der Frau als Widerstandskämpferin unterschiedlich eingesetzt.
Wie die Partisanin zu einer Art "sozialistischer Weiblichkeitsikone" stilisiert wurde, untersucht die Zeithistorikerin und APART-Stipendiatin Natascha Vittorelli in ihrem Projekt "Partizanka. Historiographische und audiovisuelle Repräsentationen von Partisaninnen im sozialistischen Jugoslawien (1945-1991)".
Die Konstruktion der Partisanin
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, wie im sozialistischen Jugoslawien Geschlecht in Bezug auf die partisanische Vergangenheit konstruiert wurde. Die Hypothese der Zeithistorikerin lautet, dass in diesem Prozess die Waffe als zentrales geschlechtsspezifisches Distinktionsmerkmal fungiert. "Die Darstellung ist ambivalent: Haben Partisaninnen bewaffnet an der Front gekämpft, oder waren sie vornehmlich für Sanitäts- und Kurierdienste zuständig? Mich interessiert allerdings weniger, wie sich das während des Kriegs tatsächlich verhalten hat - mein Fokus liegt auf der Darstellung nach 1945."
Die Frau mit Waffe - eine potenzielle Mörderin - war selbst in einem sozialistischen Staat wie Jugoslawien nur schwer vorstellbar und darstellbar. Auf der anderen Seite heftete man sich laut Vittorelli gerne die vermeintliche Gleichberechtigung auf die Fahnen, die nicht zuletzt durch die historische Existenz von Partisaninnen symbolisiert wurde: "Derart konstituierte sich der sogenannte 'partisan myth of equality', wie ihn die Politikwissenschafterin Barbara Jancar-Webster bezeichnet."
Von der musealen Inszenierung ...
In ihrer Habilitation untersucht Vittorelli die Darstellung der Partisanin anhand von drei audiovisuellen Fallbeispielen. Das erste Beispiel ist das ehemalige konspirative PartisanInnenspital "Franja", das nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Freilichtmuseum umgestaltet wurde. Namensgeberin war die einstige Leiterin Franja Bojc Bidovec (1913-1985). "Üblicherweise wurden für derartige konspirative PartisanInnenspitäler fiktive Bezeichnungen verwendet. Es gab nur wenige Lazarette, die nach realen Personen benannt wurden - dann aber interessanterweise nach den Vornamen der - wenigen - Leiterinnen." Obwohl das Spital und anschließend das Museum nach einer konkreten Person benannt wurden, ist die ehemalige Leiterin visuell nicht präsent. Im Rahmen der musealen Inszenierung repräsentiert sie eine paradoxe Leerstelle. "In den 1960er Jahren wurde zumindest ein Porträt von Franja Bojc Bidovec aufgehängt - doch selbst das erst auf Betreiben von BesucherInnen hin", so die Zeithistorikerin.
... über die fotografische Repräsentation ...
Das zweite Fallbeispiel stellt das Foto einer jungen Partisanin aus dem Jahr 1943 dar, das nicht nur in unterschiedlichen Kontexten, sondern auch je nach Kontext in einem anderen Bildausschnitt veröffentlicht wurde. "Für mich repräsentiert diese Aufnahme das klassische Motiv der Partisanin. Es veranschaulicht die Ambivalenz bezüglich der Darstellung von Frauen mit Waffe, denn auf manchen Bildern wurde die Waffe weggeschnitten", so Vittorelli.
Interessant sei zudem die Geschichte, die hinter dem Foto steht: "Die Identität der Abgebildeten wurde erst 2007 geklärt, als ein Journalist die Frau ausfindig machen konnte. Milja Marin erzählte ihm, dass sie eigentlich als Sanitäterin tätig gewesen sei und für die Aufnahme gebeten wurde, mit Waffe zu posieren. Abgesehen davon habe sie nie eine Waffe in Händen gehalten."
... bis hin zur filmischen Darstellung
Drittens beschäftigt sich Vittorelli mit dem ersten jugoslawischen Nachkriegsspielfilm "Slavica" des Regisseurs Vjeko Afrić (1906-1980). Darin zieht eine Partisanin namens Slavica bewaffnet in den Krieg. "Slavica trägt zwar Waffen, diese kommen aber nie zum Einsatz. Das Tragen von Waffen war anscheinend das Maximum des Zeigbaren", vermutet die Wissenschafterin: "Bemerkenswert ist zudem das Ende des Films: Auf einem Boot versuchen die PartisanInnen, einem feindlichen Angriff zu trotzen. Während ihre männlichen Mitstreiter auf Deck das Boot mit Waffen verteidigen, befindet sich Slavica unter Deck und stopft die Löcher, welche die Feinde ins Boot schießen."
Mangelnde theoretische Beschäftigung mit der Figur der Partisanin
Neben den drei Fallbeispielen untersucht Natascha Vittorelli auch die Theoretisierung der Figur der Partisanin: "Auffallend ist, dass in Jugoslawien - im Unterschied etwa zu Deutschland in den 1960er Jahren - kaum eine theoretische Auseinandersetzung mit dieser Figur stattgefunden hat. Hier hat die Partisanin Geschichte geschrieben, ohne je definiert worden zu sein." (mw)
Mag. Dr. Natascha Vittorelli vom Institut für Zeitgeschichte, Stipendiatin im APART-Programm der ÖAW, hat ihr Habilitationsprojekt "Partizanka. Historiographische und audiovisuelle Repräsentationen von Partisaninnen im sozialistischen Jugoslawien (1945-1991)" im März 2009 begonnen. Derzeit befindet sie sich in Karenz. Das Projekt wird voraussichtlich 2014 beendet. |