Der Frauenhandel ist eine Menschenrechtsverletzung, die täglich stattfindet - auch in Österreich. Hier sind es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Öffnung des Ostens vor allem osteuropäische Frauen, die mit falschen Versprechungen oder Gewalt nach West- bzw. Mitteleuropa gebracht werden.
Der Handel mit der "Ware Frau" - sei es nun ihre Ausbeutung als Arbeitskraft oder die Zwangsprostitution - ist global gesehen eine der lohnendsten kriminellen Machenschaften überhaupt. "Die Wurzeln des internationalen Frauenhandels liegen in der ersten Globalisierungs- bzw. Industrialisierungswelle im 19. Jahrhundert, zum Beispiel in Argentinien oder Uruguay", erklärt Jürgen Nautz vom Institut für Volkswirtschaftslehre. Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker forscht schwerpunktmäßig zum Thema Frauenhandel und war u.a. im Rahmen des EU-Projekts "W.E.S.T. - Women East Smuggling Trafficking" - gemeinsam mit Birgit Sauer vom Institut für Politikwissenschaft - am Aufbau von Strukturen im Kampf gegen das Verbrechen beteiligt.
Die Schattenseite des Fortschritts
Nährboden für die Ausweitung des Frauenhandels boten der wirtschaftliche Aufschwung und der technische Fortschritt im 19. Jahrhundert. Vereinfachte Transport- und Kommunikationswege beeinflussten vor allem den transkontinentalen Frauenhandel. Viele Frauen wurden aus dem damaligen Gebiet Galizien "rekrutiert" - heute das Territorium der Ukraine und Weißrussland - und nach Lateinamerika gebracht.
"Die Öffnung des Panama- und des Suezkanals sowie die Erfindung der Telegrafie bzw. der Telefonie ermöglichte es den Händlern, auf die steigende Nachfrage der überwiegend männlichen Einwanderer nach weißen Frauen zu reagieren", sagt Nautz: "Die liberalen Einreise- bzw. Meldegesetze ermöglichten es, sie rasch mit Frauen aus dem Ausland zu 'versorgen'." Aufstrebende Städte wie Buenos Aires oder Montevideo wurden zu Zentren des kriminellen Zweigs.
Lockmittel: Falsche Versprechungen
Schon damals wurden die Frauen, die ins Netz von Menschenhändlern gerieten, mit der Aussicht auf ein besseres Leben gelockt - und landeten stattdessen, zumeist ohne Papiere oder mit Schuldschein, in Bordellen. Letztere wurden, zumindest in Buenos Aires und Montevideo, oft von eingewanderten EuropäerInnen betrieben: "Eine Liste, die 1899 vom österreichischen-ungarischen Konsulat in Buenos Aires zusammengestellt wurde, zeigt, dass es sich bei den gemeldeten BordellbesitzerInnen sogar überwiegend um Frauen aus Österreich und Ungarn handeln könnte."
Umkehrung im 20. Jahrhundert: Von West nach Ost
Auch die österreichisch Reichshälfte blieb vom Phänomen Frauenhandel nicht verschont. Nach 1918 trugen die schlechte ökonomische Situation, die hohe Arbeitslosigkeit und die Einkommensunterschiede in Österreich dazu bei, dass sich Frauen dazu verleiten ließen, nach Bulgarien, Deutschland, Russland oder Rumänien zu emigrieren. "Frauen aus Österreich in den Osten zu holen, ist für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg neu, und heute ist es ja eher umgekehrt der Fall", so Nautz.
Vielen jungen österreichischen Mädchen wurde zum Beispiel die Teilnahme an einer Frauenkapelle, die in Wien sehr beliebt war, in Aussicht gestellt: "Unterwegs haben die Frauen jedoch entgegen der Versprechungen nichts verdient - um ihre Schulden zu bezahlen, mussten sie dubiose Leistungen wie den Verkauf des Körpers erbringen", fährt der Experte fort.
Schritte zur Bekämpfung des Verbrechens
Dass der Frauenhandel bekämpft werden muss, wurde schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt. Bis in die 1930er Jahre gab es internationale Konferenzen zur Bekämpfung des Problems, vor allem von feministischen oder kirchlichen NGOs initiiert. Diese waren durchaus erfolgreich und führten u.a. zum ersten internationalen Abkommen gegen Frauenhandel. Auch für den Völkerbund war die Bekämpfung des Verbrechens ein zentrales Anliegen.
"Heute haben wir mit den Menschenrechten und ihrer vielfachen Verankerung in den nationalen Verfassungen eine bessere Basis, gemeinsam dagegen anzukämpfen", meint der Wissenschafter. Er hebt jedoch hervor, dass es noch viel zu tun gibt: "Die gemeinsamen internationalen Standards und die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation von Frauen sind erste Schritte, um gegen den Frauenhandel effektiv vorzugehen. Aber selbst diese sind noch nicht abgeschlossen." (pp)
Ao. Univ.-Prof. Jürgen Nautz vom Institut für Volkswirtschaftslehre widmet sich in seiner Forschung u.a. dem Phänomen Menschenhandel, insbesondere dem Handel mit Frauen. Neben seiner Teilnahme an internationalen Konferenzen zu diesem Thema - wie z. B im März 2010 am dritten europäischen Netzwerktreffen gegen Menschenhandel - brachte der Wirtschaftshistoriker bis dato zahlreiche Publikationen zum Thema heraus. Zurzeit plant der Wissenschafter gemeinsam mit der Politikwissenschafterin Univ.-Prof. Dr. Birgit Sauer ein Projekt zum Thema "Governing Women Traffic".
Buchtipp: Nautz, Jürgen und Sauer, Birgit (Hrsg.): Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. (Kulturelle Perspektiven 6). Göttingen: unipress, 2008; 187 S., Euro 28,90. ISBN 978-3-89971-317-6 |