Wenn Krankheitserreger in den Körper eindringen, haben sie nur ein Ziel: sich zu vermehren. Die Aufgabe unserer Immunabwehr ist es, genau dies zu verhindern. Eine übliche erste Verteidigungsstrategie infizierter Zellen besteht darin, große Mengen antiviraler Proteine (Interferone) auszuschütten. Normalerweise beschleunigt das den Heilungsprozess. Ein Forschungsteam der Universität Wien unter der Leitung von Thomas Decker hat jedoch entdeckt, dass Interferone in bestimmten Fällen dem "eigenen Lager" schaden. |
Listerien sind Krankheitserreger, die über verunreinigte Lebensmittel in den Körper eindringen, sich in Wirtszellen einnisten und schlimmstenfalls tödliche Infektionen auslösen, v.a. bei alten oder immunschwachen Menschen. Auch schwangere Frauen sollten jeglichen Kontakt mit riskanten Produkten - etwa rohes Fleisch, roher Fisch oder Rohmilchkäse - vermeiden: Oft sind Tot- oder Frühgeburt die traurigen Folgen einer Listerieninfektion.
Ein gesunder Körper wird jedoch problemlos mit den weit verbreiteten Schmarotzerbakterien fertig - und das, obwohl unser Immunsystem auf den Listerienbefall zunächst einmal komplett falsch reagiert.
Denn wenn Listeria monocytogenes zum Beispiel eine Fresszelle (Makrophage) infiziert, beginnt diese prompt mit einer übermäßigen Produktion von antiviralen Proteinen - sogenannten Typ-1-Interferonen (IFN-1). Damit schadet sie sich jedoch selbst: Die Makrophage, die eigentlich das Bakterium abtöten sollte, wird durch die Interferonproduktion geschwächt und es passiert das genaue Gegenteil: Sie fällt selbst der Infektion zum Opfer.
Fehlentscheidung des Immunsystems
Dass Interferone - Protein-Botenstoffe, die dem Körper normalerweise dabei helfen, Krankheitserreger abzuwehren - angesichts einer Listerienattacke zu "Bösewichten" werden, ist Univ.-Prof. Dr. Thomas Decker vom Department für Mikrobiologie und Immunbiologie schon seit einiger Zeit bekannt. Warum das so ist, weiß er noch nicht: "Das angeborene Immunsystem reagiert auf die Listerien ebenso wie auf andere virale oder bakterielle Krankheitserreger auch. Was normalerweise gut funktioniert, wird im Fall einer Listerieninfektion plötzlich zum Eigentor." Dass die Listerien die Interferone absichtlich auf "ihre Seite ziehen", schließt der Immunbiologe aus: "Vermutlich handelt es sich um eine 'Default-Antwort' des Körpers - einen Unfall, sozusagen."
K.O.-Mäuse
Im Experiment stellten Thomas Decker und sein Team fest, dass sogenannte Interferonrezeptor-Knockout-Mäuse - Tiere, deren Interferon-Antwort genetisch ausgeschaltet wurde, weshalb sie nicht mehr auf Typ-1-Interferone reagieren können - resistenter gegenüber Listeriose sind. Im neuen FWF-Projekt, in dem die WissenschafterInnen eng mit O. Univ.-Prof. Dr. Matthias Müller von der Veterinärmedizinischen Universität zusammenarbeiten, soll nun u.a. geklärt werden, welche Zellen auf IFN-1 antworten und für die Schwächung des Wirtsorganismus sorgen.
Freund oder Feind?
Dabei machen sich die ImmunbiologInnen die bakterielle Genetik zunutze. Um Unterschiede in der Immunantwort festzustellen, vergleichen sie nicht ansteckende Listerienmutanten mit dem Wildtyp-Bakterium. Der Mechanismus der Interferon-Synthese und der Interferon-Antwort soll mittels Mausgenetik aufgeklärt werden.
Ziel ist es, molekulare Zellprofile zu erstellen - sowohl von den Zellen, die Interferone produzieren, als auch von jenen, die darauf antworten. "Kurz gesagt: Wir wollen die angeborene Immunantwort auf Listerien verstehen", sagt Decker: "Wenn sich zeigt, dass die Interferonproduktion tatsächlich negativ mit dem Überleben von Mäusen oder der Krankheit von Patienten korreliert, wäre das möglicherweise auch therapeutisch relevant." (br)
Das dreijährige FWF-Projekt "Typ-1-Interferone und angeborene Immunität gegen Bakterien" startete im Jänner 2008. Das Projektteam - Univ.-Prof. Dr. Thomas Decker (Projektleiter), Univ.-Ass. Mag. Dr. Silvia Stockinger, Mag. Benjamin Reutterer, Mag. Heather Zwaferink und Mag. Elisabeth Kernbauer vom Department für Mikrobiologie und Immunbiologie der Universität Wien - arbeitet mit WissenschafterInnen der Veterinärmedizinischen Universität Wien zusammen. |