
Jahrelang befand sich der Nachlass von Carl Kreil in der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, wo ihn der ehemalige Leiter der Abteilung Geophysik auf der Hohen Warte, Peter Melichar, entdeckte. Er kümmerte sich um eine zeitgemäße Umlagerung der Dokumente und Messinstrumente, da diese zuvor in einfachen Holzkisten aufbewahrt wurden. Zeit um den Nachlass zu bearbeiten, fand Melichar allerdings nicht. Kurz vor seiner Pensionierung, im Sommer 2009, bewogen ihn Sigmund und Michor schließlich zur Schenkung der Fundstücke an die Universität Wien.

Die Mathematiker Karl Sigmund und Peter Michor waren die Ersten, die den Inhalt der Kisten Anfang Jänner 2010 genauer inspizierten. "Die Briefe zählen dabei zu den wertvollsten Fundstücken", meint Sigmund und schiebt mehrere Bücher einer Kiste zur Seite. Verborgen im untersten Bereich des Behälters finden sich die Zeugnisse einer bemerkenswert intensiven Korrespondenz. Nicht erst seit Daniel Kehlmanns fiktiver Beschreibung der "Vermessung der Welt" ist bekannt, welche Passion WissenschafterInnen des 18. und 19. Jahrhunderts dem Magnetismus und der Geodäsie entgegenbrachten.

Die Messungen der Erdmagnetfeldschwankungen, die damalige Wissenschafter an den verschiedensten Orten der Welt durchführten, liefen bei Gauß zusammen, der in Göttingen den "Magnetischen Verein" gegründet hatte. "Er hat ein Beobachtungsnetz geschaffen, das von Ozeanien bis an die Westküste der Vereinigten Staaten reichte. So etwas hat es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben", erklärt Sigmund.
Der Inhalt der Briefe spiegelt wider, wie bemerkenswert die Organisation des Netzwerks war. Die Rede ist beispielsweise von einer geplanten Messung am Nordkap, die mit Messstationen in anderen Teilen der Welt koordiniert werden musste. Ein großer Teil der Korrespondenz widmet sich den Erfindungen, mit denen Gauß die Messgenauigkeit ständig verbesserte. In Österreich war Kreil der Korrespondenzpartner Gauß'. Seine Messungen beschränkten sich nicht auf das heutige Staatsgebiet, sondern führten ihn bis auf den Balkan und weit in die Türkei hinein. Um in das Osmanische Reich einreisen zu können, benötigte es die Unterschrift des Sultans.

Gauß selbst entwarf Messinstrumente, die er von seinem Hausmechaniker Moritz Meyerstein anfertigen ließ. Welche Geräte diesem und anderen berühmten Handwerkern zuzurechnen sind, wird sich nach der wissenschaftlichen Aufarbeitung zeigen. Zuerst ist noch die Reinigung und Katalogisierung des Nachlasses in Angriff zu nehmen.

"Je mehr Klopapier beim Verpacken eines Geräts verwendet wurde, desto wertvoller dürfte es sein", scherzt Sigmund und freut sich, dass Studierende, aber auch sein Kollege Professor Ash vom Institut für Geschichte, bereits Interesse an der wissenschaftlichen Bearbeitung bekundet haben. (dh)
Univ.-Prof. Dr. Karl Sigmund und. Univ.-Prof. Dr. Peter Michor forschen am Institut für Mathematik der Universität Wien.
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