Briefe und Berichte der Agenten, Listen und Dokumente der Geheimdienststellen, Gespräche mit ehemaligen Agenten und ihren Angehörigen - Stück für Stück tastet sich Mag. Peter Pirker vom Institut für Staatswissenschaft an ein besonderes Stück österreichischer Geschichte heran. Er untersucht die Austrian Section der Special Operations Executive (SOE), die österreichische Sektion des britischen Geheimdienstes. Ziel der 1940 gegründeten SOE war es, im besetzten Europa Aufstände gegen die Besatzer zu unterstützen und herbeizuführen. Die eingesetzten Mittel: Informationsbeschaffung, Subversion, Sabotage und Unterstützung von Widerstand.
Systematische Studie
Im 2004 erschienen Buch "Widerstand vom Himmel. Österreicheinsätze des britischen Geheimdienstes SOE 1944" zeichnete Peter Pirker bereits die Lebensgeschichte einiger Agenten nach. "Dieser Bereich der Zeitgeschichte ist bisher völlig unterbelichtet", sagt Ao. Univ.-Prof. Dr. Walter Manoschek, Zeithistoriker und Vorstand des Instituts für Staatswissenschaft. Unter seiner Leitung wird Peter Pirker die Tätigkeiten des alliierten Kriegsgeheimdienstes in Österreich in einem FWF-Projekt nun systematisch untersuchen.
Spannende Fragen
Wie ist die Austrian Section entstanden, wie war ihr institutioneller Aufbau und wie war sie im Gefüge der Institutionen der britischen Kriegsführung verankert? Neben den institutionellen Entwicklungen ist die Untersuchung auf politische Ziele und militärische Strategien der Organisation gerichtet. Wie kooperierte diese geheime Institution der britischen Kriegsführung mit verschiedenen Fraktionen des politischen Exils, jüdischen Flüchtlingen, Deserteuren sowie Kriegsgefangenen aus der Deutschen Wehrmacht und NS-Gegnern in Österreich? "Die SOE wollte einen separatistischen Aufstand in Österreich herbeiführen", erzählt Pirker. Nun sei interessant, wie man zur Überzeugung kam, dass dies möglich sei.
Geheim Agenten eingeschleust
Mit Fallschirmen landeten die Agenten an der Grenze des Deutschen Reiches. "Aus der derzeitigen Wissenslage kann man davon ausgehen, dass es den Briten 1944 erstmals gelang, Leute nach Österreich einzuschleusen", sagt Pirker. Dort angekommen, sollten die Agenten entweder Sabotageaktionen durchführen oder Widerstandsgruppen organisieren. Doch wer waren die Agenten?
"Im Wesentlichen gibt es drei verschiedene Zugänge zur Austrian Section", hält Pirker fest. Erstens jüdische Flüchtlinge, die sich freiwillig zur Pioniereinheit der britischen Armee meldeten und von denen die SOE einige im Jahr 1942 rekrutierte. Zweitens warb die SOE gefangene Wehrmachtssoldaten österreichischer Herkunft in Kriegsgefangenenlagern sowie Deserteure an. Dies war die größte Gruppe. Die dritte Gruppe bestand aus Personen des politischen Exils. Insgesamt ist die Zahl der Agenten der Austrian Section relativ klein. 90 Namen stehen auf einer Liste aus dem Juni 1945. Etliche von ihnen kamen bei ihren Einsätzen um oder wurden von der Gestapo gefangen.
Darüber redet man nicht
Einige Agenten überlebten jedoch und kehrten zurück nach Österreich. Der frühere SOE-Informant Oscar Pollak wurde Chefredakteur der "Arbeiter-Zeitung"; der Agent Stephan Wierlandner hoher Funktionär bei der Arbeiterkammer. Wenigen fiel die Wiedereingliederung in Österreich leicht. "Manche sind zu Hause als Verräter empfangen worden, sie selbst haben sich aber als Befreier gefühlt", erzählt Pirker. Über die Erfahrung der Beteiligung an einem Geheimdienst redeten die Rückkehrer nie. "Einerseits mussten die Agenten einen secrets act unterschreiben, also versprechen, nicht zu reden. Andererseits stellt sich die Frage, wie opportun es für eine politische Karriere gewesen wäre, wenn man Mitarbeiter bei einem Geheimdienst war", äußert der Politikwissenschafter Vermutungen, warum die Quellenlage in Österreich relativ dürftig ist.
Erinnerungsschätze
Relativ im Vergleich zu Großbritannien: "Dort gibt es eine sehr positive Kultur des kommunikativen Gedächtnisses", erzählt Peter Pirker. SOE-Mitarbeiter in Großbritannien hielten sehr enge Kontakte zueinander und lebten auf jährlichen Reunions die gemeinsame Vergangenheit. Die Sammlungen einiger Hobby-Historiker unter ihnen sind "Schatzkisten" für WissenschafterInnen wie Peter Pirker, der in seiner qualitativ angelegten historisch-politologischen Studie unter anderem personenbezogene und persönliche schriftliche Quellen analysiert. Davon abgesehen ist er an der Bergung einer weiteren "Schatztruhe" beteiligt: "Die SOE-Akten sind erst vor einigen Jahren zugänglich gemacht worden."
Nationsbildung Österreichs
Wieso arbeiteten die Briten auf eine eigene österreichische Nation hin? Aus den Materialien der SOE hofft Pirker, Antworten auf die Frage der Genese des Staates und der Nation Österreich zu bekommen. Darüber, wie der Anschluss Österreichs zu bewerten gewesen sei, gab es durchaus Meinungsverschiedenheiten in den Geheimdienststellen, so Pirker. Er ist den Entwicklungen und Informationen auf der Spur, die im Endeffekt dazu führten, dass sich die separatistische Option durchsetzte. (hh)
Mag. Peter Pirker untersucht seit Oktober 2006 im FWF-Projekt "Die Austrian Section im britischen Kriegsgeheimdienst SOE" sowohl Geheimdienste als auch die Nationsbildung Österreichs sowie das Leben im Exil und die Organisation von Widerstand. Es ist für zwei Jahre anberaumt. Projektleiter ist Ao. Univ.-Prof. Dr. Walter Manoschek. |