Logo der Uni Wien
Logo der Uni Wien

Archiv der Online-Zeitung

Archiv der Online-Zeitung der Universität Wien
  •   Home
  •   Forschung
  •   Wissenschaft &     Gesellschaft
  •   Studium & Lehre
  •   Professuren
  •   Personalia
  •   Service
  •   Dossiers
  •   UniBlicke

Erbgesundheitsgerichte beschlossen Zwangssterilisierungen gehörloser Menschen.


Manche Gehörlose trugen Uniform und engagierten sich im "Reichsverband der Gehörlosen Deutschlands" oder im Bann G für Gehörgeschädigte der Hitlerjugend.


Die jüdische Gehörlosengemeinschaft war gut organisiert. Alle Strukturen wurden jedoch zerstört, die meisten Menschen ermordet.


Institut für Sprachwissenschaft der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Institut für Bildungswissenschaft der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft "Gehörlose ÖsterreicherInnen im Nationalsozialismus" - die DVD zum Forschungsprojekt
Gehörlose im Nationalsozialismus
Forschungsprojekte
Petra Schiefer (Redaktion) am 16. Dezember 2008

Ausgrenzung, Vertreibung, Zwangssterilisation und Euthanasie: Zahlreiche HistorikerInnen haben in den vergangenen Jahrzehnten die Gräueltaten und Auswirkungen des Nationalsozialismus in Österreich dokumentiert. Vernachlässigt wurde dabei die Geschichte der Gehörlosengemeinschaft. Diese Lücke will Verena Krausnekers Forschungsprojekt "Gehörlose im Nationalsozialismus" nun schließen.

Verena Krausneker und Katharina Schalber, Lehrbeauftragte am Institut für Sprachwissenschaft und dem Institut für Bildungswissenschaft, arbeiten in einem seit April 2008 laufenden Projekt die Geschichte der Gehörlosen im Nationalsozialismus in Österreich auf. Laut Krausneker ist das Projekt nicht als "klassisches akademisches Projekt" angelegt. Engagiertes Ziel ist es, innerhalb eines Jahres eine DVD in Österreichischer Gebärdensprache zu erstellen, die in Form von Kurzfilmen die Situation von Gehörlosen während der NS-Zeit in Österreich dokumentieren soll. "Dabei werden alle wichtigen Themen und Phänomene aus jener Zeit von einem oder mehreren gehörlosen ZeitzeugInnen aus der Ich-Perspektive erzählt", so Krausneker.

Dokumentation einer Diskriminierungsgeschichte

"Dies ist eine der letzten Möglichkeiten, ZeitzeugInnen zu befragen. Das Projekt leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation österreichischer Geschichte", sagt Katharina Schalber. Verena Krausneker sieht ein wichtiges Projektziel darin, "einer Minderheit ihre Geschichte zurückzugeben, da Gehörlose heute relativ wenig über ihre eigene Diskriminierungsgeschichte wissen und zum Teil verklärende und verleugnende Bilder darüber existieren".

Interviews mit den letzten ZeitzeugInnen

Die wichtigsten Quellen für die Dokumentation sind neben den bestehenden Beständen in Archiven und Datenbanken die Interviews mit den ZeitzeugInnen, wovon 25 bereits geführt wurden. "Da wir fast ausschließlich gehörlose InterviewpartnerInnen haben, muss interviewtechnisch anders vorgegangen werden: Es sind zwei Kameras, zwei Interviewführende und andere technische Anforderungen nötig als bei lautsprachlichen Interviews", erklärt Verena Krausneker. Mit Spannung erwartet sie das Interview mit einer der letzten lebenden jüdischen gehörlosen WienerInnen, die in den USA ausfindig gemacht werden konnte.

Gehörlose als Opfer - und Mittäter

Das umfangreiche Material, das die beiden Forscherinnen bis jetzt zusammentragen konnten, bestätigt die Annahme, dass innerhalb der Gehörlosengemeinschaft ähnliche Schicksale wie in der Hörendengemeinschaft zu finden sind. "Auf der einen Seite gab es gehörlose Euthanasie-Opfer und jene, die zur Sterilisation gezwungen wurden, während es auf der anderen Seite auch gehörlose Nazis in Uniform gab", so Katharina Schalber.

Zweifache Diskriminierung

Verena Krausneker beschreibt zwei Phänomene der massiven Diskriminierung als kennzeichnend für die Gehörlosengemeinschaft: "Unter den arischen Gehörlosen entstand ein Zweiklassen-System, das zwischen erblich nicht belasteten - also jene, die beispielsweise infolge eines Unfalls gehörlos wurden - und erblich belasteten Gehörlosen unterschied. Letztere wurden zum Beispiel der Zwangssterilisation unterworfen. Daneben steht die Geschichte der jüdischen Gehörlosengemeinschaft. So gab es in Wien vor dem Nationalsozialismus eine jüdische Gehörlosenschule und den zionistischen Gehörlosenverband. Doch jener Teil der Gehörlosengemeinschaft, der jüdischen Glaubens war, wurde praktisch ausgelöscht." Laut Verena Krausneker hat von den fast 200 jüdischen gehörlosen WienerInnen kaum jemand überlebt.

In dem Projekt werden nicht nur die traurigen Schicksale und Lebensgeschichten Gehörloser dokumentiert. Verena Krausneker berichtet stolz: "Wir konnten zum Kapitel 'Widerstand' sowohl gehörlose Menschen finden, die sich widerständisch betätigt haben, als auch einen Leiter einer Gehörlosenschule, der mit Erfolg versucht hat, seine SchülerInnen vor dem NS-Regime zu beschützen."

Aufklärungsarbeit leisten

Die letzten drei Monate der Projektzeit sind für die Bearbeitung der DVD vorgesehen. "Diese soll anschließend in ganz Österreich verteilt werden und vor allem in Gehörlosenvereinen, Schulen und auch Museen für alle frei zugänglich sein", erzählt Katarina Schalber. Das Zielpublikum sind zwar in erster Linie gehörlose Jugendliche und Erwachsene, die mit der Geschichte ihrer Gemeinschaft konfrontiert werden sollen, doch die geplanten Untertitel sollen die Gratis-DVD auch für Hörende zugänglich machen. (ps)


Seit  April 2008 leitet Mag. Dr. Verena Krausneker das Projekt "Gehörlose Menschen im Nationalsozialismus", das von Nationalfonds und Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördert wird. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Kollegin Mag. Katarina Schalber.

<< zurück zur Übersicht
 
Impressum Druckversion
Universitat Wien | Dr.-Karl-Lueger-Ring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0