Redaktion: Sie forschen zum Thema Gedächtnispolitik in Osteuropa. Welche Veränderungen beobachten Sie in der Geschichtsaufarbeitung der postsowjetischen Länder?
Tatiana Zhurzhenko: Alle diese Länder stehen vor der Herausforderung, die sowjetische Geschichte neu zu bewerten und sich mit der kommunistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. In der Ukraine versucht man darüber hinaus, mit einer neuen - national verankerten - Geschichtsschreibung innere Differenzen zu überbrücken, denn das Land besteht aus verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen historischen Hintergründen. Die Epochen des Russischen Imperiums und der Sowjetunion werden in diesem Raum oft als Kolonialismus oder sogar Okkupation bezeichnet. So hat das ukrainische Parlament den "Holodomor" - die große Hungersnot in der Ukraine der 30er-Jahre - als von Stalin organisierten Genozid am ukrainischen Volk deklariert. Mit ihrer Abwendung von Russland und der neuen Orientierung nach Europa wollen die postsowjetischen Länder jene geschichtlichen Ereignisse und Symbole hervorheben, die sie mit Europa verbinden.
Redaktion: Hat das auch Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und der EU?
Zhurzhenko: Russland versucht, seinen neuen Status auf dem europäischen Kontinent auch geschichtspolitisch zu definieren und so seinen Einfluss in Osteuropa zu stärken und zu legitimieren. Dabei geht es vor allen Dingen um die Rolle Russlands als Erbin des Siegs über Nazideutschland. Moskau verfolgt die kontroversen Diskussionen über den Zweiten Weltkrieg und die daraus resultierende Politik, vor allem in den baltischen Ländern und der Ukraine, mit Argwohn, insbesondere die Neubewertung des - bisher als Nazi-Kollaboration verurteilten - antisowjetischen Widerstands. Vor kurzem hat der russische Präsident Medwedew die "Kommission zur Bekämpfung der Verfälschung der Geschichte gegen die Interessen Russlands" ins Leben gerufen. Damit unterstreicht Russland seine historische Definitionsmacht gegenüber der EU und positioniert sich in der geopolitischen Konkurrenz um Osteuropa.
Redaktion: Schürt das nicht Konflikte zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den russischen Minderheiten in den verschiedenen Ländern, etwa in der Ukraine oder in Lettland?
Zhurzhenko: Das hängt davon ab, inwieweit es diesen Ländern gelungen ist, die russischen Minderheiten zu integrieren und zu verhindern, dass Moskau sie auf seine Seite zieht. In der Ukraine gibt es zudem nicht nur ethnische Russen, sondern auch eine russischsprachige Bevölkerung vor allem im Osten, die sich aber als UkrainerInnen verstehen. In der Ukraine wird der Zweite Weltkrieg sehr kontrovers diskutiert, da im Osten und im Westen der Ukraine unterschiedliche Sichtweisen vorherrschen. Die aktuelle Politik Moskaus verschärft diesen Konflikt natürlich und macht es noch schwieriger, einen Konsens innerhalb der Ukraine zu finden.
Redaktion: Wenn es schon nicht möglich ist, in einem einzelnen Land eine gemeinsame Geschichtsschreibung zu finden, wie soll es dann möglich sein, sich innerhalb der EU auf eine solche zu einigen? Gibt es überhaupt eine gemeinsame europäische Geschichte?
Zhurzhenko: Diese Frage wird heute von vielen europäischen HistorikerInnen und PolitikerInnen diskutiert. Im Moment sind wir noch weit entfernt von einer übergreifenden europäischen Geschichte. Wir benötigen zunächst einen gemeinsamen Raum, wo die verschiedenen Sichtweisen der Geschichte diskutiert werden können. Die europäischen Länder werden immer ihre eigene Geschichte und Symbole haben, aber wir müssen einen gemeinsamen Zugang finden. Wir müssen lernen, Geschichte auch aus der Perspektive der Nachbarländer zu sehen, diese zu verstehen und Pluralität zu akzeptieren.
Redaktion: Welche Bedeutung hat der Umgang mit der eigenen Geschichte für die postsowjetischen Länder im Transformationsprozess?
Zhurzhenko: Für den Übergang zur Demokratie ist die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit hier sehr wichtig. Das Beispiel Russlands zeigt, wie Demokratie und Vergangenheitsbewältigung zusammenhängen: Wenn es in der russischen Gesellschaft keinen Konsens darüber gibt, ob Stalin ein Verbrecher oder ein Held war, fehlt der Maßstab auch für die heutige Politik. Gerade in den postsowjetischen Ländern besteht aber auch die Gefahr, dass geschichtliche Fragen von verschiedenen politischen Lagern instrumentalisiert werden und so die Gesellschaft polarisieren, wie das in der Ukraine der Fall ist.
Redaktion: Populistische PolitikerInnen in Ungarn und Polen instrumentalisieren solche Konflikte, um politisches Kapital zu gewinnen …
Zhurzhenko: … auf diese Entwicklung hatte die EU-Integration und -Erweiterung einen wesentlichen Einfluss: Vor dem Beitritt haben die nationalen politischen Eliten geschichtspolitische Konflikte zugunsten ihres gemeinsamen Zieles der EU-Mitgliedschaft zurückgestellt. Nun, da diese Bremse weggefallen ist, wird der EU-skeptische und nationalistische Populismus stärker. Die kommunistische Vergangenheit wird benutzt, um politische Gegner zu bekämpfen und Wählerschaften zu mobilisieren. Zu einer demokratischen politischen Kultur gehört es, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ohne sie zu instrumentalisieren.
Redaktion: Sehen Sie in der Geschichtsaufarbeitung der postsowjetischen Länder und jener Österreichs Gemeinsamkeiten?
Zhurzhenko: Wie noch vor kurzem in Österreich ist heute in der Ukraine der Opfermythos vorherrschend. Dabei wird verschwiegen, dass das Land nicht nur Opfer war, sondern Ukrainer manchmal auf der Seite der Täter standen und deshalb Mitverantwortung für Verbrechen tragen. In den letzten Jahren wird jedoch zunehmend zu Themen wie Kollaboration geforscht; auch im Schulunterricht ist heute z.B. der Holocaust ein Gegenstand. Doch solche Initiativen kommen zumeist von NGOs oder von Individuen und kaum von staatlicher Seite. In öffentlichen Debatten ist es daher in der Ukraine nach wie vor schwierig, die Opferrolle kritisch in Frage zu stellen. (ps)
Die Elise-Richter-Stipendiatin Dr. Tatiana Zhurzhenko vom Institut für Politikwissenschaft forscht zum Thema Gedächtnispolitik im osteuropäischen Raum, u.a. leitet sie das FWF-Projekt "Gedächtnispolitik in post-sowjetischen Grenzräumen", das bereits im Dezember 2007 im Forschungsnewsletter der Universität Wien vorgestellt wurde (zum Artikel "Ukraine: Heißes Eisen Gedächtnispolitik"). |