Rhythmus und Stillstand, Renovierung und Zerfall, Hoffnung und Resignation: Havanna hat viele Gesichter. Die BewohnerInnen der "Stadt der Gegensätze" sind Widersprüche gewohnt. Im Moment müssen sie zusätzlich noch mit Ungewissheit leben. Denn wie es nach Fidel Castro weitergeht, weiß keiner - nur, dass alles anders wird. Die Onlinezeitung der Universität Wien sprach mit dem Historiker und Lateinamerika-Experten Gerhard Drekonja über seine Lieblingsstadt, Fidel Castro und die Zukunft Kubas. |
Redaktion: Im März 2007 erscheint Ihr neues Buch "Havanna. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft." Sie beschreiben darin die "surreale Stadt Havanna mit all ihren Tugenden und Lastern" aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Was für eine Idee steckt dahinter? Gerhard Drekonja: Zu Kuba und Havanna gibt es viel Literatur - vor allem aus wirtschafts- und politikwissenschaftlicher Perspektive, aber auch interessantes Material zu Havannas Architektur sowie etliche schöne Bildbände. Bislang hat aber noch niemand versucht, die Schwingungen dieser verrückten, lebenslustigen, mitunter deprimierenden Stadt einzufangen. Gemeinsam mit meinen AutorInnen möchte ich den Versuch wagen, Havanna literarisch zu dokumentieren. Der Zeitpunkt dafür ist ideal.
Redaktion: Warum? Drekonja: Erstens ist die Stadt in ihrer jetzigen Situation einzigartig. Nach dem Tod Fidel Castros wird sich Havanna dramatisch verändern. Der zweite Grund hat seinen Ursprung in den Fünfzigerjahren. Damals verfasste Castro seine berühmte Verteidigungsrede: "Die Geschichte wird mich freisprechen". Darin schildert er Havanna als Hölle. Etwa zur selben Zeit beschreibt der Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante die kubanische Hauptstadt in seinem Meisterroman "Drei traurige Tiger" als musikalisches und lebenslustiges Paradies. Wer hatte wohl Recht?
Redaktion: Beide? Drekonja: Genau. Heute steht Havanna vor exakt derselben Situation. Die Stadt ist ungemein vital. Gleichzeitig steht sie politisch in einer Sackgasse, weil alle auf die Zeit nach Fidel Castro warten. Im Grunde wiederholt sich die vorher beschriebene Konstellation auf anderer Ebene. Das ist es gerade, was mich besonders fasziniert: Havanna zwischen Himmel und Hölle.
Redaktion: Sie sprechen vom Tag, an dem Fidel Castro sterben wird, als Tag X. Danach wird alles anders. Wie stellen Sie sich Kubas und Havannas Zukunft vor? Drekonja: Diese Frage wird zurzeit nicht nur unter KubanologInnen heiß diskutiert. Vielleicht wird es aber gar nicht so dramatisch, vielleicht hat die Ära Post-Fidel schon begonnen. Es ist ja bisher nichts passiert. Castro geistert irgendwo im Hintergrund herum, ist aber schon gar nicht mehr wichtig. Venezuela und China stützen das Regime wirtschaftlich, die Situation hat sich deutlich verbessert. Die jüngeren Technokraten sitzen bereits an den entscheidenden wirtschaftlichen und politischen Stellen. Wenn es dieser neuen Gruppe gelingt, die Alltagsschwierigkeiten zu lindern, dann wird die Landung sanft. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass sich alles in Luft auflöst wie seinerzeit in der DDR. Vorstellbar wäre auch eine "chinesische Lösung": Das relativ starre, politisch-ideologische System bleibt als Unterbau bestehen und darüber beginnt eine wirtschaftliche Diversifizierung. Was sich Havannas Bevölkerung jedoch am Sehnlichsten wünscht, ist Freiheit zum Atmen und ein bisschen mehr Weltoffenheit.
Redaktion: Die Auseinandersetzung mit Havannas Zukunft stellt aber nur einen Teil Ihres neuen Buches dar ? Drekonja: Mein Einführungsessay behandelt meine eigene Annäherung an die Stadt. Darin lasse ich mich auch auf eine Prognose ein. Daneben gibt es Beiträge, die sich mit der Architektur Havannas auseinandersetzen und eine Reihe von Essays, die versuchen, die Dynamik der Stadt, ihre Musikalität und Religiosität einzufangen. Keiner der Texte klammert die Schattenseite aus: die Verschlossenheit des Systems, die Alltagsschwierigkeiten und die Sehnsucht der Menschen nach Veränderung. Der Text kommt ganz ohne Bilder aus.
Redaktion: An wen richtet sich das Buch? Drekonja: An alle, die sich für Havanna und das Phänomen Stadt im Allgemeinen interessieren. Havanna ist ein faszinierendes Studienobjekt für Urbanisten. Während die meisten Städte in den armen Ländern rasant gewachsen sind und völlig neue Infrastrukturen entwickelt haben, blieb Havannas Struktur erhalten - die Revolution ließ keine Zuwanderung zu. Havanna ist wie eingefroren - ein lebendes Museum. In diesem Sinn ist der Band ein einzigartiger Beitrag zur Kuba-Debatte. Wie auch immer die Stadt sich verändern wird - sie wird eine komplett andere sein.
Redaktion: Havanna wird oft als "Liebling der Geschichte" bezeichnet. Drekonja: Havanna war im spanischen Reich eine der schönsten und reichsten Städte der Welt. Der Hafen war für die spanische Flotte entscheidend. Hunderte von Schiffen lagen wochen- und monatelang im Hafen, wurden ausgebessert und verproviantiert. Die Matrosen hatten die Taschen voller Geld und vergnügten sich in den Kneipen - es muss eine sehr lustige Stadt gewesen sein. Im 19. Jahrhundert blieb Kuba Spanisch - im Gegensatz zum unabhängig gewordenen Lateinamerika. Aus den Vereinigten Staaten strömte Geld für die Zuckerwirtschaft. Die Stadt wuchs - in allen erdenklichen stilistischen Variationen. In den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts setzten dann die Besucherströme aus den USA ein. Hotels wurden gebaut - damals war Havanna ein afro-kubanisches Musikparadies. Dann der plötzliche Bruch durch die Revolution.
Redaktion: Fidel Castro mochte die Stadt offenbar nicht ? Drekonja: Er hat Havanna stark vernachlässigt - die "Hure Babylon", eine Vergnügungsstadt, schlecht für die Revolution. Alle Investitionen flossen in den ländlichen Raum und die Provinzstädte. Castro hat dabei übersehen, dass eine Stadt am Meer der salzhaltigen, feuchten Luft und den Unbilden des Wetters ohne Reparaturen nicht standhält. Havanna begann einfach zu verfallen. In den 1980ern konnte Castro endlich zur Instandsetzung der touristisch attraktiven Altstadt überredet werden. Und so begann die Stadtrenovierung, ein riesiges, weltweites Projekt, das auch von der Stadt Wien unterstützt wird. Mittlerweile wird Kuba jährlich von zwei Millionen Touristen besucht. Die Revolution, die den Tourismus unterbinden wollte, lebt nun zum Teil von ihm. Die Bevölkerung ist auf die Dollars angewiesen - die große Demütigung des kubanischen Alltags. Abseits der touristisch interessanten Viertel verfallen viele Stadtteile Havannas weiterhin und werden auch nicht mehr zu retten sein. In dieser Spannung bewegt sich auch das Leben der BürgerInnen Havannas, fröhliche, musikbegeisterte Menschen, die an die Revolution glauben und gleichzeitig mit ihren Beschränkungen leben müssen. Trotzdem ist Havanna die wunderbarste Stadt, die ich in Lateinamerika kenne. Ihre Zukunft ist offen. Ich könnte mir vorstellen, dass Havanna und Miami zusammenwachsen und zu einer Doppelstadt, einer Twin-City werden. Vielleicht beginnt wieder ein glückliches Kapitel in Havannas Geschichte ? (br)
Gerhard Drekonja ist Ordentlicher Universitätsprofessor für Außereuropäische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung Lateinamerikas am Institut für Geschichte der Universität Wien.
Erscheint in Kürze beim LIT Verlag: Gerhard Drekonja-Kornat (Hg.): Havanna. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft Reihe: Lateinamerikanistik Bd. 4, 176 S., 14.90 EUR, br., ISBN 978-3-8258-0315-5 |