War es ein Dieb, der seine Beute versteckte? Wollten die Eigentümer ihr kostbares Gut in Sicherheit bringen? Wer auch immer den Goldschatz vergrub, er kam nicht wieder. Viele Jahrhunderte lag er unberührt unter der Erde. Bis vor wenigen Jahren, als ein Hobbyforscher die Fundstücke - nach eigenen Angaben durch Zufall - entdeckte. Sechs goldene Plaketten mit einem Durchmesser von etwa 15 Zentimetern und drei Zierrahmen lagen dicht aneinandergereiht in einem Erdloch unter einem Baum.
Fund aus dem 9. Jahrhundert
Der Fundort des Goldschatzes liegt auf geschichtsträchtigem Boden: Hier, im Nordwesten der Slowakei nahe der Stadt Bojná, befand sich im Frühmittelalter ein florierendes Herrschaftszentrum. Datiert wird der Goldschatz ins 9. Jahrhundert n. Chr. Es ist jene Zeit, in der die Christianisierung der Slawen durch das Byzantinische Reich in vollem Gange war. Im Jahr 2003 gelangten die mit Figuren und Symbolen verzierten Plaketten in die Hände der Wissenschaft. Seitdem wurde der Goldfund von österreichischen und slowakischen ArchäologInnen untersucht.
Vergoldete Kupferbleche
Mag. Mathias Mehofer und Mag. Verena Leusch von der Interdisziplinären Forschungsplattform für Archäologie an der Universität Wien (VIAS) führten die metallurgischen und goldschmiedetechnischen Analysen an den Fundgegenständen durch. "Bei den Plaketten handelt es sich um dünne Bleche aus Kupfer, die mit einer wenige Mikrometer dicken Schicht aus Gold überzogen sind", so Mehofer. Das Kupferblech ist meist nur einen Millimeter dick. Nur hochreines Kupfer lässt sich derart dünn aushämmern. Wie der Archäologe erläutert, "setzt dessen Herstellung äußerst gute Materialkenntnisse voraus".
Plaketten wurden feuervergoldet
Wie die WissenschafterInnen mithilfe des Rasterelektronenmikroskops der VIAS herausfanden, wurde für die Vergoldung damals ein Verfahren eingesetzt, das als Feuervergoldung bezeichnet wird. Laut Mehofer ein recht aufwändiger Prozess: "Dazu wird eine Paste aus Goldspänen und Quecksilber auf eine gut gereinigte Kupferoberfläche aufgetragen. In einem Muffelofen müssen die Gegenstände dann unter Sauerstoffmangel auf bis zu 350 Grad erhitzt werden - solange, bis das Quecksilber verdampft ist." Zurück bleibt eine sehr reine, hauchdünne Goldschicht, die fest am Untergrund haftet. Damit wird der Anschein erweckt, als ob es sich um ein Objekt aus massivem Gold handelt.
Qualitätsunterschiede bei der Endfertigung
Eine Frage, die sich Mehofer und Leusch auch stellten, war, ob es sich bei dem Fund um ein gemeinsames Ensemble handelt. Die bisherigen Ergebnisse scheinen dies zu bestätigen. Die Plaketten und Zierrahmen dürften demnach alle Teile einer Verkleidung eines Tragealtars oder eines Reliquienschreins gewesen sein. Einige Indizien sprechen allerdings dafür, dass zumindest zwei Personen bei der Fertigung Hand angelegt haben. Denn zum Teil weisen die Verzierungen deutliche Qualitätsunterschiede auf. So wurden etwa beim nachträglichen Bearbeiten der Verzierungselemente teilweise auffällig viele Fehler gemacht. Mehofer vermutet, dass hier ein Handwerksmeister und sein Schüler am Werk gewesen sein könnten.
Einzigartige figurale Darstellungen
Dass es sich um Teile eines liturgischen Gegenstandes gehandelt haben muss, dafür spricht die christliche Symbolik der Motive auf den Plaketten. Geflügelte, menschenähnliche Wesen sind etwa zu sehen. Für O. Univ.-Prof. Dr. Herwig Friesinger vom Institut für Ur- und Frühgeschichte sind dies einzigartige figurale Darstellungen von hohem kunsthistorischem Wert: Unter anderem gelang es damit, "erstmals die in Oberösterreich in der Sakristei der Dörflkirche in Vöcklabruck 1980 gefundenen feuervergoldeten Kupferplatten näher einzugrenzen, und zwar in Bezug auf ihr Alter".
Frühmittelalterliches Machtzentrum an der Nitra
Für Friesinger sind die Fundstücke im Zusammenhang mit der karolingischen Missionstätigkeit im Nitra-Gebiet zu sehen. Die Nitra ist ein Fluss in der Westslowakei. Es wird angenommen, dass die Befestigungsanlage von Bojná zum Schutz des Siedlungsraumes im Nordostteil des Nitra-Gebietes erbaut wurde und Teil eines großen Herrschaftszentrums war. Ähnliche Zentren entstanden vom 8. bis ins 10. Jahrhundert n. Chr. gleich an mehreren Orten des heutigen Tschechiens, Ungarns, Österreichs und der Slowakei.
Archäologische Erforschung erst am Anfang
Im Vergleich zu den bekannteren Herrschaftszentren - wie auch jenes von Gars-Thunau in Niederösterreich - "steht die archäologische Erforschung in Bojná aber erst am Anfang", sagt Mehofer. Das umfangreiche Sortiment an bisher entdeckten Fundstücken und nicht zuletzt der Goldschatz sprechen eindeutig für eine blühende Ansiedlung mit Handwerksbetrieben, Wohn- und Herrschaftshäusern. Der Burgwall der Anlage zählt zu den besterhaltenen frühmittelalterlichen Erdbefestigungen in Europa. Der Erdwall ist bis heute im Gelände sichtbar und stellenweise bis zu zehn Meter hoch erhalten. (ro)
Die Untersuchungen am Goldschatz aus Bojná fanden in Kooperation mit Karol Pieta (Archäologisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften), Herwig Friesinger (Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien und Prähistorische Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) sowie Mag. Mathias Mehofer und Mag. Verena Leusch (VIAS) statt. Restauriert wurde der Goldfund aus Bojná von Norbert Hofer und Michél Schäfer im Labor des Instituts für Ur- und Frühgeschichte.
Literaturhinweis: Karol Pieta, Alexander Ruttkay, Matej Ruttkay (Hg.): Bojná. Hospodárske a politické centrum Nitrianskeho knie-atstva; Bojná - Wirtschaftliches und politisches Zentrum des Fürstentums von Nitra. Archeologický ústav SAV, Nitra 2006. |