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Hundstage. Ein heißes Sittenbild
Kultur
Reinhold Schachner am 23. Januar 2002

Zwischen Wien und Wiener Neustadt begegnen sich Menschen zufällig, beabsichtigt oder notgedrungen in ihrer Freizeit. Ja, und es hat auch eine Affenhitze. Aus diesen Banalitäten formte Ulrich Seidl seinen ersten Spielfilm, der mit beeindruckender Deutlichkeit die uns ständig begleitenden zwischenmenschlichen Machtspiele und Ohnmachten vor Augen führt.

Hundstage ist rein fiktional, dadurch leidet etwas die Intensität, die Beklemmung, aber auch das Reizvolle der Randfiguren und Randmilieus, die Seidl mit Vorliebe in seinen Filmen auf keineswegs aufdringliche Weise einfangen kann. Der öfters artikulierte Vorwurf, er stelle mit voyeuristischer Methode Menschen dar, die aus einem Manfred Deix Cartoon stammen könnten, hält aber einer genaueren Prüfung nicht Stand, denn dann würde man merken, wieviel Freiraum zur Selbstpräsentation die Agierenden bekommen und mit welcher Hingabe sie sich auf Film bannen lassen. Bestes Beispiel dafür ist Tierische Liebe. Und dass sich Seidl für Randpersonen und Randthemen interessiert, kann wohl kaum den Stoff für Vorwürfe liefern. Mit Seidl hat man keinen Hochzeitsfotographen vor sich, sondern einen Filmregisseur, der Menschen vor einer Filmkamera dazu bewegen kann, aus sich heraus zu gehen. Bei Hundstage dringt weniger Subtilität als in seinen semi-dokumentarischen Arbeiten durch. Er ist plakativer, bietet aber trotzdem zwei Stunden lang reizvolles unkonventionelles Kino mit herrlichen Profi- und LaienschauspielerInnen, wodurch sich wohl auch sein Erfolg bei den Filmfestspielen in Venedig im vergangenen Jahr erklären lässt. Der Film handelt von sechs im weiteren Sinne als Beziehungsgeschichten zu sehenden Begegnungen, die drei gemeinsame Ebenen haben: mörderische Hitze, (beinahe) alles spielt sich in der Freizeit der ProtagonistenInnen ab und dies südlich von Wien immer in Tuchfüllung mit der Autobahn, mit Einkaufsmärkten und Einfamilienhäusern. Beste Voraussetzungen, um den neurotischen -Trieben freien Lauf zu lassen. Die Macht der Sprache Beachtenswert bei Hundstage ist die regelmäßig auftretende streng formalisierte Sprache, die auf die Spitze getrieben zur Bedrohung ausarten kann, und im Gewaltexzess kulminiert. Macht wird in erster Linie nicht durch Handlungen, sondern durch Kommunikation initiiert und ausgespielt. Wie man mit Worten andere instrumentalisieren, besiegen und erniedrigen kann, zeigt dieser Film in vielen Facetten, die von äußerst lustig bis grausam reichen können. Dabei wird aber von Seidl nie die moralische Keule geschwungen oder der Versuch unternommen, kathartische Wirkung zu erzielen. Da gibt es zum Beispiel Anna. Sie ist autostoppende Nomadin zwischen Parkplätzen von Einkaufstempeln und Sprachakrobatin. Schafft sie es, mitgenommen zu werden, so wird von der ersten Sekunde der/die LenkerIn mit einem perennierenden, rhythmisierten Wortschwall gegen die Windschutzscheibe gepresst, dass so manchen die Luft wegbleibt, doch letztendlich landet sie auf der Straße der VerliererInnen, weil ihr durch eine Lüge Sachbeschädigung untergejubelt wird. Viel subtiler verläuft der Machtkampf zwischen einem geschiedenen Ehepaar, das noch im gemeinsamen Haus wohnt, aber nichts mehr miteinander spricht. Er ist Grieche und muss sich anhören, wie seine Ex-Gattin ihrem Liebhaber ein romantisches griechisches Lied vorsingt. In seiner Hilflosigkeit bleibt ihm nichts anderes übrig, als schweigend herum zu laufen und ständig einen Tennisball auf den Boden oder an die Wand zu werfen. Doch das befriedigt ihn auch nicht auf Dauer, so greift er zu einer Spielzeugpistole und bedroht den Liebhaber. Ein Film ohne Pathos Seidl suggeriert oder kommentiert nicht. Er zeigt einfach alltäglichen Sadismus, Masochismus und Nihilismus und die darin steckende Lust oder Angst der Involvierten. Da wird ein Hund vergiftet, dort wird ein Supermarktverkäufer zur Schnecke gemacht. Das harmonische Leben gibt es nur im Märchen. Flüchtig betrachtet ist Hundstage relativ banal, direkt und beinahe amateurhaft, doch gerade dadurch zielt er geradlinig auf die Farce des Lebens. Damit so eine schnörkellose Methode auch zu einem sehenswerten Ergebnis führt, bedarf es einer ausgeprägten Beobachtungsgabe in "Sachen" Mensch und ein feines Gespür für das Medium Film. Seidl hat beides. Somit kann er ohne Pathos zeigen: den einen geht´s ganz passabel, die anderen fallen auf die Schnauze. Da ist ein großes Moralisieren oder Emotionalisieren nicht notwendig. Es ist einfach so, und Seidl zeigt die Befindlichkeiten und Bedürfnisse der Menschen genau so nüchtern, gewaltsam, schrullig, obsessiv, wie sie eben sind. Das Filmmuseum zeigt ab 26. Jänner 2002 eine Ulrich Seidl Retrospektive.
Web: www.filmmuseum.at

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