Die unzähligen Kinoerlebnisse von Arthur Schnitzler sind ein wichtiger Teil seines Alltags oder besser noch seiner Abende. Ganz so, wie seine literarisch vor unseren lesenden Augen auftauchenden Heldinnen und Helden in aller Bescheidenheit, Arroganz, Nachdenklichkeit und provokativ-sinnlichen Körperlichkeit durch Wien flanieren, wurde der Schriftsteller selbst zum visuellen Flaneur der Moderne. Es ist kein Zufall, dass sich nahezu alle seiner Werke für den Stoff eignen, aus dem Träume in unendlicher Vielfalt gemacht werden - für das Kino. Nach Werken und Ideen von Arthur Schnitzler wurden bisher von Argentinien über Schweden, Spanien, Hollywood, Paris, Berlin und natürlich Wien circa 96 Spielfilme, Fernsehfilme und Kurzfilme produziert. Die umfassende Filmographie, die das Filmarchiv Austria im Rahmen einer Retrospektive erstellt hat, kommt einer Entdeckung Schnitzlers als einem der wichtigsten Drehbuchstifter des 20. Jahrhunderts gleich.
Österreichische Gemütlichkeit
Konnte lange Jahre wie selbstverständlich gesagt und geschrieben werden, dass er das zeitgenössische deutschsprachige Theater immens beeinflusst hat, so trifft dies in noch größerem und vor allem internationalem Ausmaß auf die visuelle Kultur und ihr wichtigstes Medium - den Film - zu. Fast alle weiblichen und männlichen Charaktere seiner bekannten Romane, Novellen, Erzählungen und Theaterstücke begegnen uns nun seit über 100 Jahren als Widergänger, Doppel- und Dreifachgänger. Sie tauchen immer wieder auf, mal als französisch-frecher, amerikanisch-prüder, deutsch-biederer oder burgtheatralischer Reigen.
Doch die filmische Vielfalt der inszenierten Umsetzungen seiner Werke und das damit verbundene publikumsgerechte Fernsehabendprogramm haben auch ihre Tücken. Nur allzu oft wird dabei der kritische, der liebevoll analytische, der nicht allein die menschlichen, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Schwächen aufdeckende Schnitzler zu einer Art Wiener Heimatdichter fürs nostalgische Gemüt - fernsehgerecht bearbeitet für den Geschmack österreichischer Gemütlichkeit.
Schnitzler nicht trivialisieren, sondern aneignen
In den beobachtenden Augen der Bevölkerung seiner Romane, Erzählungen und Theaterstücke finden wir uns wieder oder versuchen auch, genau dies zu vermeiden, da die Blicke seiner Figuren Einblicke sind in die Tiefenschichten unserer Gedanken- und Gefühlswelt. Wie schon oft angemerkt, bieten seine darstellenden Analysen eine tiefenpsychologische Parallelwelt zu der von Sigmund Freud an. Es ist diese offene und intellektuell-emotionale Tiefenwirkung, die sichtbar zu machen zur mise-en-scène, zu den Herausforderungen an SchauspielerInnen und RegisseurInnen gehört. Ein flach gespielter Schnitzler ist kein Schnitzler, und so viel Wienerisch wie in zahlreichen Verfilmungen sprechen die literarischen Figuren kaum.
Schnitzler war sicherlich ein Schriftsteller der Wende zum 20. Jahrhundert, aber er ist vor allem ein Dichter der Moderne, der Übergänge in einer Zeit, die unsere Welt hundert Jahre später immer noch umfassend prägt. Die Lektüre seiner Romane und Erzählungen, die Auseinandersetzung mit seinen Drehbüchern und Verfilmungen ist hochaktuell, denn in seinen Texten führt ein ästhetisch verschlungener "Weg ins Freie" der Ersten Republik, in demokratische Brüche, Wirtschaftskrisen und kulturelle Reaktionen auf politische Strömungen, Parteipolitik und intellektuelle Desaster.
Hoch- und Populärkultur
Schnitzler war einer der ersten Autoren, die um jedes Drehbuch gerungen, in die Filmarbeit eingegriffen, sich über Honorare und Tantiemen immer wieder mit den Filmfirmen auseinandersetzen mussten. Er hat eigene Erzählungen und Stücke für den Film umgeschrieben, Drehbücher entworfen und sich nicht gescheut, das problematische Verhältnis von Hoch- und Populärkultur zugunsten eines breiten Publikums infrage zu stellen. Schnitzler lesen und seine Werke sehen, geht in eins.
Univ.-Prof. Dr. Frank Stern ist am Institut für Zeitgeschichte tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem visuelle Zeit- und Kulturgeschichte sowie österreichischer, deutscher und jüdischer Film unter Einbeziehung des europäischen und nordamerikanischen Filmschaffens.
Dieser Text von Frank Stern ist eine gekürzte Version des Beitrags "Sehensüchtige Wirklichkeit - Arthur Schnitzler kommt ins Kino" für das Programmheft des Filmarchiv Austria, das zur Retrospektive von "Arthur Schnitzler und der Film" erschien.
"Die Tatsachen der Seele." Arthur Schnitzler und der Film Retrospektive zum 75. Todestag des Filmarchiv Austria 5. Dezember 2006 bis 10. Jänner 2007 Metro Kino, Johannesgasse 4, 1010 Wien Programm
Literaturhinweis: Thomas Ballhausen, Barbara Eichinger, Karin Moser, Frank Stern (Hg.): Die Tatsachen der Seele -Arthur Schnitzler und der Film. Wien: Verlag Filmarchiv Austria 2006. Mit Beiträgen von Liliane Weissberg, Alan Williams, Manfred Kammer, Thomas Ballhausen, Michael Braunwarth, Julia Danielczyk, Barbara Eichinger, Murray G. Hall, Günter Krenn, Verena Moritz, Karin Moser, Wolfgang Müller-Funk, Peter Plener, Peter Rössler und Frank Stern. |