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Satellitenbild des Lake El'gygytgyn


Der Lake El'gygytgyn im Sommer und die geplanten Bohrungen im Querschnitt; Foto: Sebastian Quardt (Universität Köln).


Der Lake Elgygytgyn liegt 100 km nördlich des Polarkreises auf der russischen Halbinsel Chuchki im nordöstlichen Sibirien.


Aufgrund der tiefen Temperaturen wurde der Bohrturm "eingepackt".


Das Basislager der Expedition liegt am Rande des zugefrorenen El'gygytgyn-Sees. Fotos: Universität Köln.


Homepage Christian Köberl
Department für Lithosphärenforschung der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie
Homepage International-Continental-Scientific-Drilling Program (ICDP )
Internationales Bohrprojekt erforscht arktischen Meteoritenkrater
Forschungsprojekte
Redaktion am  8. April 2009

Im März 2009 hat das Continental-Scientific-Drilling-Program (ICDP) mit den Bohrungen am Lake El’gygytgyn im nordöstlichen Sibirien begonnen. El'gygytgyn - der einzige bekannte Meteoritenkrater in vulkanischem Gestein - stellt mit seiner 300 Meter langen Sedimentabfolge ein einzigartiges "Archiv" für die Klima- und Umweltgeschichte dar. Mit auf der Expedition in die Arktis ist Christian Köberl, Impaktforscher der Universität Wien: Er leitet die Auswertung der Impakt-Bohrkerne und erwartet sich neue Erkenntnisse zu den Veränderungen in der Arktis sowie zum Verständnis geschockter Vulkanite.

Der Lake El’gygytgyn ist ein Kratersee im nordöstlichen Sibirien, der auch für paläoklimatische Forschungen interessant ist. Entstanden ist er vor ca. 3,6 Millionen Jahren durch den Einschlag eines Meteoriten von ungefähr 18 Kilometer Durchmesser; zum genauen Alter des Kraters gibt es keine Daten.

Zurzeit wird der Lake El’gygytgyn im Rahmen des Bohrprojektes "Continental-Scientific-Drilling-Program (ICDP)" von einer internationalen Forschungsgruppe untersucht. Mit auf der Expedition, an der WissenschafterInnen aus den Vereinigten Staaten, Deutschland, Österreich und Russland teilnehmen, ist auch der Impaktforscher V.-Prof. Dr. Christian Köberl vom Department für Lithosphärenforschung der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie. Er fliegt am 19. April nach Sibirien und leitet dort die Auswertung der Bohrarbeiten.

Anspruchsvolle Expedition

Die Untersuchung des Lake El’gygytgyn ist logistisch sehr anspruchsvoll, da der See nur sehr schwer erreichbar ist: "Bis zum nächstgelegenen Flughafen in Pevek am arktischen Eismeer, das neun Zeitzonen von Moskau entfernt ist, sind es etwa 300 Kilometer ohne Straßen oder Wege. Alle Ausrüstungsgegenstände sind mühsam im Überland-Schneefahrzeugkonvoi oder mit dem Helikopter zum El’gygytgyn-See gebracht worden", berichtet Christian Köberl.

Das aufwändige und daher teure Unternehmen ist mit knapp 10 Millionen US-Dollar budgetiert. "Und da sind die wissenschaftlichen Untersuchungen des erbohrten Materials noch gar nicht inbegriffen", sagt Köberl. Die Kosten werden hauptsächlich von ICDP, der US-amerikanischen National Science Foundation sowie dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung getragen. Auch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Wien trägt 100.000 Euro zu den Bohrkosten bei.

Neue Erkentnisse über die Arktis

Wissenschaftliche Arbeiten belegen, dass der El’gygytgyn-See sehr sensitiv auf Klima und Umwelt reagiert. Diese Veränderungen sind in den Seesedimenten und im umgebenden Permafrost außerordentlich gut abgebildet. Die insgesamt mehr als 300 Meter mächtige Seesedimentabfolge stellt ein einzigartiges Archiv dar, in dem die spätkänozoische Klima- und Umweltgeschichte der terrestrischen Arktis erstmals lückenlos dokumentiert ist. Die Ergebnisse aus den Bohrkernen versprechen daher neue Erkenntnisse zu den Veränderungen in der Arktis mit einer bisher nicht erreichten zeitlichen Auflösung.

Von besonderem Interesse ist die Frage, inwiefern die terrestrische Arktis auf die globalen Klimaveränderungen seit dem Pliozän reagiert beziehungsweise diese Veränderungen selbst beeinflusst hat. "Die Forschungsergebnisse tragen zu einem besseren Verständnis von Ursache- und Wirkungsbeziehungen für Klimaveränderungen bei und sind daher für Prognosen der zukünftigen Klimaentwicklung von großer Bedeutung", so Köberl, der gemeinsam mit dem Entdecker des Kraters, Prof. Eugene P. Gurov vom Institut für Geographie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, bereits mehrere Beiträge zum El’gygytgyn-See für internationale Publikationen verfasst hat.

Geschockte Vulkanite

An der Universität Wien werden die Impaktgesteine federführend für das gesamte internationale Projekt erforscht. Das Besondere an El’gygytgyn ist, dass der Meteorit ein vulkanisches Gebiet getroffen hat. Es ist der einzige auf der Erde bekannte Impaktkrater in sauren vulkanischen Gesteinen. Dadurch ist es möglich, zum ersten Mal die Schock-Charakteristika derartiger Gesteine zu untersuchen.

Die Impaktgesteine sind allerdings an der Oberfläche durch Erosion fast völlig zerstört und verschwunden."Wir versprechen uns von der Tiefbohrung die einmalige Gelegenheit, die Impaktgesteine 'in situ' zu finden und deren Abfolge untersuchen zu können. Aus diesen Untersuchungen hoffen wir zum einen, eine genaue Studie der geschockten Vulkanite und der Natur des Meteoriten, der den Krater gebildet hat, ableiten zu können. Zum anderen versuchen wir, eine Aussage über die Energieverhältnisse beim Einschlag und dadurch über die Auswirkungen des Einschlages auf die Umwelt zu machen", so der Impaktforscher.

Chronologie der bisherigen Forschungsaktivitäten am El’gygytgyn-See

Der momentane Stand der Bohrungen am Lake El’gygytgyn ist wie folgt: Im Jänner kamen die ersten TechnikerInnen und WissenschafterInnen am zugefrorenen See an. Ende Februar waren alle Bauteile, Container, Geräte und Teile der Bohrplattform am See zusammengebaut.
Auf Grund von Schneestürmen hat sich der Bohrbeginn verzögert, aber am 18. März 2009 wurden die ersten Bohrkerne mit Seesedimenten an die Oberfläche gebracht. Nach Ostern erwartet man sich auf einer Bohrtiefe von 180 Meter unter dem Seeboden Übergänge zu Krater-Füllgesteinen, wie z.B. Impaktbrekzien und Schmelzgesteinen, vorzufinden. Christian Köberl erwarten in Sibirien Temperaturen von -30 bis -15 Grad. "Hoffentlich erwarten mich dort aber auch gute Nachrichten - und Bohrkerne!", so der Impaktforscher. (vs/red)

Im Jahr 2005 wurde bei ICDP unter österreichischer Beteiligung (V.-Prof. Dr. Christian Köberl vom Department für Lithosphärenforschung als einer von vier "Co-Principal Investigators") ein "Full Proposal" zu "Scientific Drilling at El´gygytgyn Crater Lake, Chukotka, Northeast Siberia" eingereicht und genehmigt. Weitere ProjektpartnerInnen sind Prof. Julie Brigham-Grette (University of Massachusetts-Amherst, USA), Prof. Martin Melles (Universität Köln) und Dr. Pavel Minyuk (Russische Akademie der Wissenschaften, Magadan).

International-Continental-Scientific-Drilling-Program (ICDP):
Österreich ist seit Ende 2001 Mitglied des International-Continental-Scientific-Drilling Program (ICDP) - eine multinationale Organisation, die sich mit wissenschaftlichen Bohrprojekten auf den Kontinenten der Erde befasst. Obwohl Österreich finanziell nur wenig zum ICDP-Budget beiträgt, war und ist die wissenschaftliche Beteiligung der Universität Wien an den Projekten des Programms überdurchschnittlich: Christian Köberl hat bereits vier Projekte geleitet - ein wissenschaftlicher Weltrekord.

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