Die Anzahl muslimischer SchülerInnen in Europa wächst - und damit der Bedarf an gut ausgebildeten islamischen ReligionslehrerInnen, die es verstehen, einen Brückenschlag zwischen religiöser Tradition und europäischer Identität zu vermitteln. Das Studium "Islamische Religionspädagogik" wird jedoch an keiner europäischen Hochschule angeboten. Die Universität Wien hat auf diesen Mangel reagiert. Mit einer eigenen Professur verfolgt sie ein für Europa einmaliges Projekt. |
V.-Prof. Dr. Ednan Aslan, M.A., steht vor einer interessanten Herausforderung. Im September 2006 als Professor an die Universität Wien berufen, wurde ihm die Aufgabe zuteil, ein völlig neues Studienfach einzurichten. Im Masterstudium Islamische Religionspädagogik sollen ab dem Wintersemester 2007/08 islamische ReligionslehrerInnen für Höhere Schulen in Österreich ausgebildet werden. Vorbilder gibt es keine. "Wien hat schneller auf den Bedarf reagiert als andere Universitäten", so der Sozialpädagoge und Politikwissenschafter, der sich schon früh mit MigrantInnenpädagogik und Religiosität in pluralistischen Gesellschaften auseinandergesetzt hat.
Islam und islamische Erziehung in Europa
"Es gibt keinen Widerspruch zwischen muslimischer und europäischer Identität", erklärt der gebürtige Türke Aslan bestimmt: "Das muss pädagogisch und theologisch begründet und auch im Religionsunterricht vermittelt werden." Damit will der 48-jährige Neo-Professor die in Österreich und anderen europäischen Ländern konstatierten Integrationsprobleme gläubiger MuslimInnen nicht pädagogisieren: "Man kann jedoch lernen, sich mit pluralistischen Werten zu identifizieren und dadurch Integrationsprozesse besser meistern."
Integration in die Universitätslandschaft
Dafür müssen neue pädagogische Konzepte und Lehrstrategien entwickelt werden. Der neue Studienzweig strebt neben einer engen Kooperation mit den facheinschlägigen Instituten der theologischen Fakultäten auch einen interdisziplinären Austausch mit anderen, interkulturell forschenden Instituten der Universität Wien an: "Wir arbeiten beispielsweise mit den Instituten für Soziologie und Sozial- und Kulturanthropologie zusammen - allgemein ist die islamische Religionspädagogik bereits sehr gut in die Universitätslandschaft integriert", sagt Aslan, dessen Professur am Institut für Bildungswissenschaft angesiedelt ist.
Islamische Glaubensgemeinschaft einbinden
Abseits von inner-universitären Kooperationen spielt aber die Zusammenarbeit mit der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich eine entscheidende Rolle. Ihre Fragen und Bedenken sollen bei der Erstellung neuer Unterrichtskonzepte berücksichtigt werden. Denn auch die islamische Theologie steht vor der neuen - vielschichtigen und mitunter die Gemüter spaltenden - Frage, ob und wie MuslimInnen ihre religiösen Traditionen pflegen und bewahren und trotzdem "moderne EuropäerInnen" sein können. "Unser Studienprojekt will eine 'Sprache der Religiosität' entwickeln - beginnend an der Universität Wien", sagt Ednan Aslan: "Die große wissenschaftliche Herausforderung liegt schließlich darin, diese Sprache auf Europa auszudehnen." Denn eines haben alle Weltreligionen gemeinsam: Sie stehen vor der Aufgabe, zwischen den Anforderungen der heutigen Zeit und den Ansprüchen ihrer jeweiligen Traditionen neue Wege zu beschreiten.
Keine Lehre ohne Forschung
Dass es solche - konfliktfreien - Wege gibt, will Neo-Prof Aslan theologisch begründen und im islamischen Religionsunterricht vermitteln. Dafür muss zuerst eine Bestandsaufnahme aktueller islamischer Erziehungspraxis erfolgen. "Wir wollen nicht die alte Lehre neu präsentieren, sondern grundlegend neue Konzepte entwickeln", betont Aslan: "Ohne begleitende Forschung kann dieses Projekt nicht erfolgreich sein." Die Studierenden sollen auch in der Praxis ausgebildet werden. Regulär kann man erst im kommenden Wintersemester mit dem Studium "Islamischer Religionspädagogik" beginnen, 33 StudentInnen nehmen schon im laufenden Semester an anrechenbaren Lehrveranstaltungen teil. Voraussetzung ist der Abschluss der Islamischen Religionspädagogischen Akademie oder eines gleichwertigen in- oder ausländischen Bachelorstudiums.
Alltagsprobleme erleichtern
Die Frage, ob Religions- oder Ethikunterricht ein unverzichtbarer Teil schulischer Allgemeinbildung ist oder ob Religion und religiöse Symbole aus öffentlichen in private Räume verbannt werden sollen, ist seit längerem Thema vieler hitziger politischer Diskussionen. In Österreich leben 400.000 bekennende MuslimInnen. Die Fähigkeit, sich mit pluralistischen Werten zu identifizieren, würde nicht nur ihren "islamischen" Alltag erleichtern, sondern auch der nichtmuslimischen österreichischen Bevölkerung viele Ängste nehmen. Ednan Aslan: "Ein neu konzipierter Religionsunterricht kann zum Raum werden, in dem europäische Identität gefördert wird." (br)
"Islamische Religionspädagogik" ist eine Forschungseinheit des Instituts für Bildungswissenschaft der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft. Die bereits angebotenen Lehrveranstaltungen können für das im Wintersemester 2007/08 regulär beginnende Masterstudium Islamische Religionspädagogik angerechnet werden. |