1996 beginnt Bernhard Fetz als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Dreizehn Jahre später, im Juni 2009, wird er zum neuen Direktor ernannt. Die Verbindung zwischen dem Archiv und der Universität Wien, an der er als Lehrbeauftragter des Instituts für Germanistik tätig ist, ist dem gebürtigen Vorarlberger sehr wichtig.
Redaktion: Sie treten mit Ihrem neuen Posten die Nachfolge des im vorigen Jahr verstorbenen Wendelin Schmidt-Denglers an. Werden sie die Leitung in seinem Sinne weiterführen oder möchten Sie einen neuen Kurs einschlagen? Fetz: Schmitd-Denglers "Nachfolge" antreten zu dürfen, empfinde ich als große Ehre, und ich bin mir der damit verbundenen Verantwortung bewusst. Ich sage allerdings immer: "Ich möchte nicht in Wendelin Schmidt-Denglers Fußstapfen gehen, sondern möglichst elegant eine Spur neben seine Spur legen." Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg gehen. Ich denke, das wäre auch in seinem Sinne. Natürlich gibt es Kontinuitäten. So möchte ich beispielsweise die von Schmidt-Dengler initiierte Verbindung zwischen Forschung und Archiv weiterhin fördern.
Redaktion: Sie haben nicht nur am Österreichischen Literaturarchiv eng mit Wendelin Schmidt-Dengler zusammengearbeitet, sondern auch 1992 bei ihm am Institut für Germanistik promoviert. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu ihm beschreiben? Fetz: Ich kann mit Fug und Recht sagen, ein Schüler Wendelin Schmidt-Denglers gewesen zu sein. Wobei er nie SchülerInnen im eigentlichen Sinne ausgebildet hat. Seine SchülerInnen finden sich in den verschiedensten Bereichen. Er hat die große Gabe besessen, Talente und Neigungen zu erkennen und diese spezifisch zu fördern. Es war seine überragende Mentorenleistung, Personen zu vertrauen und sie selbständig arbeiten zu lassen.
Redaktion: Welche Gründe waren für Sie ausschlaggebend, den Posten als Direktor zu übernehmen? Fetz: Die Stelle als Direktor des Österreichischen Literaturarchivs ist für mich ideal, denn hier kann ich sowohl meine publizistischen als auch wissenschaftlichen Interessen mit der Archivarbeit verbinden. Die letzten vier Jahre war ich als stellvertretender Direktor des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie tätig, zudem schreibe ich seit meinem Studium Beiträge für österreichische und internationale Zeitungen und für den Rundfunk. Das Österreichische Literaturarchiv ist eine renommierte literarische Institution. Es ist nicht "nur" ein Archiv, sondern Bestandteil des kulturellen Lebens.
Redaktion: Schweben Ihnen bereits Veränderungen vor, die sie in der nächsten Zeit im Archiv realisieren möchten? Fetz: Wenn man eine neue Stelle antritt, gibt es zu Beginn erst einmal ganz praktische Fragen. Ich bin momentan z.B. damit beschäftigt, infrastrukturelle Maßnahmen wie die Adaptierung des Lesesaals, des Depots etc. in die Wege zu leiten. Es gibt zudem eine Reihe von interessanten Ankaufsperspektiven. Was ich im Moment noch vor Augen habe, ist die Europäisierung des österreichischen Literaturbegriffs. Ich kann mir vorstellen, in Einzelfällen auch Nachlässe von AutorInnen, die nicht in Österreich geboren sind, aber durch ihre Biografie oder ihren Verlag einen starken Bezug zu dem Land haben, für das Archiv anzuwerben.
Redaktion: Auf welche Vor- bzw. Nachlässe und Sammlungen sind Sie besonders stolz ... Fetz: Da gibt es z.B. den Vorlass von Peter Handke, der alle seine Texte mit der Hand geschrieben hat. Dadurch sind sehr anschauliche Objekte ins Archiv gekommen. Natürlich hat jeder unterschiedliche Präferenzen. Ich persönlich schätze den Ernst-Jandl-Nachlass, denn mit ihm verbinde ich auch persönliche Erinnerungen - ich habe noch zu Lebzeiten Jandls mit ihm gemeinsam die Materialien vorgeordnet. Zudem ist der Nachlass sehr multimedial und enthält viele Fotos, Filme und Tonaufnahmen. Von Ende Oktober 2010 bis Ende Jänner 2011 wird er anlässlich von Jandls zehntem Todes- bzw. 85. Geburtstag in einer Ausstellung im Wien Museum präsentiert.
Redaktion: ... und welche würden Sie sich für das Literaturarchiv wünschen? Fetz: Im Moment steht der Verkauf des Suhrkamp-Archivs zur Disposition, des vielleicht wichtigsten Verlagsarchivs im deutschsprachigen Raum. Teile dieser Materialien - von Ingeborg Bachmann über Thomas Bernhard bis zu Peter Handke - wären auch für ein österreichisches Literaturarchiv von größtem Interesse. Daneben haben wir viele kleinere Bestände von Mitgliedern der Wiener Gruppe wie beispielsweise Oswald Wiener und H.C. Artmann. Da könnten noch weitere wichtige Bausteine hinzukommen. Etwas, das ich schon seit Jahren verfolge, ist der Nachlass des Bambi-Autors und mutmaßlichen Verfassers der "Mutzenbacher" Felix Salten, der sich in Zürich bei einer Erbin befindet. Ebenso spannend wäre ein Erwerb des Rilke-Nachlasses, der aber ebenfalls noch in Familienbesitz ist. Das Österreichische Literaturarchiv hat zudem einen Exilschwerpunkt, so dass wir stets bestrebt sind, Vor- oder Nachlässe exilierter AutorInnen zu bekommen.
Redaktion: Sie sind habilitierter Lehrbeauftragter des Instituts für Germanistik und halten regelmäßig Lehrveranstaltungen an der Universität Wien. Was gefällt Ihnen an der Lehrtätigkeit besonders gut? Fetz: Die Lehre hält flexibel, und es profitieren im besten Falle sowohl die Studierenden als auch die Lehrenden davon. Ich betreue im Rahmen der Lehrveranstaltungen auch Diplomarbeiten und Dissertationen. Es ist immer wieder ein schönes Erlebnis, wenn man von Studierenden, die möglicherweise introvertierter sind und sich in den Kursen selbst eher zurückhalten, ganz hervorragende Arbeiten zu lesen bekommt. Zudem erweitert es auch den eigenen Horizont, da man sich durch die Betreuertätigkeit auch mit anderen Themen als den eigenen beschäftigt. Die Verbindung von Lehre und Wissenschaft ist sehr wichtig. Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass irgendwann die einen nur für den Lehrbetrieb verantwortlich sind und die anderen nur für die Forschung.
Redaktion: Und nun die letzte und besonders für GermanistInnen oft entscheidende Frage: Haben Sie privat noch Zeit und Lust zu lesen? Fetz: Die Lust am Lesen ist mir noch nie vergangen. Meine Rezensionstätigkeit ist da ein wunderbares Spielbein. Gerade nach einem Arbeitstag voller praktischer Fragen und Handlungen oder nach der Lektüre von theoretischen Texten freue ich mich darauf, z.B. einen Roman oder ein Tagebuch zu lesen. (mw)
Doz. Mag. Dr. Bernhard Fetz ist Direktor des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und Privatdozent für Neuere Deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Wien. Weiters ist Bernhard Fetz als Literaturkritiker u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, Die Presse, den Österreichischen Rundfunk und den Falter tätig. In den letzten Jahren arbeitete er im Rahmen des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie an interdisziplinären Grundlagen einer Theorie der Biographie. In Arbeit ist außerdem eine Biographie zum österreichischen Dichter Ernst Jandl. Bernhard Fetz ist Mitherausgeber der Albert Drach-Werkausgabe. Publikationen (Auswahl): Ernst Jandl. Musik Rhythmus Radikale Dichtung (Hg., Wien 2005); Das unmögliche Ganze. Zur literarischen Kritik der Kultur (München 2009); Die Biographie – Zur Grundlegung ihrer Theorie (Hg., Berlin 2009). |