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Collage aus Anton Jarisch: Andenken an die Schule. Wien 1868 und Illustration von Edgar Jené zu Erica Lillegg: Scarlet. Ellermann, Hamburg – München 1958.


Einladung zur 10-Jahres-Feier (PDF) Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur-Forschung
Jubiläum der Kinder- und Jugendliteratur-Forschung
Forschung, Veranstaltungen
Gastbeitrag von Ernst Seibert am 11. März 2010

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur-Forschung blickt auf zehn Jahre ihres Wirkens zurück. Anlässlich dieses runden Jubiläums findet am Mittwoch, 17. März 2010, 18 Uhr, im Senatssaal der Universität Wien eine Feier statt.

Als die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur-Forschung (ÖG-KJLF) vor zehn Jahren begonnen hat, Kinder- und Jugendliteratur verstärkt in Lehre und Forschung einzubringen, war sie von Anfang an darauf konzentriert, nicht nur die einschlägige Gegenwartsliteratur zu behandeln, sondern die etwa 250 Jahre währende Geschichte dieses Genres sehr bewusst in einem Zusammenhang zu sehen. In den letzten Jahren ist Kinder- und Jugendliteratur in eine völlig neue Situation geraten; die nicht zuletzt auch für die Bildungsdiskussion relevanten Veränderungen sollten in den größeren Zusammenhängen einer eigenen, aber auch mit der allgemeinen literarischen Entwicklung eng verflochtenen Literaturgeschichte gesehen werden.

Wenn man heute mit Nicht-Fachleuten über Kinderliteratur spricht, gerät die Argumentation zumeist in die Thematisierung medialer Ereignisse oder auch Großereignisse, hinter denen wohl auch Bücher stehen mögen, aber im Vordergrund steht das bewegte Bild vom beliebten Fernsehmoderator und seinen Serien-Selbstinszenierungen bis zu den Serienfilmen auf Großleinwänden, die als globale Ereignisse die Massen quer durch alle Nationen und Altersstufen in die Großraumkinos treiben. Das Pro und Contra in solchen Gesprächen und die Erörterung der Bedeutung  des Lesens in diesem Umfeld erschöpft sich dabei in sehr vordergründigen und nicht eben originellen Argumenten. Von Kinderbüchern im herkömmlichen Sinn ist dabei kaum mehr die Rede, schon gar nicht von Autorinnen und Autoren, weil diese völlig im Schatten der medialen Großereignisse stehen. Literarische Qualität und eben die von Kinder- und Jugendbüchern kann sich mit den Qualitäten und vor allem Quantitäten einer infantilen Massenunterhaltungsindustrie nicht messen. Was in diesem Umfeld als Kinderliteratur zur Sprache kommt, ist eigentlich mehr schon Gegenstand der Mediengeschichte als der Kinderliteraturgeschichte.

"Gutes Jugendbuch"


Nun könnte man meinen, eine eigene Kinderbuchwissenschaft sei unter dem Eindruck des derart skizzierten Szenarios  gar nicht nötig und getrost den Medienwissenschaften zu überantworten. Dem ist einiges entgegen zu halten. Als sich die ÖG-KJLF vor zehn Jahren genau zur Jahrhundertwende konstituierte, war noch viel die Rede vom so genannten Paradigmenwechsel um 1970, der gegenüber der Idee vom "guten Jugendbuch" eine völlig neue Kinder- und Jugendliteratur zur Folge hatte. Allein der Rückblick auf die letzten dreißig Jahre des vorigen Jahrhunderts fördert eine faszinierende Vielfalt von Kindheits- und Jugendentwürfen zutage, die im heutigen Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit fast schon wieder völlig vergessen sind. Dass man aber in der Geschichte dieses Literaturzweiges auch weiter zurück gehen kann, etwa bis in die Zeit der österreichischen Romantik und ihrer von Deutschland sehr verschiedenen Kindheitsthematisierung, versetzt selbst LiteraturwissenschafterInnen immer wieder in Staunen, wie sich in vielen Tagungen der ÖG-KJLF im Lauf der letzten zehn Jahre gezeigt hat.

Die Tagungen ließen aber auch erkennen, dass diese Desiderate ein bedauerliches österreichisches Spezifikum sind. Autoren wie Franz Molnar, Béla Balázs, der gleichzeitig mit Felix Salten in den 1920er Jahren in Wien neben seiner Filmtheorie auch ein sehr beachtetes Kinderbuchschaffen begonnen hat, oder der berühmte Kulturwissenschafter Ernst Gombrich, der seine Karriere in den 1930er Jahren mit einer Weltgeschichte für Kinder begonnen hat, sind jedenfalls in dieser kinderliterarischen Eigenschaft in Österreich kaum bekannt, während sie in Deutschland nicht nur Neuauflagen erfahren, sondern auch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen und Publikationen sind. Ähnliches gilt für Autorinnen wie Alex Wedding oder Hermynia Zur Mühlen, denen im Bereich der Frauenbiografieforschung ebenfalls Tagungen gewidmet waren. Während sich an den Universitäten in der Mehrheit aller Nachbarländer wissenschaftliche Zentren zur KJLF gebildet haben, steht Österreich erst in den Anfängen der Befassung mit diesem Genre.

Ein weiteres österreichisches Spezifikum ist das auffallende Phänomen einer verstärkten Thematisierung von Kindheit in der österreichischen Gegenwartsliteratur. Neben den professionellen AutorInnen der KJL wie Mira Lobe, Käthe Recheis, Christine Nöstlinger und Renate Welsh wird das Genre etwa auch von Barbara Frischmuth, Felix Mitterer, Friederike Mayröcker, Paulus Hochgatterer und Peter Turrini wahrgenommen; man könnte von einer Überlagerung von Kindheits- und Kinderliteratur sprechen, einer Situation, die allerdings wieder von der allgemeinen Literaturwissenschaft kaum beachtet wird. All dies widerspiegelt einen besonderen Stellenwert der Kinder- und Jugendliteratur in der österreichischen Literaturlandschaft und verdiente eine weit höhere Beachtung in der literarischen Öffentlichkeit, der die ÖG-KJLF verstärkt zuarbeiten möchte, um die Diskussion um Literarizität und auch über Inhalte der mit Kindheit befassten Literatur zu erweitern bzw. in den Literaturwissenschaften oft überhaupt erst zu beginnen.


Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur-Forschung am Institut für Germanistik.

10 Jahre Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur-Forschung
Mittwoch, 17. März 2010, 18 Uhr
Senatssitzungssaal, Hauptgebäude Universität Wien
Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
Einladung (PDF)

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