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Junge RaucherInnen: Was können Staat, Schule und Familie tun?
Forschungsprojekte
Wolfgang Dür am 19. Februar 2002

Der Anteil der 15-jährigen SchülerInnen, die täglich rauchen, hat sich in den letzten 15 Jahren bei den Knaben verdoppelt, bei den Mädchen verdreifacht. Eine vergleichende EU-Studie in acht Ländern hat die Bedingungen und möglichen Konsequenzen untersucht.

Der Anteil an RaucherInnen (Raucherprävalenz) unter den 15-jährigen Jugendlichen hat in den vergangenen 15 Jahren in allen EU-Ländern drastisch zugenommen. Während in Österreich 1986 noch weniger als 10% dieser Altersgruppe täglich rauchten, waren es 1998 bereits 23%. Diese zweifelhafte "Hitliste" wird von den österreichischen Mädchen, laut einem Vergleich zwischen 30 Ländern, mit 26% täglichen Raucherinnen sogar angeführt. Die im Rahmen des EU-Biomed-II Forschungsprogramms und mit Förderung durch die Bundesministerien für Soziale Sicherheit und Generationen sowie für Bildung, Wissenschaft und Kultur durchgeführte CAS-Studie (Control of Adolescent Smoking) untersuchte in acht Staaten die Frage, wie Staat, Schule und Familie darauf reagieren können. Die Studie: Control of Adolescent Smoking Die Studie benutzt Daten aus der Befragung der World Health Organisation über das Gesundheitsverhalten bei Kindern und Jugendlichen (WHO-HBSC, Health Behaviour in Schoolaged Children), im Rahmen derer ca. 10.000 15-jährige SchülerInnen berücksichtigt wurden, sowie Daten aus einer Befragung von 2.000 LehrerInnen aus denselben Schulen und Ergebnisse einer vergleichenden Politikfeldanalyse, bezogen auf die nationalen Tabakpolitiken in den acht einbezogenen Ländern. Mit der Technik der Mehrebenen-Analyse wurde der Einfluss von Faktoren auf staatlicher, schulischer, familiärer und individueller Ebene gegeneinander abgewogen. Im Vergleich der staatlichen Tabakpolitiken kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass vor allem drei Faktoren die Raucherprävalenzen in günstiger Richtung beeinflussen können: wenn Jugendliche keinen Zugang zu Zigarettenautomaten haben, wenn die Zigarettenpreise hoch sind und wenn die Regierung konkrete Zielsetzungen der Tabakpolitik formuliert und veröffentlicht hat. Trotz vielfältiger Bemühungen der österreichischen Gesundheitspolitik sind gerade diese Faktoren kaum oder gar nicht berücksichtigt worden. In Österreich haben Jugendliche freien Zugang zu Zigarettenautomaten und Zigaretten kosten hierzulande weniger als die Hälfte im Vergleich zu Norwegen und Finnland, wo eine sehr viel günstigere Raucherprävalenz zu verzeichnen ist. Rauchfreie Schule Die europäischen Schulen spielen in Bezug auf Tabakpolitik eine widersprüchliche Rolle: einerseits bieten sie Aufklärung über die Schädlichkeit des Rauchens an und versuchen mit verschiedenen Maßnahmen, das Rauchen an den Schulen einzuschränken, andererseits sind sie heute im Schnitt der acht Länder gerade jener Ort, an dem die SchülerInnen am meisten und mit größter Wahrscheinlichkeit rauchen - das Rauchen sozusagen erlernen. Schulische Tabakpolitik kann die Raucherprävalenzen nur dann signifikant senken, wenn die bestehenden Regeln für SchülerInnen konsequent durchgesetzt werden und auch für LehrerInnen gelten. Ziel muss daher die "rauchfreie Schule" sein. Einfühlsame LehrerInnen gefragt Einen deutlich stärkeren Einfluss auf das Rauchverhalten bei Jugendlichen hat jedoch das Ausmaß an sozialer Unterstützung vor allem durch LehrerInnen in der Schule, aber auch durch die Familie. In Schulen mit einem niedrigen Level an LehrerInnenunterstützung ist die Wahrscheinlichkeit, dass SchülerInnen täglich rauchen, etwa achtmal höher als in Schulen mit einem hohen Ausmaß an LehrerInnenunterstützung. Unterstützung durch die LehrerInnen soll meinen, dass SchülerInnen emotionale Gewissheit haben können, dass sich ihre LehrerInnen für sie interessieren, und dass sie, wenn sie fachliche oder soziale Hilfe brauchen, diese auch einfordern können und erhalten. So selbstverständlich das klingen mag: laut eigener Aussage bekommen nur 50% der 15-jährigen SchülerInnen in Österreich "fast immer" oder zumindest "oft" Hilfe, die andere Hälfte nur "manchmal" oder "nie"; gar nur 30% glauben, dass sich die LehrerInnen für sie interessieren. Viele SchülerInnen haben daher gegenüber der Schule und den ihnen gestellten Anforderungen ein Gefühl der Ohnmacht. Gesundheitsförderung durch Empowerment-Strategien In den Gesundheitswissenschaften ist es schon lange bekannt: Gefühle der Inkompetenz und Machtlosigkeit beeinflussen die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten negativ. In der Gesundheitsförderung nimmt deshalb auch die Strategie des Empowerments - des Befähigens, Ermächtigens, In-Die-Lage-Versetzens - einen besonderen Stellenwert ein. Wie exakt der Raucher-Habitus mit einem psychologischen Gefüge aus Ohnmacht und Inkompetenz zusammenspielt, zeigt ein Blick in die Geschichte des Tabakkonsums: Seit der Einführung des Tabaks durch spanische und portugiesische Eroberer steht das Rauchen in enger Verbindung mit Krieg, Abhängigkeit und Ohnmachtserfahrung: gefügig inhalierende Seeleute stehen am Anfang dieser Geschichte. Als industriell gefertigtes Massenprodukt und -konsumgut kann sich die Zigarette dann im Ersten und Zweiten Weltkrieg durchsetzen: die Masse der Soldaten macht die Erfahrung, wie Tabak aufgrund seiner psychopharmakologischen Wirkungen hilft, Angst zu lindern und aufgestaute Aggressionen abzubauen. Seither haben sich stets gerade jene sozialen Gruppen der Tabakindustrie als Markt angeboten, deren Emanzipationsbestrebungen nicht vorankommen wollten: die Arbeiterschaft, die Frauen, die Jugend von 1968 genauso wie die Jugendlichen von heute, Arme und Unterprivilegierte wie Obdachlose oder PsychiatriepatientInnen, unter denen die Prävalenz bis zu 100% erreicht. In Bezug auf Jugendliche heißt Empowerment vor allem, Handlungsspielräume zu schaffen und sich dieser Handlungsspielräume jenseits des Lungenzuges bewusst zu werden, den Umgang mit Aggression und Angst zu schulen, die Artikulationsfähigkeit und das Selbstvertrauen zu fördern. In Schulen, auch in österreichischen, gibt es dazu beispielhafte Projekte, in denen etwa ältere SchülerInnen für jüngere als MentorInnen fungieren oder in denen SchülerInnen im Sinne einer Zusatzqualifikation als MediatorInnen für Konfliktbearbeitung ausgebildet werden. Der Autor ist Lektor am Institut für Soziologie der Universität Wien und Sozialforscher am Ludwig Boltzmann-Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie.

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