Der Abschluss einer Dissertation, die Vorbereitung eines Projektantrags, eine Publikation: In jeder wissenschaftlichen Karriere gibt es Phasen, die aus dem Rahmen üblicher Förderprogramme fallen. Vor allem am Beginn einer universitären Berufslaufbahn sind solche finanziellen Lücken oft schwer zu überbrücken.
Die junge Materialphysikerin Dr. Kerstin Hummer von der Fakultät für Physik kennt das Problem: "Man hüpft ständig von Projektende zu Projektbeginn und ist sich nie sicher, ob man im nächsten Jahr überhaupt weiterforschen kann", sagt die Nachwuchswissenschafterin: "Eine wissenschaftliche Karriere erfordert eine gehörige Portion Idealismus, Wissensdrang und Ehrgeiz. Sonst verliert man angesichts der für JungwissenschafterInnen schwierigen Bedingungen schnell den Mut."
L'OREAL-Stipendium
Fürs erste ist Hummers Forschungsarbeit jedenfalls gesichert: Die 32-jährige Wissenschafterin und Mutter - zurzeit erwartet sie ihr zweites Kind - erhielt im Oktober 2008 eines der vier L'OREAL-Österreich-Stipendien "For Women in Science". Das Fördergeld - durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung verdoppelt - umfasst insgesamt 15.000 Euro bei einer Laufzeit von sechs bis zwölf Monaten und soll Wissenschafterinnen in eben jenen Phasen unterstützen, in denen die übliche staatliche Projektförderung nicht zum Tragen kommt.
Kerstin Hummer will ihr Stipendium dafür nützen, ein neues Projekt zu konzipieren und beim FWF einzureichen: "Ich möchte versuchen, mich in der Forschungswelt zu etablieren und entweder einen Antrag für die FWF-Frauenkarriereschiene 'Hertha Firnberg' schreiben oder einen Selbstantrag stellen."
Optische Eigenschaften von Festkörpern untersuchen
Worum sich das Projekt drehen wird, steht allerdings schon fest: die Wechselwirkung zwischen Licht und Materie. "Es geht um die optischen Eigenschaften von funktionalen Molekülen auf Festkörpern", präzisiert Hummer. Dieses Themengebiet ist deshalb sehr aktuell, da die Technologie der Siliziumtransistoren, auf der unsere gesamte digitalisierte Welt basiert, langsam an ihre Grenzen stößt.
Molekular statt Nano
Bisher konnte eine Effizienzsteigerung durch Miniaturisierung erreicht werden. Doch auch die mittlerweile weitgehend angewandte Nanotechnologie kann den Anspruch immer schnellerer Speichermedien mit immer höherer Speicherkapazität durch das Auftreten von Quantenphänomenen nicht mehr uneingeschränkt erfüllen.
"In der Elektronikindustrie spricht man deshalb schon gar nicht mehr von Nanotechnologie, sondern bereits von molekularer Elektronik - Ziel ist es, das Schalten zwischen Null und Eins durch ein einzelnes Molekül auf einem Substrat zu bewerkstelligen, das mittels einer Atomkette angesprochen wird", erklärt die Stipendiatin. Deshalb wird in der modernen Materialwissenschaft eifrig nach neuen, brauchbaren Materialien für Bauelemente wie Leuchtdioden oder Transistoren gesucht.
Computergestützte Forschung
Hierzu soll Hummers geplantes Forschungsprojekt einen Beitrag leisten: "Im Wesentlichen habe ich vor, die physikalischen Eigenschaften von Grenzflächen zwischen Materialien und ihren Einfluss auf die optischen Eigenschaften von Bauelementen computergestützt zu untersuchen." Dabei will sich die junge Wissenschafterin auf die Dichtefunktionaltheorie (DFT) stützen, die eine parameterfreie Beschreibung von Materialeigenschaften erlaubt und daher Vorhersagekraft besitzt. Forschungsvorhaben erstmals möglich
Eine theoretische, auf Computersimulationen basierende Forschung, wie Hummer sie plant, erfordert ein effizientes Computerprogramm und enorme Rechenleistungen. In der Forschungsgruppe "Computergestützte Materialphysik" der Fakultät für Physik wurde ein solches Programm (VASP) entwickelt und erst kürzlich erfolgreich für die Beschreibung von optischen Eigenschaften erweitert. Hummer: "Mit dem Know-how der Gruppe auf der einen und dem L'OREAL-Stipendium auf der anderen Seite ist es mir möglich, auf diesem spannenden Gebiet weiterzuforschen." (br) |