Der Schädel des ausgestorbenen Hadropithecus stenognathus war 1899 vom österreichischen Fossilienhändler Franz Sikora in der Andrahomana-Höhle auf Madagaskar ausgegraben worden. Leider war der Schädel nicht ganz vollständig erhalten, ihm fehlten u.a. die knöchernen Augenbrauenbögen. Diese Lemurenart lebte vor 7.500 bis 1.500 Jahren auf der afrikanischen Insel und ist mittlerweile ausgestorben.
Fehlende Teile ausgegraben
2003 führte eine amerikanisch-madagassische Expedition um Allen Walker (Pennsylvania State University) erneut eine Grabung in der Andrahomana-Höhle durch: Neben zahlreichen Fossilien anderer ausgestorbener Tiere entdeckten die WissenschafterInnen tatsächlich einige weitere Knochen des seltenen Hadropithecus, darunter zwei Stirnknochen.
Wie die WissenschafterInnen erst kürzlich herausgefunden haben, handelt es sich dabei um exakt jene Teile, die dem 1899 ausgegrabenen Schädel fehlten - sie stammen also nicht nur von der gleichen ausgestorbenen Lemurenart, sondern sogar vom selben Exemplar. Die Ergebnisse der Untersuchungen publizierten die AnthropologInnen im Wissenschaftsjournal "Proceedings of the Academy of Sciences of the United States of America" (PNAS).
Puzzle am Computer
Das amerikanische und ein Wiener Wissenschafterteam untersuchten unabhängig voneinander die Knochenfunde: 2007 ließen Dr. Ursula Göhlich vom Naturhistorischen Museum Wien und Ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Weber vom Department für Anthropologie der Universität Wien Computertomographien (CT-scans) des 1899 gefundenen fossilen Schädels und von Kieferfragmenten am AKH Wien anfertigen. Allen Walker und sein Team machten Scans der 2003 gefundenen Knochen.
Groß an Größe und Gehirn
Bei der Auswertung der Scans entdeckten sie, dass die zwei Knochenspangen haargenau in die fehlenden Knochenlücken des bereits 1899 entdeckten Schädels passten. Es handelt sich tatsächlich um die fehlenden Augenbrauenbögen des Wiener Schädels - gefunden im Abstand von 104 Jahren!
Die WissenschafterInnen fertigten dreidimensionale Abbilder des Schädels der ausgestorbenen Lemurenart an. Die digitalen Überreste erlauben neue Erkenntnisse über Hadropithecus: Zum ersten Mal wurde die Schädelkapazität gemessen (115 Milliliter). Durch Ausgrabungen von Körperknochen konnte auch die Größe geschätzt werden: Hadropithecus war überraschenderweise so groß wie ein großer männlicher Pavian. Tatsächlich hatte der ausgestorbene Lemur eines der größten Gehirne in Relation zu seiner Körpergröße, auch verglichen mit anderen Halbaffen.
Die amerikanischen KollegInnen, die die fehlenden Knochenteile ausgegraben haben, werden im August nach Wien reisen, um dem Naturhistorischen Museum Wien die fossilen Augenbrauenbögen als Geschenk zu überbringen. Ab Oktober werden die MuseumsbesucherInnen dem ausgestorbenen Halbaffen Hadropithecus in ein vervollständigtes Antlitz blicken können. (red/mh)
RYAN, T.M., BURNEY, D.A., GODFREY, L.R., GÖHLICH, U.B., JUNGERS, W.L., VASEY, N., RAMILISONINA, WALKER, A. & WEBER, G.: "A reconstruction of the Vienna skull of Hadropithecus stenognathus", in: "Proceedings of the National Academy of Sciences" (doi: 10.1073/pnas.0805195105) (29.7.-1.8.2008) |