Am Freitag, 8. Oktober, und Samstag, 9. Oktober 2010, laden das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, das Institut für Sozialanthropologie der ÖAW und das Museum für Völkerkunde zum internationalen Workshop "Space, numerical systems and color terminologies: Theoretical Approaches and Empirical Analysis". Bei der Veranstaltung diskutieren renommierte ForscherInnen Fragen in Bezug auf das Zusammenwirken von Sprache, Denken und Verhalten insbesondere bei Jäger- und Sammlergesellschaften. |
Ob und wie Worte und Sprachsysteme unser Denken und Handeln formen ist umstritten. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Raumkonzepten, numerischen Systemen und Farbterminologien geht ursprünglich auf die Kognitionsforschung zurück. In weiterer Folge wurden diese Themenfelder von AnthropologInnen aufgegriffen und im Rahmen empirischer Erhebungen hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit hinterfragt.
"Unsere Veranstaltung bietet nun Raum und Gelegenheit, ForscherInnen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Paradigmen, die in den aktuellen Debatten zu diesem Thema eine prominente Rolle spielen, zusammenzubringen", erklärt Workshop-Organisator Khaled Hakami vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie.
Interdisziplinäre Kontroversen
Denn gerade aus dem interdisziplinären Zugang der verschiedenen beteiligten Forschungsdisziplinen - Linguistik, Kultur- und Sozialanthropologie, Kognitionsforschung, Humanbiologie, Psychologie, Geographie, Computer Science, Wissenschaftstheorie - und den unterschiedlichen paradigmatischen Positionen innerhalb und zwischen einzelnen Fachbereichen resultieren zahlreiche Kontroversen, die es im Rahmen des Workshops auszutragen gilt.
"Eine sehr kontroversielle Debatte zu den numerischen Systemen und ihrer linguistischen Umsetzung wurde etwa durch die Forschungen der Linguisten Daniel und Keren Everett und des Verhaltensforschers Peter Gordon ausgelöst. Sie haben jahrelang den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken bei den Piraha, einer Jäger- und Sammlergesellschaft im Amazonas-Regenwald untersucht, die kein echtes numerisches System kennen", erläutert Hakami: "Aber auch zum Thema Farbterminologien wurden mittlerweile zahlreiche Untersuchungen aus den verschiedensten disziplinären Blickwinkeln durchgeführt."
Zusammen mit Helmut Lukas arbeitet Hakami selbst bei einer ganz ähnlichen Jäger- und Sammlergesellschaft in Südostasien (siehe Bild). Die Parallelen, die solche Gesellschaften hinsichtlich der Ausprägung ihrer soziokulturellen Merkmale aufweisen - auch, wenn sie keinen Kontakt untereinander haben und tausende Kilometer entfernt voneinander leben - sind verblüffend. Obwohl in der Zwischenzeit also umfangreiches empirisches Material vorliegt, gibt es nach wie vor zahlreiche theoretische Debatten hinsichtlich der Interpretation der ethnographischen Daten.
Wichtige Fragestellungen
Aus diesen Kontroversen werden beim Workshop u.a. folgende wichtige Fragestellungen herausgegriffen: Inwiefern können die verschiedenen Themenbereiche in einen einheitlichen theoretischen Rahmen zusammengeführt werden? Welche methodologischen und methodischen Aspekte sind in diesem Zusammenhang zu beachten? Sollten bisherige Erhebungsmethoden kritisch hinterfragt und gegebenenfalls adäquatere Forschungskonzepte diskutiert werden?
"Es ist daran gedacht, die Inhalte und Ergebnisse des Workshops in einem Sammelband zu publizieren und damit einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen", so Hakami.
Renommierte Vortragende
Die Veranstaltung, die vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie in Kooperation mit dem Museum für Völkerkunde und dem Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften organisiert wird, besticht durch zahlreiche renommierte internationale Vortragende. Mit dabei sind beispielsweise Gunter Senft vom Max-Planck-Institute for Psycholinguistics in Nijmegen, Thomas Widlok vom Institut für Ethnologie der Universität zu Köln, Andrea Bender von der Abteilung für Allgemeine Psychologie der Universität Freiburg, Pierre Pica vom Dèpartement de linguistique der Université Paris 8 und Daniel Everett, Dekan der Fakultät für Arts and Sciences an der Bentley University in Waltham.
Auch die Universität Wien ist am Workshop gut vertreten: Es werden u.a. Ilja Steffelbauer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, John Dittami vom Department für Anthropologie und John Rennison vom Institut für Sprachwissenschaft mit interessanten Vorträgen aufwarten. Zudem werden Khaled Hakami vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und Helmut Lukas (Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) mit eigenen Beiträgen vertreten sein. (red)
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