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Ulrich Brand mit seinen beiden AssistentInnen Markus Wissen und Nicola Sekler. Fotos: A. Frey


Vizerektor Mettinger und Dekan Rudolf Richter begrüßten ...


... über 200 KollegInnen und Studierende, die zur Antrittsvorlesung am 22. Oktober im Kleinen Festsaal gekommen waren.


Ulrich Brand sprach über eine Kritische Theorie der Globalisierung.




Ulrich Brand mit Eltern und Bruder.



Porträt: "Ulrich Brand: Engagierter Globalisierungsexperte" Institut für Politikwissenschaftder Fakultät für Sozialwissenschaften    
Kritische Theorie der Globalisierung und Wissenschaft als soziales Verhältnis
Antrittsvorlesungen
Gastbeitrag von Ulrich Brand am 23. Oktober 2008

Ulrich Brand ist seit September 2007 Professor für Internationale Politik an der Fakultät für Sozialwissenschaften. In seiner Antrittsvorlesung, die er gemeinsam mit den wissenschaftlichen AssistentInnen im Bereich Internationale Politik, Nicola Sekler, M.A., und Dr. Markus Wissen, hielt, ging es um die Konturen einer kritischen Theorie der Globalisierung. Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der Ausführungen von Ulrich Brand.

Mich dem gestellten Thema annähern zu wollen, konfrontiert mich mit einem veritablen Widerspruch. Ist eine kritische Theorie der Globalisierung überhaupt möglich? Denn es gibt seit etwa zehn Jahren kaum eine affirmativere, unkritischere Kategorie als jene der Globalisierung. Damit wird so ziemlich alles gemeint und gerechtfertigt: Globalisierung bedeutet die Reorganisation internationaler Produktion und Arbeitsteilung, die Verbreitung des Internet, Tourismus, historisch ungeahnte Konsummöglichkeiten. Aber auch die Probleme aktueller Entwicklungen werden mit diesem Begriff gefasst: Der Abbau sozialer Sicherheit, die Globalisierung von Kriminalität und Terrorismus und die aktuelle Bankenkrise sind Teil der Globalisierung.

Am stärksten und für eine kritische Theorie am problematischsten ist jedoch, dass im herrschenden politischen Diskurs Globalisierung als "ökonomischer Sachzwang" dargestellt wird. Es handelt sich um eine in ihren Grundzügen unabänderliche Entwicklung, alle gesellschaftlichen Bereiche und insbesondere der Staat müssen sich in ihrem Handeln anpassen. Da kann man nichts machen, Globalisierung wirkt wie die Schwerkraft. Krisen ereignen sich, aber sie sind eher schlechtem Management geschuldet als den Dynamiken der Globalisierung an sich.

Kritische Theorie der Globalisierung


Ich denke, dass wir trotz des affirmativen Gehalts nicht darauf verzichten wollen. An der Begründung dieser Antwort möchte ich explizieren, was ich und wir unter kritischer Theorie der Globalisierung verstehen.

Kritische Theorie nimmt Uneindeutigkeiten ernst. Diese sind nicht Ausdruck fehlender Definitionen, sondern Teil einer widersprüchlichen Wirklichkeit. Begriffe nehmen gesellschaftliche Erfahrungen auf und daher sollten wir es uns nicht zu einfach machen. Der Begriff der Globalisierung verdichtet eben sehr widersprüchliche historische Erfahrungen, er bezeichnet recht ungenau eine epochale Veränderung, die in den 1970er und 1980er Jahren begann und dann nach dem Fall der Berliner Mauer und der Implosion der Sowjetunion eine starke Dynamik gewann.

Der irrationale Charakter der Globalisierung ist nicht zu wenig politischer Steuerung oder gierigen Managern geschuldet, sondern liegt in der Sache selbst. Die kapitalistische Form der Vergesellschaftung entzieht sich bewusster Gestaltung. Diese Irrationalität sieht man in diesen Wochen ganz besonders in Form der Finanzkrise, aber auch seit längerer Zeit als sich zuspitzende ökologische Krise.

Daher geht es darum, die Krisenursachen und damit die historische Gewordenheit und Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen. Selbstverständlichkeiten sollen hinterfragt werden.

Das hat Implikationen für eine Frage, die uns in der Politikwissenschaft besonders umtreibt. Die Rolle von Staat und Politik sowie von Governance. Damit öffnen wir ein enormes Feld und ich möchte mich auf zwei Bemerkungen beschränken. In der Regel wird erstens der Staat im Globalisierungsprozess meist als schwacher Akteur verstanden, der dafür zuständig ist, der "Ökonomie" - und das sind zuvorderst die Interessen der Kapital- und Vermögensbesitzer - gute Rahmenbedingungen zu schaffen sowie gegen Probleme und Krisen zu agieren. Der Staat ist Problemlöser, eine mehr oder weniger neutrale Instanz und den gesellschaftlichen Allgemeininteressen verpflichtet.

Staat: institutionell verdichtetes Kräfteverhältnis


Der Staat wird in der kritischen Theorie hingegen nicht als neutrale Instanz verstanden, sondern als institutionell verdichtetes gesellschaftliches Kräfteverhältnis, in dem eben die herrschenden Kräfte eher repräsentiert sind als die schwächeren Interessen.

Zweitens: Eine Kritische Theorie beschränkt sich nicht auf die Analyse der Steuerungsfähigkeit von staatlicher Politik, sondern fragt nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist ein zentraler Einsatzpunkt kritischer Theorie, soziale und insbesondere politische Herrschaft zu hinterfragen. Deshalb ist eine kritische Theorie von Staat und Politik nicht zu trennen von der politischen Ökonomie und von kulturellen Dimensionen.
Im Ergebnis kann unter anderem der Verlust von Naivität hinsichtlich der Möglichkeiten von Politik und Steuerung stehen, ohne zynisch zu werden.

Es gibt im Sinne einer kritischen Theorie noch einen weiteren Aspekt, der am Globalisierungsbegriff verdeutlicht werden kann. Kritische Theorie und wissenschaftliches Arbeiten will die Welt verändern, allerdings ohne zu große Erwartungen vor allem gegenüber staatlichen Akteuren oder mächtigen Verbänden. Entsprechend geht es nicht zuvorderst darum, das Ohr der Mächtigen geliehen zu bekommen. Ganz allgemein gesagt soll über vielfältige Praxen das Niveau kritischer Reflexion der Gesellschaft über sich selbst erhöht werden.

Gerade in der aktuellen Situation, in der die Krise auf den Finanzmärkten zu einer Delegitimierung der Globalisierung führt, können wir gespannt sein und sollten kritisch analysieren, welche Begründungen, neuen Selbstverständlichkeiten und Kritikmuster entstehen. Wir fassen das heuristisch mit dem Begriff des "Post-Neoliberalismus", um die sich verändernden Terrains und Strategien sozialer Auseinandersetzungen in den Blick zu bekommen.

Eigenständiges Denken und Handeln


Zum Ende erfolgen einige Bemerkungen zum wissenschaftlichen Feld. Die Wirkung von Theorien und wissenschaftlichen Ansätzen allgemein verdanken sich nicht nur ihrer inneren Konsistenz oder Plausibilität, sondern auch der Art und Weise, wie sie sich in das wissenschaftliche und gesellschaftliche Feld einschreiben. Und dieses Feld ist hochgradig machtförmig strukturiert.

Die aktuellen Dynamiken und Probleme der Hochschulen sind bereits oft diskutiert worden: Internationalisierung, die Ausrichtung an verwertbarem Wissen, finanzielle und damit personelle Unterausstattung. Und dennoch sind viele Probleme zu bewältigen. Ein besonderer Stellenwert kommt daher der universitären Lehre und der Arbeit mit Studierenden zu.

Kritische Theorie bedarf und fördert eigenständiges Denken und Handeln.
Insofern ist die nicht offen geführte und virulente Debatte um Zulassungsbeschränkungen sehr wichtig. Zugangsbeschränkungen sind nicht der Schlüssel zu einem besseren Studium für jene, die dann im "drin" sind. Dass möglichst vielen Menschen, die das auch wollen, die Möglichkeit zu Bildung gegeben wird, ist eine demokratische Grundaufgabe. Wir haben ja gerade gesehen, wohin die fehlende politische Bildung bei den jungen Menschen führt. Sie wählen die "feschen" Rechtsextremen. Der dominanten Deutung von "zu vielen" Studierenden wäre also entgegenzusetzen, dass es gut ist, dass viele Menschen studieren möchten und alles getan werden sollte, ihnen das sinnvoll zu ermöglichen.
Angesichts der aktuellen hochschulpolitischen Situation ist eine Repolitisierung der Hochschul- und Wissenschaftspolitik notwendig, hinsichtlich der Strukturreformen, aber auch in Bezug auf die Finanzausstattung.

Modern sein zu wollen, kann auch sehr konformistisch und zeitgeistig sein. Ich denke, dass wir an der Universität Wien gute Bedingungen haben, um dieser Gefahr zu entgehen.
Ich habe nach einem Jahr an der Wiener Universität die Erfahrung gemacht, dass ein plurales wissenschaftliches Klima vom Rektor wie auch vom Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften ausdrücklich gewollt ist und am Institut für Politikwissenschaft praktiziert wird. Das nehme ich als Dank und gebe es als Versprechen zurück.


Univ.-Prof. Dipl.-Pol. Dr. Ulrich Brand hielt am 22. Oktober 2008 seine Antrittsvorlesung mit dem Titel "Kritische Theorie der Globalisierung in Zeiten der ökologischen Krise? gemeinsam mit den wissenschaftlichen AssistentInnen im Bereich Internationale Politik Nicola Sekler, M.A., und Dr. Markus Wissen.

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