Über mehrere Jahrzehnte zog sich die Kontroverse um das 1923 errichtete Gefallenendenkmal. Schon im Sommer 1990 beschloss der Akademische Senat der Universität Wien, den "Siegfriedskopf" aus der Aula zu versetzen. Das Bundesdenkmalamt legte sich dagegen quer. Durch die darauf folgenden öffentlichen Konflikte wurde dieses Projekt aufgeschoben.
Im Zuge der Neugestaltung des Eingangbereichs des Hauptgebäudes entschloss sich das Rektorat für die Versetzung des Denkmals von der Aula in den Arkadenhof und gab die künstlerische Umgestaltung des Denkmals in Auftrag. Das Erscheinungsbild der Aula vermittelte bis zu den Renovierungsarbeiten seit dem Frühjahr 2005 "die Aura der Zwischenkriegszeit", so Rektor Georg Winckler bei einer Pressekonferenz am Donnerstagvormittag. "Wir wollten den Siegfriedskopf nicht eins zu eins wieder aufstellen, sondern einer verstärkten historischen Analyse unterwerfen", betonte Winckler.
Künstlerische Aufarbeitung
Mit der künstlerischen Konzeption und der technischen Ausführung wurde das Künstlerpaar Bele Marx und Gilles Mussard (Büro Photoglas TM) beauftragt ? ihr Konzept überzeugte auch das Bundesdenkmalamt. Voraussetzung dafür war, dass der Kopf unter einen Glassturz kommt. Der neue Kontext wurde mit Roger Baumeister, dem Architekten der Neugestaltung der Aula und des Arkadenhofs, erarbeitet. Die wissenschaftliche Beratung erfolgte durch Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte.
"Stück österreichische Zeitgeschichte"
Stadler bezeichnete den 1923 errichteten "Siegfriedskopf" als "Stück österreichischer Zeitgeschichte". Das Denkmal wurde von der zu diesem Zeitpunkt deutlich antisemitischen und antidemokratischen Deutschen Studentenschaft für die im Ersten Weltkrieg gestorbenen Studenten und Lehrer aufgestellt. In seiner Symbolik verweist es auf die Siegfried-Mythologie der Nibelungen-Sage sowie die "Dolchstoßlegende" des Ersten Weltkriegs. Es sei "Ausdruck eines undemokratischen, ethnozentrischen Geistes, der in die Phase des Austrofaschismus und Nationalsozialismus mündete", so Stadler.
Denkmal unter Glas
Das Glas, das den Siegfriedskopf umgibt ? übrigens wieder mit intakter Nase ?, hat aber nicht nur eine rein dekorative Funktion, erklärten Marx und Mussard. Die Hülle wird vielmehr als Träger von Textbeiträgen und Fotografien aus Tageszeitungen von 1923 bis heute eingesetzt.
Das Kunstobjekt besteht aus mehreren Glasebenen und Einheiten. Der äußere Kubus ist Träger eines zeitgeschichtlichen Textes, der autobiografischen Erinnerung der jüdischen Germanistin, Pädagogin und Schriftstellerin Minna Lachs aus den ausgehenden 1920er Jahren. Im inneren Teil des Glaskubus befinden sich weitere Glasflächen mit Texten und Fotografien, die unterschiedliche Standpunkte zur Thematik vertreten. In ihrer Gesamtheit stellen die Texte einen Teil der Dokumentation über die Geschichte des Denkmals dar. Über die nebenstehende Informationsstation werden ergänzend, am Beispiel von vier Zeitschichten ? 1914 bis 1923, 1938 bis 1945, 1965 bis 1968 und 1990 bis zur Gegenwart ? die unterschiedlichen Bedeutungen sichtbar gemacht, in denen das Denkmal stand und steht.
"Im 21. Jahrhundert angekommen"
Angst vor einer erneuten möglichen Beschädigungen habe man nicht, im Gegenteil, sie sei im künstlerischen Konzept schon mitbedacht, so Marx. Je stärker von außen auf das Kunstwerk eingewirkt wird, desto deutlicher würde die Erzählung auf der obersten Glasschicht sichtbar. "Die Schrift soll sich selbst verteidigen können", betonte Marx. Neben dem Objekt selbst informiert ein Info-Screen über dessen Geschichte. Bisher gab es noch keine Proteste gegen die Neuaufstellung. "Ich gehe davon aus, dass alle akzeptieren, dass wir im 21. Jahrhundert angekommen sind", sagte Georg Winckler. (red/APA)
Eröffnung: Donnerstag, 13. Juli 2006, 17 Uhr im Arkadenhof des Hauptgebäudes der Universität Wien Begrüßung: Rektor Georg Winckler Reden: Altrektor Wolfgang Greisenegger, Angelica Bäumer (Kulturjournalistin und Autorin)
"Siegfriedskopf": Umstrittenes Gefallenendenkmal
Das Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gestorbenen Studierenden und Lehrenden der Universität Wien wurde am 9. November 1923 auf Initiative der "Deutschen Studentenschaft" in der Aula der Universität Wien aufgestellt. Diese Gruppe war seit 1919 der Dachverband aller reichsdeutschen, sudetendeutschen und österreichischen Studenten, die Mitgliedschaft an "deutsche Abstammung und Muttersprache" gebunden. Die Symbolik des Denkmals verweist auf die Siegfriedmythologie der Nibelungensage und die "Dolchstoßlegende" des Ersten Weltkrieges. Entworfen wurde der "Siegfriedskopf" von Josef Müllner, Professor für bildende Kunst. Der Marmorsockel trägt die Inschriften "Ehre, Freiheit, Vaterland", "1914-1918", "Den in Ehren gefallenen Helden unserer Universität" und "Errichtet von der Deutschen Studentenschaft und ihren Lehrern".
Nach Ansicht von Burschenschaftern handelt es sich beim Siegfriedskopf ausschließlich um ein Heldendenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Gegner sehen darin allerdings ein Symbol für rechtes und rechtsextremes Gedankengut an den Unis. Das Denkmal war deshalb immer wieder Grund für Auseinandersetzungen und Ziel von Beschädigungen.
Recherchen Ende der 1980er ergaben, dass der Kopf nicht nur dem Gedenken der im Ersten Weltkrieg Gefallenen diente, sondern auch die Ziele der "Deutschen Studentenschaft" propagieren sollte. Diese vertrat damals einen antisemitischen und deutschnationalen Kurs. Anfang der 1990er Jahre begann eine Diskussion um die politischen Bedeutungen dieses Denkmals. In dieser Debatte wurde für eine breite Öffentlichkeit sichtbar, dass der "Siegfriedskopf" im historischen Kontext ein zentrales geschichtspolitisches Zeichen der Universität Wien ist, das seit seiner Errichtung wiederholt in antisemitische, deutschnationale und deutschvölkische, aber auch nationalsozialistische Kontexte gestellt wurde.
Diese Positionierung wurde von unterschiedlichen Organisationen und Personen, die sich teilweise in die Tradition der "Deutschen Studentenschaft" gestellt haben, öffentlich bestritten. Im Sommer 1990 beschloss der Akademische Senat der Universität Wien, den "Siegfriedskopf" aus der Aula zu versetzen. Durch die darauf folgenden öffentlichen Konflikte wurde dieses Projekt aufgeschoben. Schließlich entschloss sich das Rektorat der Universität Wien im Zuge der Neugestaltung der Aula, die Versetzung des Denkmals zu veranlassen und die künstlerische Umgestaltung des Denkmals, unter der entsprechenden wissenschaftlichen Beratung, in Auftrag zu geben. |
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