Im November 2005 veranstaltete das Institut für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien ein Symposium zum Thema "Weltreligionen im Dialog mit der Medizin". Am Beispiel drängender ethischer Fragen, die sich heute am Lebensanfang und Lebensende stellen, wurde über heutige Grundlagen und Zielsetzungen einer interkulturellen Medizin diskutiert. Namhafte Expertinnen und Experten referierten über Medizinethik im Judentum, im Islam, im Buddhismus und in den christlichen Konfessionen. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit der Akademie für Ethik in der Medizin mit Sitz in Göttingen organisiert. Die Beiträge des Symposiums liegen nun in Buchform vor: "Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen. Beiträge zu einer interkulturellen Medizinethik".
Interkulturelle Medizinethik
Für eine interkulturelle und religionssensible Medizinethik geht es nicht darum, ein einheitliches Menschenbild und Medizinsystem zu entwerfen, sondern sich die Relativität medizinischen Erkennens und Handelns bewusst zu machen, um über kulturelle Unterschiede und Grenzen hinweg neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen.
Eine interkulturelle Medizin- und Pflegeethik leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte. Schließlich ist auch Österreich längst ein Einwanderungsland. Integration, die man nicht mit Assimilation verwechseln darf, ist keine Einbahnstraße. Wer an die Integrationsbereitschaft von Migrantinnnen und Migranten appelliert, muss auch selbst einen aktiven Beitrag leisten und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, damit Integration überhaupt gelingen kann. Das gilt konkret auch in der Medizin und in der Pflege.
Vielfalt der Traditionen
Nun sind weder das Judentum, das Christentum und seine Konfessionen noch der Islam oder der Buddhismus erratische Traditionsblöcke. Die Religionen haben nicht nur eine lebendige und verzweigte Geschichte, sondern präsentieren sich auch in der Gegenwart in unterschiedlichen Strömungen, Schulen, Konfessionen und Denkrichtungen.
Die Beiträge diese Buches geben Einblick in die lebendigen, zum Teil auch kontroversen Diskussionen zu medizinethischen Fragen am Lebensanfang und Lebensende, wie sie nicht nur zwischen den Religionen, sondern auch innerhalb derselben geführt werden. Sie zeigen eindrücklich die Vielfalt medizinethischer Positionen, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Teil quer zu Religions- oder Konfessionsgrenzen verlaufen.
Der Vergleich zwischen jüdischer, christlicher, islamischer und buddhistischer Tradition zeigt nicht nur inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sondern lässt auch verschiedene Arten dem Umgangs mit der jeweiligen Tradition, des Argumentationsstils und der Urteilsbildung erkennen. Zu den Aufgaben einer interreligiösen Medizinethik gehört auch die Analyse der unterschiedlichen Hermeneutiken. Neben Grundkenntnissen über medizinethische Positionen in den verschiedenen Weltreligionen bietet das vorliegende Buch Einblicke in hermeneutische Fragen einer interkulturellen Medizinethik.
Das Institut für Ethik und Recht in der Medizin
Das Institut für Ethik in der Medizin (IERM) der Universität Wien wurde 1993 gegründet und ist bisher das einzige seiner Art in Österreich. An dem seit Oktober 2004 als interdisziplinäre Forschungsplattform der Katholisch-Theologischen Fakultät, der Evangelisch-Theologischen Fakultät und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät geführten Institut ist auch die Medizinische Universität Wien über einen Kooperationsvertrag beteiligt. Das Institut arbeitet auch mit außeruniversitären Institutionen und Organisationen zusammen.
Aufgabe des IERM ist es, Medizinethik, Pflegeethik und Medizinrecht interdisziplinär und integrativ in Forschung, Lehre und Beratung zu vertreten. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in einschlägigen Ethikkommissionen mit und nehmen Aufgaben auf dem Gebiet der Politikberatung wahr.
Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät und Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien.
Buch: Ulrich H. J. Körtner/Günter Virt/Dietrich von Engelhardt/Franz Haslinger (Hg.): Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen. Beiträge zu einer interkulturellen Medizinethik. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2006, 280 S. (ISBN: 3-7887-2173-1)
Wiedereröffnung des Instituts und Buchpräsentation "Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen" Donnerstag, 22. Juni 2006, 17 Uhr Institut für Ethik und Recht in der Medizin Uni-Campus Hof 1 (Durchgang zu Hof 2), Spitalgasse 2-4, 1090 Wien
Neben Ulrich Körtner sprechen zur Wiedereröffnung des Instituts Maria Rauch-Kallat, Bundesministerin für Gesundheit und Frauen, Günther Vinek, Vizerektor der Universität Wien, Gottfried Adam, Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Walter Rechberger, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Christa Schnabl, Vizedekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät, Christian Kopetzki, stellvertretender Institutsvorstand, und Ekkehard Starke vom Neukirchener Verlag.
Im Rahmen der Präsentation besteht Gelegenheit, die neu umgestalteten Räume des Instituts zu besichtigen. |