Da der deutschsprachige Raum über keine besonders ausgeprägte koloniale Vergangenheit verfügt, stellt sich die Frage, welches Potenzial die postkoloniale Theorie für die germanistische Literaturwissenschaft darstellen kann. Mag. Dr. Anna Babka argumentiert, dass die postkoloniale Theorie zwar aus einer Kritik am Kolonialismus heraus entstanden sei, dass jedoch zeitgenössische postkolonial orientierte TheoretikerInnen eine Perspektive zu entwickeln versuchen, die nicht nur auf genuin postkoloniale Literatur anwendbar ist und in der Marginalität, Pluralität und Andersheit als Quelle potentieller Veränderung angesehen werden.
Es geht Anna Babka also unter anderem darum, vielfältige Identitätskonzepte zu erarbeiten, diese denkbar und lesbar zu machen. Doch die Germanistin Babka möchte mehr, als "nur" die postkoloniale Theorie für die Literaturwissenschaft anwenden. In ihrem Forschungsprojekt, das seit Jänner 2006 läuft, verknüpft sie diese mit Gender- und Queertheorien, "um damit nicht nur neuen Denkmodellen zu folgen, sondern auch einen besonderen Werkzeugkasten zur Verfügung zu haben."
Binäres Denken dekonstruieren
Die Theorien, sowohl die postkoloniale als auch die Gender- und Queertheorie, haben viele Gemeinsamkeiten. Und das, obwohl sie sich relativ unabhängig voneinander entwickelten. Vor allem im deutschsprachigen Raum haben sich zudem bis dato erst wenige WissenschafterInnen mit der Verschränkung dieser Ansätze für die germanistische Literaturwissenschaft beschäftigt. Diesem Manko möchte Anna Babka nun mit ihrer Forschungsarbeit entgegenwirken. "Die Gemeinsamkeiten sind extrem auffällig: Sie alle unterlaufen binäre Muster, sind dekonstruktiv und zielen auf Hybridität, Offenheit und Vielfalt ab", so Babka erklärend: "Da die postkoloniale Theorie zum Großteil die Gender- sowie besonders die Queertheorie vernachlässigt, liegt es nur nahe, sie alle zusammenzubringen."
Vorträge und Workshops
Einer der bedeutendsten Vertreter der postkolonialen Theorie ist der indische Literaturwissenschafter Homi K. Bhabha. Anna Babka hat den renommierten Wissenschafter, der zur Zeit an der Harvard University tätig ist, Anfang November 2007 an die Universität Wien eingeladen, um über Hybridität und Identitätskonstruktionen zu sprechen. "Der Vortrag Bhabhas und der Workshop mit ihm sollte dazu beitragen, die Postcolonial Studies an der Universität Wien zu etablieren. Zudem beziehe ich mich in meiner Arbeit selbst sehr stark auf die Theorien von Homi Bhabha", erzählt Babka, die im Rahmen ihrer Stelle im Herbst 2006, gemeinsam mit der Germanistin Univ.-Ass. Mag. Dr. Susanne Hochreiter und dem Romanisten Mag. Dr. Renaud Lagabrielle die Konferenz "Queer Reading in den Philologien" geplant und durchgeführt hat. Auch dort waren die Verschränkungen der drei Theorien Thema.
Dezentrierte Strukturen von Macht
Eine der wesentlichen Grundannahmen des indischen Literaturwissenschafters Bhabha ist, dass Macht nicht von einem Zentrum ausgeht und nicht nur in eine Richtung wirkt, sondern vielfältige und dezentrierte Strukturen aufweist. Das heißt, dass Machtbeziehungen nur als Wechselwirkung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten bzw. Unterdrückern und Unterdrückten denkbar sind und dass Identitäten innerhalb dieses Spannungsfeldes ausgebildet werden.
Bedeutsame Konzepte Bhabhas sind unter anderen der Begriff der Hybridität und der des "dritten Raums" (third space). "Die postkoloniale Theorie hat viele Konzepte zu bieten, über die Identitätskonstruktionen erklärbar und verhandelbar sind. Sie setzt aber auch einen 'performativen' Textbegriff voraus, das heißt, dass literarische Texte erzeugen, was sie beschreiben und so kontinuitätsstiftende und kohärenzstiftende Zusammenhänge und Positionierungen in dem selben Maße ermöglichen, wie sie diese innerhalb eines postkolonialen Gestus zu unterlaufen vermögen", so Babka.
Orientalismen und Reiseliteratur
Bei der Auswahl der Literatur hat sich Anna Babka vorerst drei Schwerpunkte gesetzt: Orientalismen um 1900, dazu gehören auch Literaturen der ehemaligen Habsburgermonarchie, zeitgenössische Migrationsliteratur sowie historische Reiseliteratur, darunter die Berichte der "Biedermeier-Reisenden" Ida Pfeiffer. Der im Zuge ihres Projekts durch die Verschränkung von postkolonialen Theorien sowie Gender- und Queertheorien entwickelte Ansatz wird von ihr an diesen Texten erprobt und über die spezifischen Erfordernisse der Texte selbst weiter ausgearbeitet. Im Idealfall besteht immer eine Wechselwirkung zwischen Theorie und Lektüre. "Am besten liest man Texte mit einem bestimmten theoretischen Ansatz im Hintergrund. Das stimuliert den Lektürevorgang ungemein. Aber gleichzeitig modifiziert der Text auch die Theorie", erklärt Babka ihre Arbeitsweise. "Die Forscherin sollte sich in einem produktiven Spannungsverhältnis von Text und Theorie befinden."
Zukunftsaussichten
Das Forschungsprojekt absolviert Anna Babka im Rahmen des dreijährigen Hertha-Firnberg-Programms des FWF, das speziell zur Förderung von Frauen, die eine Universitätslaufbahn anstreben, ins Leben gerufen wurde. Die Germanistin möchte sich nach Abschluss des Projekts, Ende 2008, auch für das Nachfolgeprogramm "Elise Richter", das speziell der Förderung einer Habilitation dient, bewerben: "Dieses zweistufige Karriereprogramm ist sehr wichtig und gut, doch das eigentliche Ziel, dass die Frauen, nachdem die befristeten Stellen abgelaufen sind, an die Universitäten übernommen werden, ist noch nicht erreicht", erzählt Babka, die derzeit die einzige Hertha-Firnberg-Stelleninhaberin an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät ist.
Vorerst jedoch hat die Germanistin noch viel Arbeit vor sich. Neben zwei Lehrveranstaltungen pro Semester und der wissenschaftlichen Arbeit ist Anna Babka gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Julia Malle gerade dabei, für April 2008 eine Konferenz zu Homi Bhabha mit dem Titel "Dritte Räume. Homi K. Bhabhas Kulturtheorie" zu organisieren. (td)
Mag. Dr. Anna Babka startete das dreijährige FWF-Projekt "Notwendige Verschränkungen. Postkoloniale Theorien und Gendertheorien als Perspektiven für die germanistische Literaturwissenschaft" im Jänner 2006 im Rahmen des Hertha-Firnberg-Programms. |