Betrachtet man die Geschichte der Frauen in den letzten Jahrhunderten, wird klar, dass sich das weibliche Geschlecht viele Rechte, die für Männer schon immer selbstverständlich waren - wie z.B. das Wahlrecht - oft hart erkämpfen musste. Hier waren es vielfach Frauen aus der Wissenschaft, die sich für ihresgleichen stark machten. Eine dieser Frauen war Käthe Leichter, geborene Pick. Sie gilt bis heute als eine bedeutende Pionierin der österreichischen Frauen- und Sozialpolitik.
67 Jahre nach dem Tod von Käthe Leichter (1942 im KZ ermordet) übernimmt im Wintersemester 2009/10 die Historikerin Maren Lorenz die mittlerweile 22. Käthe-Leichter-Gastprofessur an der Universität Wien, die dieses Mal am Institut für Geschichte angesiedelt ist. Die Gastprofessur, die seit 1999 jeweils für ein Semester vom Gender Ausschuss der Historisch-Kulturwissenschaftlichen und Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultäten vergeben wird, hat zum Ziel, das Lehrangebot der Universität Wien im Bereich der "Gender Studies" sinnvoll zu ergänzen. "Es ist eine große Ehre für mich, diese Stelle anzutreten", meint Lorenz. Gleichzeitig hebt die deutsche Historikerin jedoch hervor, dass "es große Schuhe sind, die niemand vollkommen füllen könnte." Für die Wissenschafterin war Käthe Leichter eine "kämpferische, sehr tapfere Frau, an die man kaum heranreichen kann".
Ehrgeizige Ziele in Forschung und Lehre
In Bezug auf die Entschlossenheit muss Lorenz den Vergleich mit der Namensgeberin ihrer Gastprofessur allerdings nicht scheuen. Sowohl in der Lehre als auch in der Forschung verfolgt sie ambitionierte Ziele. "Ich betreibe Geschichte, weil ich tatsächlich den messianischen, humanistischen Anspruch verfolge, die Welt ein wenig verbessern zu wollen. Im Idealfall kann ich einen Beitrag leisten, sie ein wenig gerechter zu machen." Gerechtigkeit bedeutet für die Wissenschafterin vor allem Geschlechtergerechtigkeit. "Leider wird diese oft marginalisiert, und die Frauen und Männer, die sich dafür engagieren, werden lächerlich gemacht oder als bedrohliche Querdenker betrachtet", bedauert Lorenz, sieht es aber gleichzeitig als ihre Aufgabe, genau dort anzusetzen.
Brücke von der Wissenschaft zum Alltag
"An der Universität bilde ich Leute aus, die in die Welt hinausgehen. Mein Ziel ist es, diese jungen Menschen für die Geschlechterfrage zu sensiblisieren", so Lorenz. In der Lehre sieht die engagierte Wissenschafterin eine Chance, diese Zielgruppe zu erreichen: "Ich habe den Anspruch, besonders spannende Lehrveranstaltungen zu halten, damit es bei den Studierenden buchstäblich 'Klick' macht."
Lorenz gibt zu, ihre StudentInnen v.a. durch die Vermittlung von analytischen Fähigkeiten und methodische Grundlagen "aufwiegeln" zu wollen, damit sie Ungleichheiten durchschauen und abwehren können und sich sowohl im Privaten als auch im Beruflichen für die Gleichberechtigung von Mann und Frau stark machen. "Ja, man kann durchaus behaupten, dass ich in dieser Angelegenheit ein gewisses Sendungsbewusstsein besitze", so die Käthe-Leichter-Gastprofessorin. Davon können sich die Studierenden in ihren Lehrveranstaltungen überzeugen.
Genderforschung - nicht erwünscht?
In Rahmen der Gastprofessur versucht Lorenz zudem, den Studierenden die "Körpergeschichte", einen ihrer Forschungsschwerpunkte, näherzubringen: "Geschlechter- bzw. Körperbilder haben mich schon in meiner Dissertation beschäftigt. Damals hat mir mein Betreuer gesagt, dass mein Thema besonders interessant sei und ich unbedingt darüber schreiben sollte. Gleichzeitig erklärte er mir, dass dies auch das Ende meiner Hochschulkarriere sei, denn Forschungen zu 'Frauen und Körper' wären beruflich der Tod."
Dieser Aussage ihres Betreuers kann Maren Lorenz rückblickend durchaus etwas abgewinnen: "Ich denke, dass es für WissenschafterInnen tatsächlich nicht leicht ist, Genderforschung zu betreiben." Schließlich bedrohen diese Ansätze bequeme Privilegien und stellen gesellschaftliche Spielregeln ebenso wie angebliche "Naturtatsachen" in Frage. Dies könnte - nach Ansicht von Lorenz - immer noch ein Grund sein, warum es kaum ordentliche Professuren mit einem Genderschwerpunkt gibt.
Einmal Feministin, immer Feministin
"Von diesem Umstand bin ich vermutlich selbst betroffen. Für mich ist die Käthe-Leichter-Professur in gewisser Weise ein Abschiedsgeschenk, denn eine ordentliche Professur ist momentan auch für mich nicht in Sicht", bedauert Lorenz. Sofern keine Angebote kommen, wird sich die Historikerin nach ihrem Gastaufenthalt an der Universität Wien aus der Wissenschaft - zumindest vorläufig - zurückziehen. Dennoch: Das Anliegen, sich für Frauen stark zu machen, wird auch weiterhin eine große Rolle in ihrem Leben spielen. Dabei bezeichnet sich die Historikerin durchaus als Feministin: "Man darf mich gerne so nennen, denn das Wort ist zu Unrecht, in einer Phase des konservativen 'Backlash', in Verruf geraten. Schon an solchen sprachlichen Feinheiten lassen sich gesellschaftliche Kämpfe um die Deutungshoheit über die Geschlechterbilder ablesen."(pp)
Die Käthe-Leichter-Vorlesung von Privatdoz. Dr. Maren Lorenz, M.A. zu "Hat Vandalismus (k)ein Geschlecht?Diskurse über 'muthwillige' Zerstörungen von der Frühen Neuzeit bis heute" findet am Mittwoch, dem 9. Dezember 2009 um 18 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |