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Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie und -soziologie sind die Forschungsschwerpunkte des Philosophen Martin Kusch.


Institut für Philosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft Website von Martin Kusch CV von Martin Kusch
Martin Kusch: Von Cambridge nach Wien
Porträts Neo-Professuren, Professuren
Theresa Dirtl (Redaktion) am 26. Januar 2010

Seit August 2009 hat Martin Kusch die Professur für Angewandte Wissenschaftstheorie und Theorie des Wissens inne. An der Universität Wien reizte den vielgereisten Philosophen, zu dessen Stationen die Freie Universität Berlin, die Universitäten Jyväskylä, Oulu, Helsinki, Toronto, Auckland, Edinburgh sowie zuletzt die Universität Cambridge zählen, dass er hier eine große philosophische Community vorfindet, mit der er sich zu "seinem" Thema - dem Spannungsfeld von Wissenschaftsphilosophie und -soziologie - austauschen kann.

Auf ungewöhnliche Art und Weise kam Martin Kusch zur Wissenschaftsphilosophie. "Ein Zufall des Lebens brachte mich auf dieses Thema: Als ich mein Doktorat an der Universität Oulu in Finnland beendete, gab es keine Stellen in der Philosophie, dafür aber in der Wissenschaftsgeschichte. Also habe ich mich beworben - ohne auch nur das Geringste von Wissenschaftsgeschichte zu verstehen - und die Stelle seltsamerweise auch bekommen."

Nach seiner Beschäftigung mit Marxismus, Hermeneutik und Phänomenologie - "ganz klassische philosophische Traditionen" - begann sich Kusch nun intensiv mit Michel Foucault und französischer Wissenschaftsphilosophie und -geschichte auseinanderzusetzen: "Die Richtung, durch die ich zur Wissenschaftstheorie kam, war stark mit soziologischen, politischen und historischen Fragen verbunden."

Von dort war es für Martin Kusch kein großer Sprung zur Wissenschaftssoziologie, die Wissenschaft unter Berücksichtigung von Machtverhältnissen, Kontroll- oder Unterdrückungsmechanismen analysiert: "Was mich daran besonders reizte - und das gilt bis heute -, ist, dass sich Foucaults Fragen auch auf die Naturwissenschaften bezogen stellen lassen."

Wem gehört Wissen?

Grundfragen der Wissenschaftssoziologie und der soziologisch beeinflussten Wissenschaftsphilosophie, mit denen sich Kusch in mehreren Publikationen und Buchprojekten auseinandersetzte, lauten u.a.: Wie beeinflussen soziologische Faktoren die Wahl zwischen wissenschaftlichen Theorien? Ist wissenschaftliches Wissen das Besitztum von Individuen oder von Gruppen? Kann ein einzelner Wissenschafter überhaupt etwas wissen, oder ist er vom Wissen anderer abhängig?

"Ich habe versucht, die WissenschaftssoziologInnen davon zu überzeugen, dass die Wissenschaftsphilosophie durchaus wichtige Ideen und Werkzeuge enthält. Das heißt, ich habe versucht, Brücken zwischen Wissenschaftssoziologie und Philosophie zu bauen. Damit beschäftigen sich in Folge alle meine Publikationen", so Kusch: "In einem meiner Bücher, in dem es um die Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts geht, versuche ich zum Beispiel, die Philosophie in ihrer Entwicklung soziologisch zu verstehen. In einem anderen geht es um die Frage, wie sich die Erkenntnistheorie wandeln muss, wenn sie den Ergebnissen der Wissenschaftssoziologie gerecht werden will.

Von Cambridge …

Nach Lehraufträgen an den Universitäten Toronto und Auckland zog es Martin Kusch erst an die Universität Edinburgh, wo er von 1993 bis 1996 als Assistenzprofessor in der Wissenschaftssoziologie wirkte, und dann an die Universität Cambridge, wo er von 1996 bis 2000 Assistenzprofessor, 2000 bis 2003 Associate Professor, und von 2003 bis 2009 Professor für Wissenschaftsphilosophie war. "Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich an Cambridge reizte - vielleicht habe ich schlicht das Wertesystem englischer AkademikerInnen übernommen, wonach jede Karriere in Cambridge oder Oxford enden muss", meint Kusch schmunzelnd: "Einer der großen Vorteile von Cambridge ist natürlich, das alles, was in der Wissenschaft Rang und Namen hat, früher oder später mal wenigstens zum Vortrag dorthin kommt."

… nach Wien

An Martin Kuschs ehemaligem Institut in Cambridge, dem "Department of History and Philosophy of Science", waren nur drei Philosophen beschäftigt, die auch andere Forschungsschwerpunkte hatten. Daraus ergab sich der Wunsch, an ein größeres und "rein" philosophisches Institut zu wechseln. "Just kam die Stellenausschreibung der Universität Wien, und ich wusste, dass Wien in vieler Hinsicht ein guter Platz für mich wäre: Ich kannte hier schon einige WissenschaftsforscherInnen, die ich sehr schätze, wie z. B. Mitchell Ash, Ulrike Felt, Mona Singer oder Friedrich Stadler. Darüber hinaus blickt Wien auf eine lange Tradition in der Wissenschaftstheorie zurück." An der Universität Wien möchte sich Kusch nun weniger auf philosophiehistorische Themen als auf systematische Gegenwartsprobleme der Wissenschaftsphilosophie und der Erkenntnistheorie konzentrieren.

Lehre für 3.000 Studierende

Nicht nur die eigene Forschung, sondern auch die Lehre hat für Martin Kusch einen hohen Stellenwert: "In Cambridge hatten wir pro Jahr 20 bis 25 Studierende. Hier sind es 3.000. Mich interessiert es herauszufinden, inwieweit man die pädagogischen Vorteile einer intensiven Betreuung auch bei größeren Gruppen umsetzen kann." Weiters ist es für Kusch selbstverständlich, dass er selbst auch Einführungsvorlesungen hält, "denn in solchen Lehrveranstaltungen werden die Grundsteine einer soliden Ausbildung gelegt." (td)


Univ.-Prof. Dr. Martin Kusch ist Professor für Angewandte Wissenschaftstheorie und Theorie des Wissens an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft.

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