Aufbauend auf dem im November 2009 stattgefundenen Symposium "War against Terror. Art against War" befragten am 19. und 20. Jänner 2010 internationale MedienexpertInnen, Kunst- und PolitikwissenschaftlerInnen auf Einladung des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums der Universität Wien das Spannungsfeld von Medien, Irakkrieg und Kunst. |
Die Objektivität medialer Berichterstattung, die Wirkungsmacht der Massenmedien sowie deren Rolle in der Vorbereitung von Krieg waren im Rahmen der Diskussionsrunde am 19. und 20. Jänner 2010 ebenso Thema wie der künstlerische Umgang mit und die Reaktion der Kunst auf die Bilder des Kriegs.
Zur feministischen Medienkritik in Elfriede Jelineks Texten "Bambiland" und "Babel" sprachen die Politologin Eva Kreisky sowie die Theaterwissenschaftlerin Katharina Pewny. Während der Regisseur Christoph Schlingensief die feministischen Aspekte dieser Texte in einem einleitenden Statement in Frage stellte, bekräftigte Kreisky die gewalts- und patriarchatskritische Komponente bei Jelinek. Diese sei "ohne Zweifel einem solchen Erkenntnisprogramm verbunden", so Kreisky. Die Medienkritik Jelineks in Bezug auf den Irakkrieg, ergänzte Katharina Pewny, sei eine Kritik daran, wie der Krieg in Fernsehbildern und Slogans reproduziert werde. Das zeige sich etwa in der Brechung von medialer Reproduktion und Handlungslinearität in den Theatertexten.
Große Bedeutung arabischer Medienberichterstattung
Über die Objektivität der medialen Berichterstattung in der westlichen und arabischen Welt diskutierten unter der Leitung von Thomas Schmidinger (Institut für Politikwissenschaft) Katharina Nötzold (Arab Media Centre, University of Westminster), der Kunsttheoretiker Bazon Brock (Bergische Universität Wuppertal) und der ORF-Auslandskorrespondent Friedrich Orter. Übereinstimmend wurde auf die große Bedeutung der arabischen Medienberichterstattung als Gegengewicht zur US-amerikanischen Darstellung des Irakkriegs hingewiesen. Katharina Nötzold hob hervor, dass diese äußerst heterogen sei und daher auch innerarabische Diskussionen wiedergegeben habe. Die medial aufbereitete psychologische Kriegsführung der USA sei durch das mediale Gegengewicht, vor allem durch die Berichterstattung arabischer Weblogs, jedenfalls gescheitert, stellte Friedrich Orter aus eigener Erfahrung fest.
Sollen wir den Fernseher abschalten?
Bazon Brock entgegnete auf die Frage: "Mangelt es am Medium, sollen wir den Fernseher abschalten?" - eine überspitzte Schlussfolgerung Eva Kreiskys nach der Lektüre von Texten Elfriede Jelineks - differenzierend: wichtig sei die bewusste Trennung von Informationen und der Bewertung derselben. "Der Lügner rettet die Wahrheit", so Brock, denn offen manipulative Berichterstattung ermögliche dem Zuschauer überhaupt erst, sich vom Geltungsanspruch des Behaupteten zu distanzieren und somit aufklärerisch zu reagieren.
"Pax Americana"
In weiterer Folge konnte Christian Schenkermayr mit Texten von Falk Richter und Elfriede Jelinek zentrale Beispiele für die literarische Verarbeitung medialer Sprache und Inszenierung aus den Golf- und Irakkriegen darstellen. Übereinstimmend mit Peter Weibel wurde in der Diskussion exemplarisch der Unterschied sprachlicher Zugänge - Aneignung der kollektiven Mediensprache einerseits, Entwurf einer Privatsprache andererseits - bei Elfriede Jelinek und Peter Handke hervorgehoben. Jelineks Technik, so Weibel, sei als Strategie der Subversion die wirksamere, um hinter die Fassade der öffentlichen Bilder zu blicken. Mit einem historischen Rückgriff spannte Peter Weibel schließlich einen Bogen von der "pax Augusta" zur "pax Americana", indem er die Vorbildwirkung der frühen performativen Inszenierung bei Augustus darstellte und eine Kontinuität zur Gegenwart zeigte. "Das Bild", so Weibel, komme "vor dem Ereignis" und legitimiere dieses somit im Vorfeld.
In einem abschließenden Programmpunkt wurden von Teresa Kovacs unter dem Titel "60 Sekunden im Krieg" mehrere Arbeiten Christoph Schlingensiefs präsentiert, die seinen Umgang mit Bildern des Irakkriegs zeigten und die von ihm in einem Interview anlässlich der Veranstaltung kommentiert wurden.
Die Beiträge und Diskussionen werden im Jahrbuch des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums 2011 publiziert. Die Veranstaltungsreihe "Totalitarismus - Fundamentalismus - Kapitalismus. Kunst im globalen Kontext", die sich, ausgehend von Texten Jelineks, mit der Sicht von KünstlerInnen auf aktuelle globale Themen beschäftigt, findet im Herbst 2010 mit einer Tagung zum Spannungsfeld von Kunst und Kapitalismus ihre Fortsetzung.
Christoph Kepplinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Elfriede Jelinek-Forschungszentrum der Universität Wien |